Buchpremiere von Gabor Steingart: „Leben im Zeitalter der Überforderung“

Buchpremiere von Gabor Steingart: „Leben im Zeitalter der Überforderung“

, aktualisiert 19. Oktober 2016, 18:14 Uhr
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Der Herausgeber des Handelsblatts bei seiner Buchpremiere von „Weltbeben“ in Frankfurt am Main.

von Jens KoenenQuelle:Handelsblatt Online

„Weltbeben“ – so hat Gabor Steingart, Herausgeber des Handelsblatts, sein neues Buch genannt. Bei der Premiere in Frankfurt spricht er über „eine Welt des vorsätzlichen Wahnsinns" und über die Exzesse am Finanzmarkt.

FrankfurtGleich zu Beginn seiner Buchpräsentation macht der Autor deutlich, worauf es ankommt. „Widersprechen Sie bitte, jede Gegenrede ist willkommen“, fordert Gabor Steingart die rund 500 Gäste im Festsaal der Frankfurter Goethe-Universität auf: „Nur so kann Zuversicht entstehen, denn die Linderung der Verhältnisse kommt diesmal nicht von oben.“

„Weltbeben“ hat Steingart sein neuestes Buch genannt – ein Titel, der nicht so recht zu der vom Herausgeber propagierten Zuversicht passen will. Tatsächlich sind die über 200 Seiten in weiten Teilen eine Abrechnung mit der aktuellen Situation, eine zuweilen brutale Analyse von Börsenkapitalismus, US-Außenpolitik, Medienindustrie und Parteipolitik. „Dieser Autor hat was zu sagen. Das politische Tier ist in ihm durchgegangen“, sagt Wolfgang Ferchl, Verleger des Albrecht Knaus Verlags.

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Doch das schonungslose Zerlegen der Probleme passt für Steingart sehr wohl zum Thema Zuversicht. Es ist sogar die Voraussetzung dafür. „Nur wer seine Überforderung erkennt, kann sie überwinden.“ Auf mehreren Charts führt der Buchautor seinen Gästen vor Augen, was in den letzten Jahrzehnten in einer Welt passiert ist, die er „Welt des vorsätzlichen Wahnsinns“ nennt.

Zwischen 2005 und 2015 sei die weltweite Staatsverschuldung um 217 Prozent auf 57,2 Billionen US-Dollar angewachsen. Während das Bruttosozialprodukt von 1987 bis jetzt weltweit um rund 340 Prozent gestiegen sei, hätten die Aktienkurse der Top-500-Unternehmen in den USA um fast 800 Prozent zugelegt. Einst hätten Vorstandschefs das 20-Fache ihrer Angestellten verdient, heute im Durchschnitt der US-Konzerne das 300-Fache. Steingart spricht von Exzessen, verursacht durch die wundersame Geldvermehrung der Notenbanken und den Verlust von Maß und Mitte. Der eine oder andere Zuhörer muss bei diesen Zahlen tief Luft holen.

Dann die Digitalisierung in ihrer neuesten Spielart, der künstlichen Intelligenz. „Wurde im Zeitalter der Industrialisierung körperliche Arbeit auf Maschinen übertragen, erleben wir jetzt, wie geistige Tätigkeit auf Maschinen übertragen wird“, so Steingart. Die Folgen: Der Kapitaleinsatz steigt, die Lohnquote an der Wertschöpfung sinkt, die sozialen Unterschiede zwischen Gewinnern und Verlierern dieser hochdynamischen Transformation wachsen.

Das, so Steingart, spreche nicht gegen Digitalisierung und Globalisierung, aber es spreche dafür, diesen Prozessen ihre urgewaltliche Kraft zu nehmen und sie zu moderieren. Wirtschaftliche Umbrüche, wenn sie disruptiv verlaufen und Zukunftsangst verbreiten, führten zur Veränderung im politischen Überbau – wie etwa bei der Industrierevolution des 19. Jahrhunderts und beim Übergang zum Börsenkapitalismus im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts.

Als wäre das nicht schon komplex genug, kommt die Politisierung der Religion hinzu. 2,2 Milliarden Anhängern des Christentums stünden 1,6 Milliarden Anhänger des Islams gegenüber. „Schon angesichts der schieren Größenverhältnisse erscheint es wenig sinnvoll, sich auf einen Krieg der Kulturkreise einzulassen“, mahnt Steingart. Doch genau das geschehe, und zwar nicht erst seit den Terrorangriffen vom 11. September 2001.

„Dieser Krieg der Kulturkreise hat viel früher begonnen, beispielsweise 1953, als die Amerikaner in der CIA-Operation Ajax die demokratisch gewählte iranische Regierung des Präsidenten Mohammad Mossadegh, der die Verstaatlichung der unter westlicher Kontrolle befindlichen Ölfelder plante, stürzte.“ Das Verhältnis zwischen den Kulturkreisen ließe sich nicht mit Hass und Krieg, sondern nur mit Respekt, Dialog und Abstand wieder beruhigen. Der Export westlicher Werte sei mit der Maschinenpistole nicht zu befördern, schreibt Steingart in seinem Buch.


Grund für Zuversicht

Trotz dieser Probleme, deren Gleichzeitigkeit zur Überforderung und zum teilweisen Kontrollverlust der Eliten geführt habe, sieht Steingart zahlreiche Gründe für Zuversicht. In der westlichen Welt gebe es eine uneingeschränkte und sogar wachsende Presse- und Meinungsfreiheit. Immer mehr Menschen würden sich online vernetzen und austauschen. Es gebe keine Geheimnisse mehr, keine Hegemonie tradierter Medien mehr. „Die schweigende Mehrheit hat aufgehört, schweigsam zu sein“, sagt Steingart.

Sogar die hohe Quote von 52 Prozent Nichtwählern bei der letzten Europawahl liefert für den Handelsblatt-Autor Grund zur Zuversicht. „Nichtwählen ist nicht cool und ist keine Lösung. Aber es ist ein Weckruf. Wenn das politische Angebot nicht ausreichend ist, muss der mündige Bürger das Recht haben, es in Gänze zurückzuweisen.“

Niemals zuvor hätten die Bürger mehr Mitspracherechte, mehr Einmischungspotenzial, mehr politische Macht besessen, wirbt Steingart für eine Beteiligung an der Veränderung der Welt. Die Bürgerproteste gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 und die Atomenergie, der Einsatz für eine ökologische Landwirtschaft, alternative Energiearten, Frauengleichberechtigung, die britischen Proteste gegen die EU, das politisch organisierte Unbehagen am Euro – das seien nicht Signale der Entpolitisierung, sondern im Gegenteil Formen des politischen Widerstands gegen eine als widrig empfundene Wirklichkeit. „Was ist ein Mensch in der Revolte? Ein Mensch, der Nein sagt“, zitiert Steingart den französischen Philosophen Albert Camus.

Was er tun würde, wenn er Bundeskanzler würde, fragt ein Gast der Buchpremiere. „Die Prämisse ist zu groß, die Komplexität zu hoch, um mal eben drei oder vier Punkte aufzählen zu können“, antwortet Steingart. Um dann doch noch eine Botschaft nach Berlin zu senden: Der Politik fehle es an Nachdenklichkeit und Selbstreflexion. Worin bestehen Alternativen zu Krieg, beschleunigter Vergemeinschaftung und Verschuldung? „So wie jeder Kaufmann einmal im Jahr Inventur macht, sollte die Politik sich selbst einer Bewusstseinsinventur unterziehen.“

Gabor Steingart: Weltbeben – Leben im Zeitalter der Überforderung. Knaus 2016, 240 Seiten, 16,99 Euro

Quelle:  Handelsblatt Online
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