Unregierbares Rom: Bürgermeister verzweifelt gesucht

Unregierbares Rom: Bürgermeister verzweifelt gesucht

, aktualisiert 28. Mai 2016, 15:16 Uhr
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Rom, die „ewige Stadt“, bereitet vielen ihrer Bürger auch ewigen Kummer. Die müssen nun einen neuen Bürgermeister wählen.

Quelle:Handelsblatt Online

Rom gilt als eine der schönsten Städte der Welt. Doch der Alltag besteht aus Dreck, Stau, Smog und Korruption, die Bürger haben die Nase voll. Jetzt wird ein Bürgermeister gesucht – aber Lust auf den Job hat niemand.

RomRom ist tatsächlich eine „Ewige Stadt“. Im positiven Sinne einerseits, denn die Zeugnisse aus der Antike - vom Kolosseum über das Forum Romanum bis zum Circus Maximus - sind und bleiben ein überwältigendes Zeugnis von der Größe eines untergegangenen Weltreiches. Aber es gibt auch die andere Seite. Rom ist ewig dreckig, ewig von Abgasen und verstopften Straßen gebeutelt und ewig von Touristen überschwemmt. Das von Papst Franziskus für 2016 ausgerufene „Heilige Jahr der Barmherzigkeit“ hat die Situation eher noch verschlimmert, zwängen sich doch zusätzlich zu den üblichen Massen auch noch Tausende katholische Pilger durch die engen Gassen.

Am kommenden Wochenende wird in der italienischen Hauptstadt ein neuer Bürgermeister gewählt – aber die Bevölkerung hat kaum Hoffnung, dass sich an der Misere in Bälde etwas ändern wird. Für die Anwärter auf das schwierige Amt gäbe es Wahlkampfthemen zuhauf: Umwelt- und Luftverschmutzung, Arbeitslosigkeit, Verkehrschaos, Korruption, Kriminalität, illegale Einwanderung oder Rattenbekämpfung – wo soll man überhaupt anfangen? „Ich habe das Gefühl, dass die Kandidaten es darauf anlegen, die Wahl zu verlieren, denn niemand will den Job machen“, sagt der Taxifahrer Alessio. „Rom ist unregierbar geworden.“

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Statt einen Missstand konkret anzugehen, werben die Kandidaten mit so aussagekräftigen Slogans wie „Rom wird wieder Rom“, „Dies ist Rom“, „Du bist Rom“ und „Ich liebe Rom. Und Du?“ und lächeln auf Plakaten etwas gequält die frustrierten Bürger an. Beobachter rechnen angesichts dieser inhaltsschweren Ergüsse mit einer eher geringen Wahlbeteiligung.

Apropos Ratten. Zwischen sechs und neun Millionen der unbeliebten Nager sollen in und unter Rom leben, mehr als doppelt so viele wie Menschen. Seit Monaten gibt es einen regelrechten Alarm, Restaurants und Bars in Trastevere, Borgo Pio und anderen Vierteln im Zentrum berichten von regelmäßigen Besuchen der verfressenen Vierbeiner, die mit den Gästen quasi ein- und ausgehen. Denn seit Jahren wird geschlampt, Müllsäcke liegen manchmal tagelang auf den Straßen, in öffentlichen Blumenkübeln wimmelt es von Plastik, überfüllte Tonnen warten vergeblich auf ihre Entleerung.

Ekliger Höhepunkt der Plage: Anfang März tropfte im Kiosk, in dem Eintrittskarten für die Kaiserforen und den Palatinhügel verkauft werden, plötzlich Blut auf den Tresen. Eine Ratte war im Gebälk darüber zwischen Balken eingeklemmt und verblutet. „Die Ratten sind ein großes Problem, dem wir einfach nicht mehr Herr werden“, gab der Leiter der Archäologiebehörde, Francesco Prosperetti, daraufhin zu.

Für die Bevölkerung ist dies nur eines der vielen Probleme, mit denen sie täglich umgehen muss. „Ich persönlich finde die Verkehrssituation am schlimmsten, der neue Bürgermeister muss unbedingt Lösungen finden, um die Straßen zu entlasten“, meint die Anwältin Viviana Del Prete.

So müssten Stadtviertel in der Peripherie besser angebunden werden, aber auch die Instandhaltung der von Schlaglöchern übersäten Straßen müsse zu einer Priorität gemacht werden. Brauchbare Fahrradwege würden ebenfalls die Lebensqualität verbessern. „Was Rom braucht, ist eine moderne Vision dieser Stadt, man kann sie heute nicht mehr so regieren, wie noch vor 50 Jahren“, so die 45-Jährige. Sie will wählen gehen - „aber eigentlich nur aus Verzweiflung“.


Kabarett-Partei und Faschisten sind Favoriten

Viele Römer auf den Straßen sagen ganz offen, dass sie für Virginia Raggi stimmen wollen, eine junge Rechtsanwältin, die für die Fünf-Sterne-Bewegung des früheren Kabarettisten Beppe Grillo ins Rennen geht. Die 37-jährige Spitzenkandidatin der 2009 als Protestinitiative gegründeten Partei hat tatsächlich gute Chancen, die Wahl zu gewinnen – in Umfragen lag sie zuletzt vor dem etwas farblosen Parlamentarier Roberto Giachetti (55), dem Kandidaten von Regierungschef Matteo Renzi.

Auch die bei der rechts ausgerichteten Bevölkerung beliebte Giorgia Meloni könnte weit vorn liegen. Die ehemalige Jugend- und Sportministerin ist die Parteivorsitzende der postfaschistischen „Fratelli d'Italia“ - und die 39-Jährige will den Kapitolshügel für die Rechtsextremen zurückgewinnen, die mit Giovanni Alemanno von der Vorgängerpartei Alleanza Nazionale bereits von 2008 bis 2013 den Bürgermeister gestellt hatte. Medienmogul Silvio Berlusconi unterstützt mit seiner Forza Italia derweil einen alten Freund, den Bauunternehmer Alfio Marchini (51).

Wer auch immer als Sieger gekrönt wird, zum Strahlen hat er (oder sie) kaum einen Grund. Die Herkulesaufgabe „Rom“ anzugehen kann so mancher politischen Karriere mehr schaden als nützen. Denn die Bürger wissen mittlerweile, sich zu wehren – etwa durch Netzportale wie „Roma fa schifo“ (Rom ist eklig), wo wütende Bürger Fotos von Müllbergen und Ratten posten und mit Berichten aus dem Alltagsleben ihrem Ärger Luft machen. Wer glaube, Rom sei die schönste Stadt der Welt, der solle lieber zwei Mal hinschauen, schrieb kürzlich jemand. „Rom ist nicht mehr malerisch, die Stadt nervt nur noch.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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