Gesundheit: Privatpraxen: Kassen-Alltag ade

Gesundheit: Privatpraxen: Kassen-Alltag ade

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Praxis: Immer häufiger hängen Mediziner ihre Kassenzulassung an den Nagel

Deutschlands Ärzte verabschieden sich aus dem Kassen-Alltag und behandeln nur noch Privatpatienten. Wer es nicht tut, leidet unter Frust.

Seit vier Jahren führt Christian Merettig ein neues Leben. „Früher hatte ich freitags Kopfschmerzen. Jetzt gehe ich regelmäßig Mittagessen und habe Zeit fürs Sportstudio“, erzählt der 44-Jährige. Seine orthopädische Praxis im Berliner Arbeiter-Stadtteil Wedding hat er geschlossen, die Kassenzulassung an die Kassenärztliche Vereinigung (KV) zurückgeschickt. Jetzt residiert er in Bestlage am Kudamm. Renommierte Rechtsanwälte haben dort ihre Büros, es gibt teure Geschäfte. Genau das richtige Milieu für Merettig: Er behandelt in seinem neuen Leben nur noch Privatpatienten.

In seiner Praxis im Wedding waren mehr als 90 Prozent der Patienten gesetzlich versichert. Für jeden von ihnen erhielt der Orthopäde pro Quartal eine Kopfpauschale. „40 Euro – egal, ob jemand ein- oder dreimal kommt“, empört sich Merettig. „Da macht es dann nur noch die Masse.“ Ganz anders in den schicken Räumen am Kudamm: „Hier habe ich für jeden Patienten eine halbe Stunde Zeit.“

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Eine gefährliche Entwicklung, klagt die Ärzteschaft. In ihrem „Ulmer Papier“ zum Ärztetag, der diese Woche in Ulm stattfindet, warnen die Mediziner: Leistungen würden nicht mehr „im medizinisch gebotenen Umfang“ erbracht. Der Staat habe mit seiner „Kostendämpfungspolitik“ bei den gesetzlich Versicherten die „tradierte Patient-Arzt-Beziehung beschädigt“.

Wie Merettig suchen sich immer mehr niedergelassene Ärzte wohlhabende Gegenden mit vielen Privatpatienten aus – diese bringen im Schnitt doppelt so viel wie die gesetzlich Versicherten. In Berlin, wo Ärzte seit 2003 den Stadtteil wechseln dürfen, haben „die sozial schwächeren Bezirke in den letzten Jahren mehr Ärzte verloren, als neue hinzugezogen sind“, sagt Annette Kurth von der KV Berlin. So zogen aus dem Problem-Bezirk Neukölln 53 Ärzte ab. Im bürgerlichen Charlottenburg-Willmersdorf wuchs die Zahl der Praxen dagegen um 85.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung beobachtet, dass die Zahl der ausschließlich privat tätigen Ärzte zunimmt. „In fünf Jahren stieg sie um gut ein Drittel“ sagt Statistikchef Thomas Kopetsch. Dies könne als „Indiz“ gesehen werden, „dass die Tätigkeit als Vertragsarzt deutlich an Attraktivität verloren hat“. Darunter leiden inzwischen aber auch die Kassenärztlichen Vereinigungen selber: In Bayern und Baden-Württemberg laufen erste Initiativen niedergelassener Ärzte an der traditionellen KV vorbei, um in Eigenregie direkt mit den Kassen ins Geschäft zu kommen.

Einkommen-Kluft bei Ärzten wächst

Problematisch sind diese Trends für Menschen in wirtschaftlich schwachen Wohngegenden – vor allem auf dem Land. Viele Regionen sind derart unattraktiv, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen bereits mit Sonderangeboten Ärzte locken. So ließ die KV Thüringen bereits auf eigene Kosten eine Praxis einrichten und stellte einen Hausarzt an. In Sachsen können Ärzte Investitionszuschüsse beantragen.

Ob Neukölln oder Charlottenburg, Thüringen oder Bayern – das wirkt sich durchaus auf den Verdienst aus. Einem bayrischen Hausarzt bleiben im Schnitt 93.752 Euro Brutto-Jahreseinkommen, dem Thüringer Kollegen nur 74.505 Euro. Die Hausärzte liegen allerdings im unteren Einkommens-Drittel, Radiologen oder Augenärzte verdienen deutlich mehr. Deutschlandweit wirft die durchschnittliche Praxis 110.000 Euro pro Jahr ab.

Laut einer Umfrage der Stiftung Gesundheit hielten 2006 ein gutes Viertel der niedergelassenen Ärzte ihre wirtschaftliche Lage für schlecht und ein Fünftel für gut. Für den wissenschaftlichen Leiter der Studie, Konrad Obermann, ist das ein Zeichen, „dass sich die Einkommens-Kluft innerhalb der Ärzteschaft vergrößert“. Mehr noch: Der Göttinger Professor für Ökonomie und Ethik im Gesundheitswesen glaubt außerdem, dass zufriedene Ärzte Menschen wie Merettig sind, also „diejenigen, die Nischen gefunden haben“. Etwa „der Orthopäde, der nur noch Gutachten schreibt, 25 Stunden die Woche arbeitet und 60.000 Euro verdient. Oder der Radiologe, der mit Privatpatienten auf 500.000 Euro kommt“. Ein Internist aber mit 90 Prozent gesetzlich Versicherten, 80-Stunden-Woche und einem Jahreseinkommen von 100.000 Euro „hat Praxisschulden, Zukunftsangst und behandelt seine Patienten im Dreiminutentakt“.

Hinzu kommt aber auch, dass Mediziner es jahrzehntelang gewohnt waren, zu den Spitzenverdienern zu gehören. Weil aber die Zahl der Ärzte enorm gestiegen ist und die Politik gleichzeitig die Kosten deckelt, wurden die Kuchenstücke kleiner. Früher warf die gemeine Dorfpraxis genug ab für eine schicke Villa mit Mercedes vor der Tür – heute reicht es bei vielen nur noch für ein Reihenhaus mit Mittelklassewagen.

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