Eliten : Wie Manager und Politiker sich immer stärker entfremden

Eliten : Wie Manager und Politiker sich immer stärker entfremden

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Josef Ackermann

Große Unterschiede gab es schon immer, doch noch nie waren sich Manager und Politiker so fremd wie heute. Der Wahlkampf wird zur Abrechnung mit den Vorständen. Eine Reise zu den Eliten von WirtschaftsWoche-Reporterin Cornelia Schmergal.

Es war einer dieser seltenen Momente, als niemand die beiden Mächtigen störte. Kein Büroleiter, kein Bodyguard, kein dienstfertiger Mitarbeiter konnte hören, was die Bundeskanzlerin und der Chef der Deutschen Bank leise besprachen. Wie es eigentlich sein könne, dass sie sich so oft missverstünden, fragten sich Angela Merkel und Josef Ackermann. Wie es komme, dass Politiker und Manager so oft aneinander vorbeiredeten, Gleiches sagten und doch Unterschiedliches meinten. Vielleicht, meinte Angela Merkel an diesem Abend, sei die Sache ganz einfach. Vielleicht sei das Problem schlicht, dass Manager und Politiker zu weit voneinander entfernt lebten. „Wir bewegen uns in zwei völlig verschiedenen Welten“, hatte die Kanzlerin gesagt. Und diese Welten berührten sich nur selten.

An diesem Abend, am Rande einer größeren Veranstaltung, beseitigten Angela Merkel und Josef Ackermann ihren großen Krach. Ein Streit, der Wochen zuvor entstanden war, weil der Chef der Deutschen Bank bei einer Videokonferenz vor Führungskräften gesagt hatte, es wäre schade, wenn die Deutsche Bank Staatsgelder annehmen würde. Aus seiner Sicht eine Selbstverständlichkeit. Warum sollte ein Unternehmen, das Gewinne schreibt, sich vom Geld des Steuerzahlers abhängig machen? Angela Merkel soll gemurrt haben, er habe andere Banken abgeschreckt, unter den staatlichen Rettungsschirm zu kriechen, und damit seine gesellschaftspolitische Verantwortung verletzt. Am Ende vermasselte das Kanzleramt Josef Ackermann gar eine Preisverleihung.

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Inzwischen tauschen Angela Merkel und Josef Ackermann wieder Kurznachrichten aus. Schließlich gilt es, eine Finanzkrise zu bekämpfen. Nur redet man nicht so gern darüber, zumindest nicht in der Politik. Als der Aufsichtsrat der Deutschen Bank kürzlich den Vertrag Josef Ackermanns verlängerte, kam in Berlin das Gerücht auf, die Kanzlerin persönlich habe gratuliert. Per SMS. Der Regierungssprecher sah sich schließlich genötigt, die pikante Angelegenheit zu dementieren. Im Wahlkampf bleibt man besser auf Distanz.

Ökonomische und politische Eliten hatten sich nie viel zu sagen

Ökonomische und politische Eliten hatten sich in Deutschland noch nie viel zu sagen. Seit aber die Finanzkrise ausbrach, seit man den Banken vorwirft, mit Renditehunger die Misere ausgelöst zu haben, seit die Manager schlechthin zum Zerrbild des bösen Kapitalisten geworden sind und vor allem: seit zugleich das Buhlen um die Wähler beginnt, nimmt die Entfremdung noch zu. Das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Politik ist zum Thema der Bundestagswahl geworden. Minister und Abgeordnete beschwören den Primat der Politik — und legen Wert auf größtmöglichen Abstand zu den Mächtigen der Dax-Welt.

Raum für Differenzierungen bleibt da nicht. Schon gar nicht, wenn es um die Bezahlung von Spitzenmanagern geht. Am vergangenen Donnerstag erst polterte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, manche Aufsichtsräte und Manager lebten in einer anderen Welt. „Die haben den Knall nicht gehört. Sie sind verantwortlich dafür, dass die Zustimmung zu unserem Wirtschaftssystem abnimmt“, sagte der SPD-Politiker, der eigentlich als wirtschaftsaffin gilt.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte vor Kurzem darüber geschimpft, „dass die Wall Street oder die City of London diktiert, wie man Geld verdient, und die anderen zum Schluss die Zeche bezahlen“. Drei Tage vor der Bundestagswahl wird sie zum Weltfinanzgipfel in die USA fliegen. Ein lohnenswerter Ausflug, so kurz vor der Abstimmung. Die G20-Staaten wollen auch über die Begrenzung von Managerboni reden.

Wahlprogramme rechnen mit Wirtschaft ab

In diesem Jahr lesen sich die Wahlprogramme der Parteien wie eine Abrechnung mit der Wirtschaftswelt. Die Linkspartei beklagt, „Gier, Geiz und Egoismus“ würden zu Tugenden erhoben. Deshalb will sie die privaten Banken in „öffentliche Hand überführen“, was gewissermaßen zur Parteifolklore gehört. Die SPD will die Führungskräfte per Gesetz auf das Gemeinwohl verpflichten. Die Wirtschaft müsse sich „dem Primat der Politik stellen“, wie Parteichef Franz Müntefering sagt. Wenn aber auch die Union in ihrem Programm die „Verantwortungslosigkeit“ der Wirtschaftswelt verurteilt und selbst die marktliberale FDP mit dem Plan wirbt, die Haftungsregeln für Manager zu verschärfen und einen Verhaltenskodex für Vorstände einzuführen, dann wird es politisch eng für die Wirtschaftselite. Und einsam.

Als die Chefs der Dax-Konzerne früher zu ihren Runden ins Kanzleramt einrückten, stand stets ein Dutzend Fotografen bereit. Doch die Zeiten, in denen die Vorstände sich in der Sky-Lobby um Angela Merkel zum Gruppenbild mit Dame drängelten, sind längst vorbei. Wenn die Kanzlerin heute ihre Lieblingsmanager wie Commerzbank-Chefaufseher Klaus-Peter Müller oder BASF-Chef Jürgen Hambrecht empfängt, dann tut sie das still und leise. Die Rollen ändern sich. „Heute kommen viele Konzerne als Bittsteller“, sagt CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla — und kann die Genugtuung kaum verbergen.

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