Berlin intern: SPD genießt das süße Gift der Macht

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Kursbestimmung Auf der „Havel Queen“ ist Kahrs (rechts) Chef, Gabriel nur Passagier

Kolumne von Henning Krumrey

Ungewohntes Gefühl: In der SPD ist die Oppositionslust so gering wie nie – und die pragmatischen Regierungs-Sozis sind auf einmal die Hauptströmung.

Langsam vorankommen, aber beständig. Schon eine Welle machen, aber nur eine kleine. Kurs halten und nicht kentern. So sehen sie sich am liebsten, die „Seeheimer“ in der SPD-Bundestagsfraktion. Schönster Ausdruck des Selbstverständnisses der staatstragenden Genossen ist die traditionelle Spargelfahrt.

Einst schipperten sie von Bonn den Rhein hinauf, nun pflügen sie einmal im Jahr über den Wannsee. Vergangene Woche gingen wieder einige Hundert Abgeordnete, Mitarbeiter, Journalisten, sonstige Gäste und Lobbyisten, äh, Sponsoren an Bord der „Havel Queen“.

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„Im vergangenen Jahr“, beginnt der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann seine kurze Rede, habe es „zwei gesellschaftliche Tiefpunkte gegeben: Erst fiel die Spargelfahrt aus, dann ging die Bundestagswahl verloren.“ Damals sagten die Veranstalter die Dampfer-Sause ab, weil in Ost- und Süddeutschland den Hochwasseropfern gerade Hab und Gut absoffen.

Diesmal ist die Stimmung so fröhlich wie seit Jahren nicht. Stolzestrunken beklatschen sie „sozialdemokratische Reformen im Wochentakt“, die Oppermann bejubelt. Nur dass Nahles’ Rentenreform schon fertig ist „dank der Andrea“, da bleibt der Szenenapplaus aus.

Einmal in Fahrt, staunt Oppermann über „Talente, die man gar nicht erwartet hatte: Der Sigmar hält staatsmännische Reden und Frank-Walter Steinmeier hält Wutreden.“ Für den weiteren Erfolg der Sozialdemokratie sei es am besten, „Frank hält ab und zu Wutreden und Sigmar hält ab und zu keine Wutrede“. Da brummt der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel von seinem Tisch aus dazwischen: „Wenn du so weitermachst, halte ich doch eine!“

Beide sind freilich nur Gast an Bord. Für den Seeheimer Kreis kritisiert Johannes Kahrs, einer der drei Sprecher, puristische Parteifreunde, die trotz des SPD-Kurses der Bundesregierung immer noch rumnölten. „Auch wenn man nur 95 Prozent durchsetzt, ist es gut.“ Das ist in der Tat deutlich mehr, als nach den 25,7 Prozent bei der Bundestagswahl zu erwarten war. Noch zwei Prozentpunkte mehr bei der Europawahl eine Woche zuvor sorgen für eitel Freude.

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Gabriel mahnt, die SPD müsse „zeigen, dass wir nicht Opposition in der Regierung spielen. Das versteht man nicht.“ Den Seeheimern muss er das nicht sagen. In dem losen Club versammeln sich jene, die regieren wollen. Konservative oder rechte Genossen seien sie aber „ganz sicher nicht“, protestieren die drei Sprecher Kahrs, Petra Ernstberger und Carsten Schneider. Seit ihrem Entstehen – eine formelle Gründung hat es nie gegeben – sind die Seeheimer der pragmatisch-staatstragende Teil der roten Fraktion.

Vorläufer ab Mitte der Fünfzigerjahre waren die legendären „Kanalarbeiter“, die sich auch „Freunde sauberer Verhältnisse“ nannten – für das Godesberger Reformprogramm von 1959, gegen linke Ideologen. Aus ihrem späteren Tagungsort, dem Lufthansa-Schulungszentrum in Seeheim an der Bergstraße, entstand der heutige Name.

In dieser Legislaturperiode sind die Seeheimer noch stärker das Rückgrat der Fraktion als früher. „So geschlossen habe ich die Fraktion noch nicht erlebt“, erinnert sich Dennis Nocht, der Geschäftsführer des Kreises. Die Genossen sind mit sich und ihrer Arbeit im Reinen.

Für die Seeheimer gilt das allemal. Ulrich Freese beispielsweise, erstmals im Bundestag und bis Mitte 2013 stellvertretender Vorsitzender der IG BCE. Er freut sich über den „Industrieminister“ Gabriel, der Arbeitsplätze erhält und Kostensteigerungen für energieintensive Betriebe begrenzt. Pragmatisch eben.

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