Arbeitsmarkt: Viele Jobs, wenige Gewinner

Arbeitsmarkt: Viele Jobs, wenige Gewinner

von Thomas Schmelzer

Hunderttausende neue Jobs, stabiles Wachstum, optimistische Mittelständler: Die Stimmung am deutschen Arbeitsmarkt ist gut. Doch der Aufschwung hilft vor allem den Hochqualifizierten – andere leiden.

Die Lage am deutschen Arbeitsmarkt ist so gut wie lange nicht mehr – allerdings profitieren davon nicht alle Arbeitnehmer in gleichem Maße. Das belegen mehrere Studien, die in den vergangenen Tagen erschienen sind. Laut einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) könnten in Deutschland bis zum Jahresende 500.000 neue Jobs entstehen. Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) prognostiziert sogar bis zu 760.000 neue Stellen.

Vom Boom am Arbeitsmarkt profitieren aber vor allem die Hochqualifizierten, wie aus dem Beschäftigungsausblick 2017 der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hervorgeht. Arbeitsplätze für Menschen mit mittlerer Qualifikation sind dagegen von der Automatisierung bedroht.

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In Deutschland ist der Anteil der Arbeitsplätze für Menschen mit mittlerer Qualifikation demnach zwischen 1995 und 2015 um 8,1 Prozent gefallen, während der Anteil der Hochqualifizierten um 4,7 Prozent stieg. Im Vergleich zu anderen OECD-Ländern findet diese Entwicklung in Deutschland relativ langsam statt. In Österreich sank der Anteil der Jobs für Mittelqualifizierte im gleichen Zeitraum um 16,8 Prozent.

Veränderungen am Arbeitsmarkt Diese Fachkräfte braucht die Welt

2013 wusste kaum jemand, was ein Data Scientist ist, 2017 gehören sie zu den gefragtesten Berufsgruppen. Nur eine Berufsgruppe ist derzeit weltweit noch gefragter. Doch damit ergibt sich auch ein großes Problem.

Quelle: Fotolia

Der Ökonom und Arbeitsmarktexperte Enzo Weber vom IAB beobachtet diese Entwicklung seit langem. „Die Polarisierung am Arbeitsmarkt ist kein neues Phänomen“, sagt er. Der Grund dafür liege vor allem in der Computerisierung. Die bedrohe in vielen Fällen keine körperliche Arbeit oder Helferjobs, sondern eher Routinejobs wie den des Buchhalters. „Dadurch nimmt der Anteil der Mittelqualifizierten am Arbeitsmarkt ab.“

Während Weber diese Polarisierung in vielen Ländern lehrbuchmäßig beobachten kann, finde sie in Deutschland aber nach einem anderen Muster statt. „Durch das duale Ausbildungssystem hat Deutschland seine Stärken bislang gerade bei den Mittelqualifizierten“, sagt Weber. Die OECD-Zahlen erklärt er durch die Entwicklung nach der Wiedervereinigung. Zudem könne es künftig für Meister, Techniker oder Pfleger zu wenige Lehrlinge geben. „Dadurch sinkt der Anteil dieser Jobs – obwohl es innerhalb der Berufe kaum Arbeitslosigkeit gibt.“

In der Zukunft könnte allerdings auch dieser Bereich von der Automatisierung betroffen sein. „Wenn die Digitalisierung voll durchschlägt, wird es in Deutschland auch im mittleren Bereich erhebliche Veränderungen geben“, prognostiziert Weber. In einer Studie hat er ausgerechnet, dass bis 2025 in Deutschland durch die Digitalisierung 770.000 Arbeitsplätze für Mittelqualifizierte verloren gehen könnten. Nach den Ergebnissen der Studie würde dieser Verlust aber durch einen gleichwertigen Zuwachs bei den komplexen Tätigkeiten ausgeglichen.

Armutsforscher Butterwegge „Die Bundesregierung verschleiert den Reichtum“

Armutsforscher Christoph Butterwegge wirft der Bundesregierung die Verschleierung der sozialen Wirklichkeit vor. Allein das verspätete Erscheinen des 5. Armuts- und Reichtumsberichts sei ein Skandal.

Ein Bettler vor dem Bundeskanzleramt in Berlin. Quelle: dpa

Aktuell sieht Weber das größte Problem am deutschen Arbeitsmarkt bei den Niedrigqualifizierten. „Da ist keine deutliche Verbesserung in Sicht“, sagt er. Damit sei der deutsche Arbeitsmarkt weniger durch Polarisierung als durch Höherqualifizierung charakterisiert.

Der Arbeitsmarktexperte Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin hat ähnliche Beobachtungen gemacht. „In Deutschland bauen wir überall Jobs auf – nur nicht bei den Geringqualifizierten.“ In den vergangenen sechs Jahren sei der Arbeitsmarkt für Geringqualifizierte daher immer schwieriger geworden. „Da bewerben sich heute schon Dutzende Menschen auf eine Arbeitsstelle – und das wird nicht besser werden“, sagt Brenke.

Die OECD hält noch zwei weitere Dinge am deutschen Arbeitsmarkt für verbesserungswürdig. "Zwei Schwächen der Entwicklung in Deutschland sind der höhere Anteil von Arbeitsplätzen mit starkem arbeitsbedingtem Stress und eine große Lohndifferenz zwischen den Geschlechtern", erklärte sie.

Insgesamt fällt das OECD-Urteil aber positiv aus. Bis Ende 2018 werde die nach internationalen Standards berechnete Arbeitslosenquote in Deutschland auf 3,7 Prozent sinken. Das sei weniger als die Hälfte des Niveaus von 2007.

Jobchancen für Arbeitslose: So stehen die Chancen in den einzelnen Bundesländern

  • Bundesdurchschnitt

    Zu Jahresbeginn ist der Arbeitsmarkt im Aufwind. Laut der Arbeitsmarktstudie einer Job-Suchmaschine kommen in Deutschland dennoch auf eine offene Stelle 5,96 Arbeitslose. Es gibt jedoch große regionale Unterschiede, was die Konkurrenz um vakante Jobs angeht.

  • Baden-Württemberg

    Baden-Württemberg ist das Bundesland mit den besten Jobchancen für Arbeitslosen. Mit lediglich 1,81 Arbeitslosen pro offener Stelle ist hier die Konkurrenz um einen Job deutschlandweit am niedrigsten.

  • Bayern

    In Bayern konkurrieren zwei Arbeitslose (1,91) um einen Job.

  • Hamburg

    Hamburg belegt mit durchschnittlich 1,95 Arbeitslosen pro offener Stelle Platz drei unter den Top-Bundesländern. Insgesamt kommen im Stadtstaat 71.935 gemeldete Arbeitslose auf 36.836 offene Stellen.

  • Hessen

    In Hessen sind 179.124 Menschen arbeitslos gemeldet. Demgegenüber stehen 61.110 offene Stellen. Auf einen Job kommen also fast drei mögliche Bewerber (2,93). Damit liegt Hessen immer noch auf Platz vier der Bundesländer, die die besten Jobchancen für Arbeitslose bieten.

  • Berlin

    Berlin schafft es mit 3,5 Arbeitslosen pro Stelle gerade noch in die Top 5. Verglichen mit dem Spitzenreiter Baden-Württemberg ist es in der Hauptstadt fast doppelt so schwer, einen Job zu finden.

  • Bremen

    In Bremen stehen 36.679 arbeitslos gemeldete Personen 8.352 vakanten Stellen gegenüber. Auf jeden Job kommen also 4,39 potentielle Bewerber.

  • Nordrhein-Westfalen

    In NRW kommen auf eine offene Stelle 5,32 Arbeitssuchende. Damit belegt das Bundesland Platz sieben im Ländervergleich.

  • Rheinland-Pfalz

    Mit 5,77 Jobsuchern pro offener Stelle ist Rheinland-Pfalz auf Platz acht.

  • Sachsen

    161.544 Menschen sind in Sachsen arbeitslos gemeldet. Demgegenüber stehen 26.847 offene Stellen. Auf einen Job kommen also 6,02 Bewerber.

  • Thüringen

    Noch etwas größer ist die Konkurrenz in Thüringen: Hier kommen 79.514 Arbeitslose auf 12.948 Stellen. Um einen Job konkurrieren also statistisch gesehen 6,14 Menschen.

  • Schleswig-Holstein

    Im Norden Deutschlands kommen auf eine offene Stelle 6,3 Bewerber. Jedenfalls stehen 100.271 Arbeitslosen 15.909 offene Stellen gegenüber.

  • Saarland

    Das Saarland kommt mit 9,53 Arbeitslosen pro offener Stelle unter die Flop 5 der deutschen Bundesländer.

  • Mecklenburg-Vorpommern

    Auch in Mecklenburg-Vorpommern sind die Aussichten für arbeitslose, einen Job zu finden, eher gering. Hier kommen 11,27 Arbeitslose auf eine offene Stelle.

  • Brandenburg

    In Brandenburg stehen 108.034 Arbeitslose 9.424 offenen Stellen gegenüber. Damit kommen 11,46 Arbeitslose auf eine Stelle.

  • Sachsen-Anhalt

    Am schlechtesten sind die Jobchancen in Sachsen-Anhalt: Hier kommen 11,54 arbeitslose Menschen auf eine offene Stelle. Im bundesweiten Vergleich kann es für Bewerber daher doppelt so schwer sein, einen Job zu finden. Verglichen mit dem Arbeitsmarkt in Baden-Württemberg,
    Bayern oder Hamburg sogar sechsmal so schwer.

Mit Material von dpa und Reuters.

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