Gesundheits- und Pflegepolitik: Angst vor professioneller Pflege

Gesundheits- und Pflegepolitik: Angst vor professioneller Pflege

, aktualisiert 07. März 2016, 12:08 Uhr
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Vielen graust es bei der Vorstellung, den letzten Lebensabschnitt in einem Pflegeheim zu verbringen. Doch auch Angebote der Pflege vor Ort wollen viele Pflegebedürftige aus Scham nicht nutzen.

von Peter ThelenQuelle:Handelsblatt Online

Viele Hilfsangebote der Pflegeversicherung werden kaum genutzt, obwohl pflegende Angehörige dringend Entlastung brauchen. Das liegt an mehreren Gründen, vor allem aber an der Scham alter Menschen und Bedürftiger.

BerlinWäre nicht die Flüchtlingskrise, stünde das Thema Pflege in Deutschland in dieser Woche in den Medien ganz oben auf der Agenda. Am Donnerstag eröffnet Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe in Berlin den Deutschen Pflegetag, der zwei Tage lang alles um das Thema Pflege versammelt, was Rang und Namen hat. 

Bereits am Montag eröffnet der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, die Pflegemesse in Hannover mit 700 Ausstellern. Dort wird er die zwei bereits verabschiedeten Pflegereformen der Bundesregierung rühmen. Da kommt es nicht ganz so gut, was das Wissenschaftliche Institut der Ortskrankenkassen (WIdO ) herausgefunden hat: Viele der gut gemeinten Hilfsangebote der Pflegeversicherung werden von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen gar nicht genutzt. Unkenntnis ist nicht primär der Grund dafür. Ausschlaggebend ist vielmehr am häufigsten die Angst, sich von einem Fremden anfassen lassen zu müssen. Das WIdO hat im Rahmen des Pflege-Reports 2016 rund 1000 pflegende Angehörige befragt.

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Dass die meisten Menschen im Fall der Pflegebedürftigkeit zu Hause bleiben wollen und die Aussicht am Ende ins Pflegeheim zu müssen einfach nur schrecklich finden, ist inzwischen eine Binsenweisheit. Dieser Wunsch ist übrigens der Grund dafür, dass die Bundesregierung bei ihren beiden Pflegereformen den Schwerpunkt auf Leistungsverbesserungen in der häuslichen Pflege gelegt hat.

Die gute Nachricht des am Montag veröffentlichten Pflegereport des AOK-Bundesverbands ist: Die meisten pflegenden Angehörigen kennen diese Hilfsangebote. Die schlechte ist: Genutzt werden sie aber häufig nur von einer Minderheit. Gleichzeitig sagt aber jeder vierte Pflegehaushalt, der weder den Pflegedienst noch Tagespflege oder Kurz- und Verhinderungspflege in Anspruch nimmt, dass er genau diese Leistungen eigentlich benötige.


Angebote der Pflegeversicherungen sind zu teuer

Wer die zusätzlichen Entlastungsleistungen nutzt, ist in der Regel sehr zufrieden damit. Das Pflegepersonal wird als kompetent eingestuft. Allerdings werden mit Ausnahme des Pflegedienstes (Nutzung durch 64 Prozent) alle anderen Angebote von weniger als jedem fünften Befragten in Anspruch genommen. Als Gründe werden zum Beispiel Kosten, mangelnde Erreichbarkeit oder schlechte Erfahrungen angegeben. Die am häufigste genannte Ursache ist jedoch: Viele Pflegebedürftige wollen nicht von einer fremden Person gepflegt werden.

Antje Schwinger, Pflegeexpertin des WIdO und Mitherausgeberin des Reports, sieht hier Barrieren. „Wir müssen die Bedürfnisse der Betroffenen noch besser verstehen und gleichzeitig mit guter Beratung und niedrigschwelligen Angeboten überzeugen. Allerdings zeigt sich hier auch ein tief sitzendes Selbstverständnis von familiärer Pflege, in das Pflichtgefühl und Scham mit hineinspielen.“

Von den wichtigsten Hilfsangeboten wird in der Tat eigentlich nur der ambulante Pflegedienst konsequent genutzt. Über 90 Prozent wissen, dass sie einen Anspruch haben, 63,6 Prozent nutzen das Angebot. Vier von fünf Angehörigen wissen auch um die Möglichkeit, sich dadurch zu entlasten, dass sie den pflegebedürftigen Angehörigen tagesweise durch professionelle Pflegekräfte betreuen lassen. Doch nur jeder zehnte macht Gebrauch davon. Nur jeder fünfte nutzt die Möglichkeit der Kurzzeitpflege, noch weniger sind bereit, ehrenamtliche Betreuer in die Wohnung zu lassen. Warum?  

Geld spielt eine Rolle. Schließlich trägt die Pflegeversicherung als Teilkaskoversicherung nicht alle Kosten. Jeder zweite Nichtnutzer finde die Angebote zu teuer, so Forschungsleiterin Schwinger. 20 bis 30 Prozent finden schlicht kein passendes Angebot. „Andere relevante Gründe sind: Es wurden schlechte Erfahrungen gemacht, die Beantragung ist unklar, der Aufwand, die Tagespflege zu erreichen, ist zu hoch.“  Am auffälligsten ist jedoch: Rund die Hälfte der Nicht-Nutzer gibt auch an, dass die gepflegte Person nicht durch Fremde oder mit anderen Fremden betreut werden möchte. In Zusammenhang mit dem  ambulanten Pflegedienst liegt dieser Wert sogar bei rund 60 Prozent.


Eintritt der Pflegebedürftigkeit tritt immer später ein

Je älter der pflegende Angehörige ist, umso häufiger wird dies gesagt. „Die Wahrnehmung, wie Pflege zu arrangieren ist, scheint zwischen den Generationen folglich sehr unterschiedlich zu sein“, meint Schwinger. Dies gilt vor allem für Angehörige von schwer Pflegebedürftige. „Die Wahrnehmung, dass die Angebote zu teuer seien, bejahen hier mehr als zwei Drittel; keine Angebote in der Nähe geben fast ein Drittel an. Auch dass die gepflegte Person nicht durch fremde Personen gepflegt werden will, nennen zwei Drittel der Befragten als Grund, keine Leistungen zu nutzen.“

Es wundert deswegen nicht, dass sich nur 65 Prozent der Angehörigen bei der Pflege gut unterstützt fühlen. Jeder zehnte Angehörige fühlt sich „eher nicht gut oder überhaupt nicht gut“ unterstützt. Bei den Menschen mit schwer pflegebedürftigen Angehörigen meint dass sogar jeder Dritte. AOK-Chef Martin Litsch weiß kein Patentrezept, um das Problem der mangelnden Akzeptanz mancher Hilfsangebote zu lösen. Er setzt zu allererst auf eine aktivere Betreuung durch Berater.

Davon hat die AOK bundesweit bereits 700 im Einsatz. Außerdem wünscht er sich eine Straffung der Regelungen. „Zum Beispiel könnte man die beiden Leistungen Verhinderungspflege und Kurzzeitpflege zusammenlegen. Das würde es ermöglichen, Angehörigen 3200 Euro für 14 Wochen je Kalenderjahr einzusetzen.“ Pflegende Angehörige wüssten selbst am besten, wie sie während einer Auszeit dieses Geld am sinnvollsten einsetzten könnten.

Adelheid Kuhlmey, Mitherausgeberin des Reports und Chefin des Instituts für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft an der Charité Berlin, hat jedoch auch noch eine zentrale gute Nachricht zu verkünden: Zwar bleibt das Gesundheitsrisiko Nummer eins der alternden deutschen Bevölkerung weiterhin die Pflegebedürftigkeit. So ist der Anteil der Pflegebedürftigen in den vergangenen zehn Jahren weiter gestiegen auf aktuell 2,7 Millionen. Doch so Kuhlmey: „Der Report zeigt, dass der Eintritt der Pflegebedürftigkeit in einem immer höheren Lebensalter erfolgt.“ Ein Grund zur Entwarnung ist das nicht. Bei den über 90-Jährigen sind immer noch weit mehr als die Hälfte der Frauen und Männer aus Pflege angewiesen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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