Gastbeitrag zum Populismus: Die neue Keule der Politik

Gastbeitrag zum Populismus: Die neue Keule der Politik

, aktualisiert 07. Dezember 2016, 16:53 Uhr
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Gastautor Michael Wolfssohn plädiert dafür, auch die unangenehmen Stimmen aus dem Volk nicht wegzuwischen.

von Michael WolffsohnQuelle:Handelsblatt Online

Der Aufschrei der etablierten Parteien gegen Populismus ist antidemokratisch. Der Kampfbegriff entlarvt die inhaltliche Ratlosigkeit der Politik. Sie muss sich unbequeme Meinungen aus dem Volk anhören. Ein Gastbeitrag

BerlinAbgenutzt sind die Auschwitz- und Faschismuskeule. Deshalb wirken sie nicht mehr. Man hat sich an sie gewöhnt. Jeder, der einem nicht passte, wurde als „Faschist“ gebrandmarkt und mit der Faschismuskeule niedergeschlagen. KO. Schluss, Ende. Wenn kein Argument mehr zu überzeugen vermochte, wurde an Auschwitz erinnert und die Auschwitzkeule hervorgeholt. Sie wirkte garantiert.

Ich erinnere an den Jahresanfang 1999. Der grüne Bundesaußenminister Joschka Fischer befürwortete Deutschlands Militäreinsatz Im Kosovo, um das serbische Massaker an den dortigen Albanern zu beenden. Seine Parteibasis widersetzte sich seinem Ansinnen, der Minister keulte: Es gelte, ein neues Auschwitz zu verhindern. So entsetzlich das damalige Blutbad, frühere und spätere – nicht jedes Massaker hat die völkermörderische Dimension von Auschwitz. Das inflationäre Gebrauch des Auschwitz-Vergleichs verharmlost das Grauen. Deshalb wirkt heute auch dieser Vorwurf nicht mehr.

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Nun gibt es deutschland- und europaweit eine neue Waffe: die Populismus-Keule. Wenn jemand jemandem nicht gefällt oder gar zu den Mächten des Bösen gezählt werden soll, wird die Populismus-Keule bemüht. Warum jemand ein „Populist“ sein soll, wird nicht gesagt. Wenn aber „Populist“ gesagt wird, wird dem politischen Gegner der politische Tod oder mindestens der politische KO-Schlag gewünscht.

Sage ich zum Gegenüber Populist, muss ich nichts mehr sagen. Er ist nicht mehr Volk (lateinisch „Populus“) sondern Pöbel. Manchmal mag diese Einstellung berechtigt sein, doch der Kampfbegriff Populist entlarvt die inhaltliche Ratlosigkeit der rastlosen Nicht- und Anti-Populisten.

Sie nennen sich „Demokraten“, verstehen sich als die Guten, als Sprachrohr und Anhänger der Herrschaft des Volkes (griechisch: „Demos“). Als Demokraten wollen sie sich von den „Populisten“, verstanden als die Verkörperung des Bösen, abgrenzen. Dummerweise ist aber auch ein Populist Sprachrohr und Anhänger der Herrschaft des Volkes.

Da werfen also Demokraten als Anhänger der Volksherrschaft anderen Anhängern der Volksherrschaft, die sie Populisten nennen, vor, Anhänger der Volksherrschaft zu sein. Auf gut deutsch nennt man so etwas: Quatsch. In einer Gesellschaft der Un- und Halbgebildeten kann man offenbar jedes (Fremd-)Wort beliebig verwenden, ohne sich selbst der Lächerlichkeit preiszugeben.

Das wäre verzeihlich. Unverzeihlich ist es, weil das Wort-Wirrwarr zum wirklichen Problem führt: Oft haben nämlich die verleumdeten Populisten „dem Volk aufs Maul geschaut“ (Martin Luther) und dann Volkes Wort, Volkes Sorgen und Volkes Ängste – berechtigt oder nicht – aufgegriffen und in die politische Arena geschleudert. Nicht wenige jener Worte, Sorgen und Ängste sind tatsächlich höchst unappetitlich, ärgerlich, gar gefährlich. Doch es sind Worte, Sorgen und Ängste, die eben auch aus dem Volk kommen.


Die Rache des Pöbels

Daraus folgt: Wer Volksherrschaft (Demokratie) will, kann Populismus, der Volkssorgen thematisiert, nicht ablehnen, ohne sich selbst in grundsätzliche Widersprüche zu manövrieren und als Anti-Demokrat zu entlarven. Neuerdings sprechen Politiker und Publizisten gerne von dem, „was die Menschen wollen“. „Die“ Menschen, sagen sie statt Bürger oder Volk. Das ist vollends albern, denn es versteht sich von selbst, dass Politik von, für und durch Menschen und nicht etwa von Tieren oder Fabelwesen gemacht wird.

Wer zudem behauptet, zu wissen, was „die“ Menschen wollen, schwurbelt und schwindelt, denn der Mensch oder die Menschengruppe will A oder B, aber nicht alle wollen politisch das Gleiche oder gar das Selbe. Demokratie ist – zunächst einmal ganz wunderbar – zwar keine Vergottung des Volkes, wohl aber ein Hoch- und Hervorheben des Volkes. Nicht zufällig hat der Spruch „vox populi vox dei“ (Volkes Stimme ist Gottes Stimme) eine uralte Tradition. Da es aber in jedem Volk, nicht nur gute (quasi gottgleiche) Menschen gibt, sondern leider auch weniger gute oder gar böse, gibt es in jedem Volk auch Pöbel.

Das geben Demokraten verständlicherweise nach außen nur ungerne zu. Auch wenn sie es denken und sich für die Elite halten. Man höre und staune nicht: Das Volk bemerkt die elitäre Herablassung auch deshalb, weil seine Worte, Sorgen und Ängste nicht thematisiert, sondern diffamiert werden. Sie rächen sich auf ihre demokratische Weise und wählen landauf, landab immer häufiger Populisten.

Nicht alle Demokraten sind politisch so töricht wie Hillary Clinton. Sie hat im Wahlkampf Trump-Anhänger als „deplorables“ bezeichnet. Im Deutschen würde man das frei mit „Pöbel“ übersetzen. Der Pöbel hat es der Demokratin und damit auch der Demokratie ganz demokratisch heimgezahlt und Trump gewählt. Es hat die traditionellen Eliten, die seine Nöte jahrzehntelang herablassend unbeachtet und verachtet ließen, abgewählt. Vergleichbares erleben wir in Europa.

Und das ist erst der Anfang. Es reicht eben nicht, ganze Wählergruppen zu beschimpfen. Wer gewählt werden will, muss sich ihrer annehmen, ohne sich selbst preiszugeben. Man muss sie zu sich hochziehen und nicht herablassend behandeln. Man muss Pöbel in Populus, also in Volk (Demos) umwandeln – um die Demokratie zu retten. Es gibt freilich noch eine Möglichkeit: Demokraten und Populisten suchen sich ein anderes Volk.

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Der Historiker und Publizist Prof. Dr. Michael Wolffsohn ist u.a. Autor von „Zivilcourage, Wie der Staat seine Bürger im Stich lässt“ und „Zum Weltfrieden“. Er wurde dieser Tage vom Deutschen Hochschulverband zum „Hochschullehrer des Jahres“ 2017 gekürt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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