Gesundheits-Studie: Gestresst? Dann bist Du Student!

Gesundheits-Studie: Gestresst? Dann bist Du Student!

, aktualisiert 11. Oktober 2016, 12:12 Uhr
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Den Studenten machen vor allem Zeit- und Leistungsdruck und die Angst vor Überforderung zu schaffen.

von Peter ThelenQuelle:Handelsblatt Online

Mehr als jeder Zweite fühlt sich durch das Studium stark belastet, zeigt eine neue Studie. Bachelor-Studenten sind besonders betroffen – und Frauen. Mehr noch als Arbeitnehmer. Und doch gibt es eine Überraschung.

BerlinDer Vorstandschef des Bundesverbands der Ortskrankenkassen, Martin Litsch (59), hat Ende der 1970er Jahre in Trier Soziologie und Volkswirtschaft studiert. Damals sei es nichts besonders gewesen, dass ein Studium deutlich mehr als zehn Semester in Anspruch genommen habe, meint der Kassenchef. Doch die heute noch immer verbreitete Meinung, dass die Studienzeit nicht nur die schönste, sondern auch eine relaxte Zeit ist, sei vielleicht damals näher an der Wahrheit gewesen als heute, sagt Litsch.

Deshalb konnte sich seinerzeit der Moderator und langjährige Chefredakteur des Westdeutschen Rundfunks (WDR) Dieter Thoma noch unwidersprochen den Spaß erlauben, dass auch bei Studenten sehr populäre Mittagsmagazin auf WDR 2 mit den Worten zu eröffnen: „Guten Tag meine Damen und Herren, Guten Morgen liebe Studenten!“ Heute könnte er dafür einen Shitstorm im Netz ernten. Denn spätestens seit den Bologna-Reformen und der mit ihnen einhergehenden zeitlichen Straffung und inhaltlichen Verdichtung des Studiums kann von stressfreiem Lernen an den Hochschulen kaum noch die Rede sein.

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Wie sehr Deutschlands Studierende inzwischen gestresst sind, belegt eine neue Untersuchung der Lehrstühle für Marketing an den Universitäten Hohenheim und Potsdam, die der Bundesverband der Ortskrankenkassen in Auftrag gegeben hat. „Es handelt sich mit mehr als 18.000 befragten Studierenden an verschiedenen Hochschulen und für verschiedene Studienabschlüsse um die bislang umfassendste Untersuchung des Themas Studienstress“, sagte die Studienleiterin und Marketingexpertin der Universität Potsdam Uta Herbst bei der Präsentation am Dienstag.

53 Prozent haben bei der Befragung ein hohes Stresslevel angeben. Damit liegt das Stresslevel bei Studierenden noch höher als in der Privatwirtschaft. Denn dort fühlen sich nach einer vergleichbaren Studie aus dem vergangenen Jahr nur 50 Prozent vergleichbar überlastet durch ihre Arbeit. Den Studenten machen vor allem Zeit- und Leistungsdruck und die Angst vor Überforderung zu schaffen.

Dabei ist der Stress an den schon immer stark verschulten Fachhochschulen höher als an Universitäten und dualen Hochschulen. Auf den privaten Unis scheint es relaxter zuzugehen als an staatlichen Hochschulen. Bachelor-Studenten seien „signifikant gestresster“ als Master-Studierende oder Studenten die Lehramt oder Jura mit Staatsexamen studieren berichtet Herbst – ein starkes Indiz dafür, dass die Bologna-Reformen nicht nur positive Effekte hatten. Da wundert es nicht, dass laut anderen Untersuchungen jeder vierte Bachelor-Student sein Studium abbricht. Nicht erhoben wurde bislang, wie viele von den Abbrechern hinterher ein weniger stressiges Studium etwa ein Lehramtsstudium mit Staatsexamen aufnehmen.


„Zu hohe Anforderungen an sich selbst“

Auch regional sind die Unterschiede groß. So fühlen sich Studierende in NRW und Baden-Württemberg gestresster als Studierende in Schleswig-Holstein, Brandenburg und Rheinland-Pfalz. Generell kommen Studentinnen mit Stress schlechter zurecht als ihre männlichen Kommilitonen. „Viele Studierende plagen sich auch mit zu hohen Anforderungen an sich selbst“, meint Studienleiter Markus Voeth von der Universität Hohenheim. Demgegenüber spielt die Wettbewerbssituation mit anderen Studierenden – anders als auf der Schule – kaum eine Rolle.

Auch soziale Faktoren wie die Pflege von Kontakten in der Freizeit bereiten den Studenten vergleichsweise wenig Stress. Gleiches gilt für die ständige Erreichbarkeit per Mail oder SMS, die in den vergangenen Jahren im Arbeitsleben zunehmend als Auslöser von Stresserkrankungen identifiziert wurde. Studierende reagieren auf Stress vor allem mit Symptomen wie Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche und Lustlosigkeit. 68 Prozent sind der Meinung, dass sie ihre Probleme selbst in den Griff kriegen können.

Doch zeigt die Befragung auch, dass die Stressresistenz bei Studenten vor allem in den unteren Semestern weit geringer ist als bei Arbeitnehmern. „Der Umgang mit Stress vor und in Prüfungssituationen ist ein wichtiger Lernprozess und gehört ein stückweit zu einem Studium dazu“, meint dazu AOK-Chef Litsch. Wer es nicht alleine schafft, mit den Belastungen positiv umzugehen, sollte sich Hilfe organisieren, spätestens wenn sich gesundheitliche Problem zeigen, meint der Leiter der Studienberatung und Psychologischen Beratung der Freien Universität Berlin, Han-Werner Rückert. Dazu gebe es an den Hochschulen zahlreiche etablierte Angebote.

Am bekanntesten ist die zentrale Studienberatung, die 75 Prozent aller Studenten kennen, so der Diplompsychologe. Allerdings nutzen die meisten solche Angebote nicht. Drei Viertel geben an, die zentrale Studienberatung noch nie genutzt zu haben. Noch höher sind die Quoten, wenn es um die Nichtteilnahme an „Gesundheitstagen“,. Workshops zum Umgang mit Stress, Yogakurse oder Seminare für Entspannungstechniken geht. Gleichzeitig wünscht sich jeder zweite Studierende mehr Beratungsangebote auch von außerhalb der Hochschule. Die AOK verstehe das als Auftrag, „unser spezielles Know how in Sachen Umgang mit Stress als Gesundheitskasse mit entsprechenden Angeboten einzubringen“, macht Litsch ein wenig Reklame in eigener Sache.

Den AOK-Chef hat eines an den Ergebnissen der Studie besonders überrascht: Studierende, die sich durch einen Nebenjob einen Teil der Kosten des Studiums verdienen müssen, sind nicht gestresster als solche, die das nicht tun. Nimmt der Job mehr als 15 Stunden in der Woche in Anspruch, fühlen sie sich sogar weniger gestresst. „Vielleicht haben Studenten, die jobben, ja eine bessere Work-Life-Balance“, mutmaßt Litsch.

Die beste Work-Life-Balance haben laut der Befragung auf jeden Fall Sportstudenten. Hier ist der Anteil derer, die sich gelegentlich überfordert fühlen, am geringsten. Den meisten Stress haben laut eigener Angaben Studierende der Veterinärmedizin, der Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften, der Informatik und der Kunst- und Kultur-Wissenschaften. Ob dies damit zu tun hat, dass diese Studiengänge besonders anspruchsvoll sind, oder Männer und Frauen, die sich für ein solches Studium entscheiden, besonders stressanfällig, bedarf wohl noch einer gesonderten Untersuchung.

Quelle:  Handelsblatt Online
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