Deutschland: "Wir können nicht auch noch verrückt spielen"

InterviewDeutschland: "Wir können nicht auch noch verrückt spielen"

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Heinz Bude (2011)

von Dieter Schnaas

Saturierte Bundesrepublik? Einschläfernder Wahlkampf? Der Soziologe Heinz Bude über unseren fragilen Wohlstand, die guten Chancen der AfD - und die deutsche Gelassenheit.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat kürzlich in einem Interview von sich behauptet: Je länger sie regiere, desto besser werde sie. Ist das noch Hybris oder schon Dekadenz?
Das ist Ausdruck der Selbstsicherheit, die Martin Schulz zur Weißglut treibt.

Hat Merkel also recht mit Ihrer Grundannahme: Deutschland geht es maximal gut – also gibt es minimal zu tun?
Das stimmt im Großen und Ganzen. Aber trifft natürlich nicht für alle zu. Die Milieus der Gekränktheit, die die Kanzlerin so nicht erreicht, könnten die AfD auf den dritten Platz bringen.

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Dennoch haben die Deutschen allen Grund, mit sich zufrieden zu sein. Die ökonomischen Kennzahlen stimmen. Das Land feiert Rekordbeschäftigung, Lohnzuwächse, Exportüberschüsse. Was ist daran trügerisch?
Trügerisch ist nichts daran. Die Verhältnisse sind nur ziemlich fragil. Wenn die erste große Bank in Italien bankrott geht und abgewickelt werden muss, werden wir mit dran glauben müssen.

Zur Person

  • Heinz Bude

    Heinz Bude, geb. 1954, ist Professor für Makrosoziologie an der Universität Kassel. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt: Das Gefühl der Welt. Über die Macht von Stimmungen. München: Hanser Verlag, 2016.

Wie hat sich Deutschland verändert im Vergleich zu 2013? Sind die Deutschen nach Griechenland-Rettung und Euro-Desaster, nach Flüchtlingsdrama und Brexit einfach nur krisenmüde?
Nein, sie haben nur ein Bewusstsein davon gewonnen, dass man etwas machen kann, aber nichts sicher ist. Der Brexit und Donald Trump haben schon ein gewisses Erschrecken ausgelöst. Und die Antwort der Deutschen darauf lautet: Jetzt können wir nicht auch noch verrückt spielen.

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Kartoffel auf einem Sofa Quelle: Getty Images, Montage: WirtschaftsWoche

Haben sich die wohlstandsverwöhnten Deutschen ihren wachen Sinn für Reformen abtrainiert? Digitalisierung, Bildung, Infrastruktur, Wohnungsmarkt – Handlungsbedarf gibt es genug.
Auch das glaube ich nicht. Es wird nur immer klarer, dass das nicht nach der Silicon-Valley-Art geht. Im Kampf um Zukunft heißt der deutsche Ansatz "Deep Innovation".

Rechnen Sie damit, dass die Wahlbeteiligung schwach sein wird?
Selbst das glaube ich nicht. Es gibt zwar eine große Verlegenheit, wenn man nun wählen soll, aber am Ende werden viele doch wieder ins Wahllokal gehen und sich auf dem Weg dorthin entscheiden, wem sie ihre Stimme geben.

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