Handelsblatt-Umfrage: So optimistisch sind die Deutschen

Handelsblatt-Umfrage: So optimistisch sind die Deutschen

, aktualisiert 12. April 2017, 19:26 Uhr
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Viele Deutsche sehen optimistisch in die Zukunft.

von Frank SpechtQuelle:Handelsblatt Online

Die Deutschen sind mit ihrer wirtschaftlichen Lage zufrieden. Auch die Politik bekommt vergleichsweise gute Noten. Dennoch plagt viele die Sorge vor einem Jobverlust. Und vor der Kluft zwischen Arm und Reich.

BerlinDie Deutschen glauben an einen anhaltenden wirtschaftlichen Erfolg ihres Landes. Nur 26 Prozent erwarten, dass sich die wirtschaftliche Lage in den kommenden zwölf Monaten verschlechtern wird. Dies zeigt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov für die Handelsblatt Global Edition, die englischsprachige Ausgabe des Handelsblatts. 44 Prozent rechnen mit einer gleichbleibenden Entwicklung, 18 Prozent erwarten, dass es wirtschaftlich weiter aufwärts geht.

In die repräsentative Umfrage hat YouGov neben Deutschland auch Großbritannien, Frankreich, Dänemark, Schweden, Finnland, Norwegen und China einbezogen. Briten und Franzosen sehen die ökonomische Zukunft ihres Landes deutlich pessimistischer als die Deutschen. In Großbritannien rechnen – wohl auch angesichts der Brexit-Entscheidung – 45 Prozent der Befragten mit einer Verschlechterung. Entsprechend unzufrieden sind die europäischen Nachbarn auch mit der Wirtschaftspolitik ihrer Regierung. Nur 42 Prozent der Briten und sogar nur 15 Prozent der Franzosen stellen ihr ein positives Zeugnis aus. Von den Deutschen glaubt fast jeder Zweite (48 Prozent), dass die Politik die Wirtschaft gut managt. Bundeskanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel kommt dabei auf einer Skala von 0 („sehr unbeliebt“) bis 10 („sehr beliebt“) auf fünf Punkte und liegt damit gleichauf mit der britischen Regierungschefin Theresa May.

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Wenn es Deutschland gut geht, muss es aber nicht automatisch auch jedem Bürger gut gehen. Befragt nach den Erwartungen an das künftige Haushaltseinkommen rechnet jeweils rund ein Fünftel der Deutschen mit einer Verbesserung beziehungsweise Verschlechterung, mehr als jeder Zweite aber mit einer konstanten Entwicklung.

Sorge bereitet den Bundesbürgern einerseits die Preisentwicklung, nur in Großbritannien ist die Inflationsangst noch verbreiteter. Trotz des Beschäftigungswunders und der anhaltend guten Prognosen bereitet auch der Arbeitsmarkt vielen Deutschen Sorge. 54 Prozent befürchten, dass sie sich in einem Jahr ihres Jobs nicht mehr so sicher sein können wie heute – ein absoluter Rekordwert unter den in die Befragung einbezogenen Ländern.


Arbeit: Sorge vor dem Jobverlust

Hier hinterlässt offenbar die Debatte Spuren, dass angesichts der zunehmenden Digitalisierung der Wirtschaft Hunderttausende Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen könnten. In Großbritannien ist die Sorge um den eigenen Job trotz des Brexits weit weniger verbreitet.

Es ist diese Abstiegsangst, die SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz Rückenwind in seinem Gerechtigkeitswahlkampf verschafft hat. Und tatsächlich hat ein nicht unerheblicher Teil der Deutschen das Gefühl, dass es nicht besonders gerecht zugeht im eigenen Land. So zählen 38 Prozent der Befragten die Kluft zwischen Arm und Reich zu den derzeit drängendsten Problemen – gleichauf mit der Zuwanderung (Mehrfachnennungen möglich). Für Briten, Franzosen und Skandinavier spielt die soziale Frage eine weit geringere Rolle. Von der Wirtschaft beklagte Probleme wie der Zustand der Infrastruktur oder die Preisexplosion bei der Energieversorgung rangieren in den Augen der Bundesbürger nur unter ferner liefen.

Anhänger der Linken, der SPD und der Grünen sehen die Spaltung zwischen Arm und Reich als das mit Abstand drängendste Problem. Bei Unionsanhängern dominiert dagegen die Sorge vor ungesteuerter Zuwanderung und der Bedrohung durch den internationalen Terrorismus. Höhere Steuern zur Finanzierung von mehr öffentlichen Leistungen lehnen die Deutschen allerdings mehrheitlich ab – auch jene, die bei der letzten Bundestagswahl ihr Kreuz bei der Linken gemacht haben.

Zur Sicherung ihres Wohlstands bauen die Deutschen weiter auch auf die Europäische Union, protektionistischen Tendenzen erteilen sie eine Absage. Fast drei von vier Bundesbürgern halten den freien Waren- und Dienstleistungsverkehr innerhalb der EU für eine gute Sache – ein Spitzenwert knapp hinter den Dänen. Auch beim Euro als gemeinsamer Währung gehören die Deutschen mit 60 Prozent Zustimmung zu den größten Befürwortern. Allerdings würde immerhin ein Viertel der Bundesbürger – wie auch der Franzosen – bei einem Referendum zum Ausstieg aus der Währungsunion gegen den Euro votieren.

Auch die Zustimmung zur EU-Mitgliedschaft ist in Deutschland am größten. In Norwegen, das nicht der EU angehört, würden bei einem Referendum nur 15 Prozent der Befragten für den Beitritt stimmen. Die große EU-Sympathie in Deutschland kann aber auch damit zusammenhängen, dass die Bürger ihrem Land eine wichtige Rolle in der Gemeinschaft zubilligen. So glauben sechs von zehn Deutschen, dass ihr Land in EU-Angelegenheiten entscheidenden Einfluss nimmt. In Großbritannien und Frankreich ist davon nur ein Drittel der Bürger überzeugt.


Migration: für Bewegungsfreiheit

Die zuletzt durch die vielen Flüchtlinge stark gestiegene Zuwanderung halten 38 Prozent der Deutschen für eines der drängendsten Probleme. Gleichzeitig zeigen sich die Bürger aber als Verfechter offener Grenzen in der EU. 46 Prozent halten die Reisefreiheit für eine gute Sache – der höchste Wert unter den sechs untersuchten EU-Staaten und Norwegen, das ebenfalls zum sogenannten Schengen-Raum gehört. Immerhin 30 Prozent der Bundesbürger wünschen sich aber schärfere Grenzkontrollen oder gar die Wiedereinführung der Schlagbäume. Von den Franzosen denken so 47 Prozent, von den Schweden 44 Prozent.

Überraschend fällt die Einstellung der Briten zur Migration aus. Schließlich war die hohe Zahl von Zuwanderern ein Grund für die Brexit-Entscheidung. Die Briten hatten nach der schrittweisen EU-Osterweiterung 2004 und 2007 frühzeitig ihren Arbeitsmarkt geöffnet und viele Migranten aus den neuen Mitgliedstaaten angezogen. In der Liste der drängendsten Probleme rangiert die Zuwanderung in Großbritannien aber nur auf Rang drei, hinter dem Zustand des Gesundheitssystems und dem künftigen Verhältnis zur EU. Offene Grenzen innerhalb der EU lehnt rund jeder zweite Brite ab. Überraschenderweise ist aber die Personenfreizügigkeit – also das Recht, in einem anderen EU-Land leben und arbeiten zu dürfen – auf der Insel gar nicht so unbeliebt. Nur 19 Prozent der Briten lehnen dieses Grundprinzip ab. Das ist zwar mehr als in den anderen Ländern. Doch immerhin fast jeder Zweite (49 Prozent) hält die Freizügigkeit für eine gute Idee. Hier ist die Zustimmung bei Finnen (70 Prozent) und Deutschen (69 Prozent) am höchsten.

Die Deutschen zeigen sich vor allem skeptisch beim Nutzen, den die Zuwanderung ihrem Land bringt. Auf einer Skala von 0 („vorwiegend positiver Beitrag“) bis 10 („vorwiegend negativer Beitrag“) rangieren sie im Durchschnitt bei sieben Punkten. Das dürfte mit der hohen Zahl gering qualifizierter Flüchtlinge zu tun haben, die in den zurückliegenden zwei Jahren nach Deutschland gekommen sind. Die Bürger aller anderen Länder sehen die Bedeutung der Zuwanderung positiver. Hier stechen – wiederum überraschend – die Briten mit fünf Punkten auf der Skala heraus. In Deutschland heben vor allem die Anhänger von Grünen und SPD den positiven Beitrag der Migration hervor, während Wähler der Union und der Linken kritischer sind.


USA: Schreckgespenst Trump

Neben den Franzosen hegen die Deutschen die größte Abneigung gegenüber den Vereinigten Staaten. In beiden Ländern sieht rund jeder zweite Bürger die USA in einem schlechten Licht, ähnlich groß ist die Antipathie in Schweden und Norwegen. Das positivste Bild von den USA haben die Briten und die Dänen. Nur ein Viertel der Deutschen sieht in den USA einen Freund und Verbündeten Europas, ein weiteres gutes Viertel immerhin einen freundlichen Rivalen. Russland stufen hingegen nur insgesamt 24 Prozent der Bundesbürger in eine dieser beiden Kategorien ein.

Sieben von zehn Deutschen erwarten unter dem neuen US-Präsidenten Donald Trump eine Verschlechterung der beiderseitigen Beziehungen. Sie sind damit ähnlich pessimistisch wie die Franzosen und die Dänen. Nur 29 Prozent empfehlen der Bundesregierung aber, sich stärker von der Administration in Washington zu distanzieren.

Die bisherige Performance des neuen Chefs im Weißen Haus bewerten die Europäer durchweg überwiegend negativ. Nur jeweils unter zehn Prozent der Befragten gaben an, Trump agiere besser als ursprünglich erwartet. Nach Ansicht einer deutlichen Mehrheit stellt Trump ein Sicherheitsrisiko dar. So glauben in allen untersuchten Ländern jeweils um die 70 Prozent der Bürger, dass der unberechenbare neue US-Präsident die Welt zu einem unsichereren Ort macht. Entsprechend gering sind die Erwartungen an die gerade erst angelaufene Amtsperiode. Zwischen knapp zwei Drittel und rund drei Viertel der befragten Europäer erwarten, dass Trump ein schlechter oder gar fürchterlicher Präsident sein wird.

Von den Deutschen wünschen sich deshalb auch nur 14 Prozent engere Beziehungen zum wichtigsten Verbündeten aus Zeiten des Kalten Krieges. Gut ein Drittel würde die Bande lieber lockern. In keinem anderen Land ist die Abneigung größer. Sogar China erscheint vielen hier als attraktiverer Partner: 23 Prozent der Bundesbürger plädieren für ein engeres Verhältnis zur asiatischen Wirtschaftsmacht, nur 19 Prozent lehnen größere Nähe ab.
Geht es um eine stärkere Annäherung an die USA, finden sich bei Anhängern der Union und überraschenderweise auch der Linken die meisten Befürworter. Unter den Wählern der Grünen setzt jeder Zweite auf größere Distanz zu Washington, bei den anderen Parteien ist es jeweils rund ein Drittel.


Sicherheit: Deutsche fürchten Terror

Spätestens der schwere Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz kurz vor Weihnachten hat gezeigt, dass Deutschland nicht unverwundbar ist. Entsprechend groß ist die Angst vor einer Wiederholung. Gut sechs von zehn Deutschen halten es für wahrscheinlich oder gar sehr wahrscheinlich, dass Terroristen hierzulande in den kommenden zwölf Monaten erneut zuschlagen.

In Großbritannien, wo erst im März ein mutmaßlicher Islamist im Londoner Regierungsviertel vier Menschen getötet und rund 40 verletzt hatte, ist die Anschlagsfurcht ähnlich groß. Besonders klar im Visier sehen sich allerdings die Menschen in Frankreich, wo es in der jüngeren Vergangenheit gleich mehrere schwere Terrorattacken gegeben hatte. 78 Prozent der Befragten gehen fest von einem weiteren Anschlag aus. Unter den drängendsten Problemen des Landes rangiert die Terrorgefahr in Frankreich und Deutschland besonders weit oben.

Als Bedrohung für die Sicherheit gilt aber nicht nur der Terrorismus. Für immerhin elf Prozent der Deutschen gehört auch die Kriminalität zu den zwei drängendsten Problemen des Landes. Höher ist der Wert nur in Schweden. Auch den Frieden sehen längst nicht alle Europäer gesichert, wie das „Kalte-Krieg-Barometer“ von YouGov signalisiert. Auf einer Skala von 0 („kompletter Frieden“) bis 10 („am Rande eines globalen Konflikts“) sehen die befragten Europäer die Welt im Schnitt bei 5,5 Punkten. Die Skandinavier, mit Ausnahme der Norweger, sind dabei leicht optimistischer als die Bürger der übrigen Länder.

Mit Sorge wird vor allem beobachtet, wie der russische Präsident Wladimir Putin agiert. Zwischen gut 60 und knapp 70 Prozent der Befragten sehen Russland als militärische Bedrohung für den Rest Europas. In den meisten Ländern hat eine Mehrheit der Bürger zudem den Eindruck, dass Russland der EU gegenüber unfreundlich oder gar feindlich handelt.

Der wirtschaftliche Einfluss des Energieriesen Russland wird unterschiedlich eingeschätzt. Hier sehen vor allem die Franzosen eine Bedrohung, gefolgt von Briten und Skandinaviern. Von den Deutschen fürchtet sich nur ein knappes Viertel vor der Wirtschaftsmacht der Russen. Skeptisch wird aber auch China beäugt. So glauben deutlich mehr als die Hälfte der Briten und Franzosen, dass die Volksrepublik keine Rücksicht auf die Interessen ihres Landes nimmt. Von den Deutschen denken so 42 Prozent.

Quelle:  Handelsblatt Online
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