Castor-Transporte: Demonstranten im Kessel

Castor-Transporte: Demonstranten im Kessel

, aktualisiert 27. November 2011, 18:50 Uhr
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Rudn 600 Kilo wiegt die Pyramide aus Stahl und Beton.

Quelle:Handelsblatt Online

Mit Beton und Ketten und viel Routine sind die Demonstranten im Wendland am Werk. Auch die Polizei gibt sich gelassen. Dennoch gibt es genug zu tun, vor allem durch gewaltbereite Atom-Gegner.

Vastorf/Gorleben Ein Hubschrauber kreist unweit von Lüneburg über einem kahlen Acker. In einem Waldstück wartet ein Zug mit elf weißen Containern in strömendem Regen auf die Weiterfahrt. In der Nähe des kleinen Örtchens Vastorf ist seit 15 Stunden einer der Brennpunkte der Castor-Strecke.

Knapp 500 Meter weiter, mitten im matschigen Acker, haben sich vier Demonstranten an die Gleise gekettet. Sie drücken ihre Gesichter auf die kalten Schienen. Trotz des Katz-und-Maus-Spiels geben sich Polizei und Demonstranten gelassen. Man ist an diesen Konflikt im Wendland gewöhnt.

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„Das kostet nur Zeit. Damit können wir entspannt umgehen“, sagt ein Polizeisprecher. Auch die Demonstranten bleiben ruhig, fühlen sich angesichts des langsamen Vorankommens des Atommüll-Zuges sogar ein wenig als Sieger. „Mir geht's gut“, sagt einer fröhlich. Es sei ein Erfolg, dass der Zug jetzt schon länger unterwegs sei, als die 92 Stunden im vergangenen Jahr. Noch nie hat ein Atommülltransport ins Wendland mehr Zeit in Anspruch genommen.

Sorgen bereiten den Einsatzkräften die kleinen Gruppen mit Gewaltbereiten wie im einige Kilometer entfernten Leitstade. Seit Mittag liefern sich hier rund 200 teils vermummte Castor-Gegner in einem unübersichtlichen Waldstück und rund um den kleinen Bahnhof an der Strecke Auseinandersetzungen mit der Polizei. Immer wieder fliegen Steine und Brandsätze, Straßensperren aus Holz werden angezündet.

In Erdgruben finden die Beamten immer wieder präparierte Wurfgeschosse aus Weihnachtskugeln und Golfbällen. Auch einige Journalisten werden unsicher und flüchten vorsichtshalber. Dennoch will die Polizei nicht von Chaos sprechen: „Der größte Teil der Demonstranten ist friedlich.“

Dies empfinden an diesem Nachmittag auch die Menschen an den Gleisen in Hitzacker, wenn auch mit einer gehörigen Portion Sarkasmus. Eine kleine, gelbe Betonpyramide steht auf den Schienen. Darauf steckt eine grüne Weihnachtsmannmütze mit der Aufschrift „1. Advent 2011“. Seit dem Morgen haben sich drei Männer und eine Frau mit ihren Armen in die rund 600 Kilogramm schwere Pyramide einbetoniert.

„Das ist die dritte Generation von Betonpyramiden“, meint Herbert Waltke von der Bäuerlichen Notgemeinschaft. „Wir haben seit dem letzten Castor-Transport getüftelt.“ Mit einer komplizierten Konstruktion aus Beton und Eisen versuchen die Landwirte, die Polizei auszutricksen.

Einer der Angeketteten ist schon zum sechsten Mal dabei. Dagegen hat sich die 23 Jahre alte Hanna Schwarz zum ersten Mal einbetonieren lassen. Sie ist mit dem Widerstand gegen den Castor-Transport aufgewachsen. Ihre Familie stammt aus dem Wendland, der Vater und der Bruder steckten auch schon einmal in Beton.


93 Stunden: „ein Riesenerfolg“

In Harlingen mögen die Demonstranten von der Polizei eingekesselte sein. Gleichwohl fühlen sie sich als Gewinner gegen den von ihnen so verhassten Atommüll. „93 Stunden sind ein Riesenerfolg“, sagt Heinz-Jürgen Goldkuhle aus dem Münsterland.

Trotz des für 2022 von der Bundesregierung angekündigten Atomausstiegs und der Suche nach einem alternativen Endlagerstandort sei der Widerstand nicht abgeflaut, sondern stärker geworden. „Die Leute merken, dass in Gorleben ein Lügengebäude weitergebaut werden soll“, sagt Goldkuhle. „Immer mehr Leute wollen sich daher dem Castor gewaltfrei entgegenstellen. Die Stimmung ist enthusiastisch.“

Ein Vergnügen sind die Blockaden aber trotz der für die zahlreichen Medienvertreter zur Schau gestellten Abgeklärtheit nicht. Seit der Auflösung einer Sitzblockade mit rund 3.000 Demonstranten am frühen Morgen stehen die Männer und Frauen meist frierend am Rand der Strecke. Jacken, Decken und Rucksäcke mussten sie abgeben. Gehen darf nur, wer seine Personalien angibt und einen Platzverweis akzeptiert.

Von außen werfen am Nachmittag einige bereits freigelassene Atomgegner Brötchen und Schokolade in den „Kessel“, in dem noch 500 Demonstranten festgehalten werden. Eine Rentnerin fordert einen Austausch: „Lasst die Jungen raus, nehmt mich.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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