These 47: Museumsbesuch für alle

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Wieso zahlen Bürger Geld für die Besichtigung von Kunstwerken, die ihnen gehören?

Wieso zahlen Bürger Geld für die Besichtigung von Kunstwerken, die ihnen gehören? Für eine neue Kultur der Vermittlung von klassischem Bildungswissen.

Als Premierministerin Margaret Thatcher in den Achtzigerjahren staatliche Museen zur Eintreibung von Eintrittsgeldern zwang, regte sich das liberale Herz der Briten: Was für eine Unverschämtheit vom Staat, seinen Bürgern Geld für die Besichtigung von Werken abzuverlangen, die ihnen selbst gehören! Deswegen ist der Eintritt in die meisten Museen Großbritanniens heute wieder frei.

So viel geben die Länder für Theater und Musik aus

  • Zu den Daten

    Die Angaben sind dem Kulturfinanzbericht entnommen. Sie beschreiben, wie hoch die Ausgaben pro Einwohner im jeweiligen Bundesland inklusive der Gemeinden im Jahr 2013 waren.

  • Baden-Württemberg

    43,27 Euro

  • Bayern

    40,12 Euro

  • Berlin

    90,61 Euro

  • Brandenburg

    15,49 Euro

  • Bremen

    79,16 Euro

  • Hamburg

    104,19 Euro

  • Hessen

    38,17 Euro

  • Mecklenburg-Vorpommern

    40,09 Euro

  • Niedersachsen

    27,62 Euro

  • Nordrhein-Westfalen

    37,27 Euro

  • Rheinland-Pfalz

    24,61 Euro

  • Saarland

    29,13 Euro

  • Sachsen

    69,01 Euro

  • Sachsen-Anhalt

    50,67 Euro

  • Schleswig-Holstein

    25,63 Euro

  • Thüringen

    60,11 Euro

Recht haben sie, die Briten. Ins British Museum, die Tate Modern und die National Gallery strömen sechs- bis zehnmal so viele Besucher wie in die Berliner Museen Pergamon, Hamburger Bahnhof oder Gemäldegalerie. Man geht auf der Insel aber nicht nur öfter ins Museum, sondern auch gelassener, selbstverständlicher, beiläufiger. Runter mit der Geldschwelle also!

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Und rauf mit der Qualitätsschwelle zugleich. Denn das britische Modell hat einen entscheidenden Nachteil: Das Ausgestellte wird präsentiert wie auf einem Jahrmarkt, laut und marktschreierisch – und die Besucher sind, vor allem an Wochenenden und in den Ferien, so zahlreich, dass Konzentration unmöglich wird. Das Gezeigte rauscht folgenlos an einem vorbei.

Kunst macht Mühe – auch dafür müssen die Museen daher einen neuen Sinn entwickeln: Die alten Meister zum Beispiel kann halt nur entschlüsseln, wer sich für griechische Mythen und biblische Symbole interessiert. Es hilft nichts, sich eine Kundschaft zu erziehen, die von Ausstellungsmachern alles, von sich selbst aber nichts mehr verlangt. Die sich nicht vorbereiten, stattdessen alles mundgerecht serviert bekommen will.

Wer am Erhalt musealer Kultur interessiert ist, muss die Voraussetzungen dafür schaffen, dass ihr Wert verstanden werden kann: durch die Vermittlung von klassischem Bildungswissen. Dafür gibt es auch funktionale Gründe: Eine Gesellschaft, die den Bezug zu ihrer Tradition kappt, ihre politische Vergangenheit und ihre kulturellen Grundlagen nicht mehr dechiffrieren kann, ist dazu verdammt, zum Tautologen ihrer Gegenwart zu verkommen – zu einer Gesellschaft, die das digital beschleunigte Hier-und-jetzt-Geschehen affirmiert und die Fähigkeit verliert, es einredend zu befragen. Und das wäre gleichbedeutend mit dem Ende aller Kultur.

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