ThemaEnergiewende

kolumneHans-Werner Sinn: Die Krim-Krise gefährdet die Energiewende

17. März 2014
Ein Drittel des in Deutschland verbrauchten Gases fließt über russisches Territorium Quelle: REUTERSBild vergrößern
Ein Drittel des in Deutschland verbrauchten Gases fließt über russisches Territorium Quelle: REUTERS
Kolumne von Hans-Werner Sinn

Um auch in Zeiten ohne Wind und Sonne eine stabile Energieversorgung zu gewährleisten, brauchen wir Methanspeicher und Gaskraftwerke. Die Energiewende wird somit die Abhängigkeit von russischem Gas weiter erhöhen – und damit unsere außenpolitische Handlungsfähigkeit einschränken.

Der ungelöste Konflikt in der Ukraine hat für uns nicht nur außen-und sicherheitspolitische Risiken. Die Eskalation an der Krim gefährdet auch die Öl- und Gasversorgung Deutschlands – und damit die Energiewende. Die neue deutsche Energiepolitik nämlich kann ohne russisches Gas nicht funktionieren. Der Grund liegt in der Unstetigkeit des Wind- und Sonnenstroms. Beide Stromquellen bedürfen einer Technologie zur Glättung der Stromproduktion im Jahresverlauf. Diese Aufgabe können letztlich nur parallel verfügbare Gaskraftwerke übernehmen.

Anzeige

Ifo hat jetzt untersucht, ob es auch anders ginge. Anhand der Einspeisungen von Wind- und Sonnenstrom während aller 8760 Stunden des Jahres 2011 haben wir die zur Glättung dieses Stroms nötige Speicherkapazität berechnet. Die installierte Nennleistung beider Stromquellen betrug damals 54 Gigawatt. Zu einzelnen Stunden wurden schon mal bis zu 27 Gigawatt erzeugt, aber bisweilen auch nur 0,5 Gigawatt. Die durchschnittliche Erzeugung lag bei 7,3 Gigawatt. Die gesicherte Leistung, die in 99,5 Prozent der Stunden verfügbar war, betrug lediglich 0,9 Gigawatt.

Hans-Werner Sinn: Präsident des ifo Instituts
Hans-Werner Sinn: Präsident des ifo Instituts

Um den Durchschnitt verwertbar zu machen und die gesicherte Leistung von 0,9 Gigawatt möglichst weit in Richtung des Durchschnitts zu heben, ist eine Speichertechnologie zwingend notwendig. Am effizientesten sind nach dem derzeitigen Stand der Technik Pumpspeicherwerke. Zu einer vollen Glättung würde man allerdings rund 3300 solcher Anlagen benötigen – mithin 100-mal so viele, wie Deutschland derzeit hat. Neue Speicherkraftwerke sind aber schwer durchzusetzen, da sie allerorten zu wütenden Bürgerprotesten führen. Am Jochberg in Bayern etwa erhob man die Sensen.

Und wenn man nicht den gesamten „Zappelstrom“ glättet, sondern nur einen Teil? Auch in diesem Modell ist das Resultat ernüchternd. Für die Glättung von vier Siebteln des Durchschnitts wären in Deutschland immer noch rund 440 Pumpspeicherkraftwerke erforderlich. Auch das ist jenseits aller politischen Möglichkeiten.

Alternativ könnte man die Energie in Akkus speichern. Dafür allerdings wären 164 Millionen Batteriesätze eines BMW i3 nötig – viermal so viele, wie es in Deutschland überhaupt Autos gibt. Die eine Million Elektroautos, die angeblich im Jahr 2020 auf Deutschlands Straßen fahren, würden nur mickrige 0,6 Prozent der benötigten Speicherkapazität liefern. Und die Autos dürften in den windstillen Zeiten des Jahres nicht fahren, damit sich ihre Batterien nicht entleeren.

Anzeige
Kommentare | 13Alle Kommentare
  • 17.03.2014, 07:16 UhrJoR

    Also neue AKW´s bauen und auf ewig die Laufzeiten verlängern, dann ist doch alles gut.
    Nicht vergessen, vorher Optionsscheine auf Eon und RWE sichern.
    Dann freut sich doch das Elitepack :-)
    Wenn denn mal der Müll entsorgt werden wird, dann wird sich schon ein Weg finden, dass alle für die Kosten aufkommen. Schön ökonomisch eben.

  • 17.03.2014, 09:47 UhrRainerFausHimH

    Ich sehe das genauso wie Herr Sinn. Die Atomkraftwerke wollen wir abschalten. Die Kohlekraftwerke wollen wir abschalten. Was bleibt dann noch? Genau, Gaskraftwerke. Nur die werden dieser Tage auch abgeschaltet (Beispiele Eon und Statkraft), weil sie sich nicht mehr rechnen. An Gaskraftwerken kommt man aber nicht vorbei, wenn man Atom und Kohle nicht mehr will. Aus Russland bezieht Deutschland einem Zeitungsbericht der Welt zufolge 40% seines Gasbedarfes, die von Sinn angesprochene Methanisierung gibt es auf Jahre hinaus in der angesprochenen Dimension nicht und das ganze wird auch exorbitant teuer. Am Ende sind wir wohl auf amerikanisches Fracking-Gas angewiesen. Ist das der ganze Sinn der Übung in der Ukraine? Nach der künstlichen Verteuerung des Stroms ist wohl in Kürze ein weiterer Preisschub bei Öl und Gas zu erwarten. Offensichtlich geht es nur darum, dem Bürger seine Wertschöpfung über künstlich aufgeblähte Energiepreise wegzunehmen. Um etwas anderes gehts scheinbar nicht. Wenn dann die Energie künstlich knapp gemacht wird, gibt es dann am Ende sogar "Rationierungen"? Würde doch Sinn machen: knapp und sehr sehr teuer!

  • 17.03.2014, 11:30 UhrKassandra

    Gaskraftwerke sehe ich nur als ein (teures) Teil der Problemlösung an. D. wird kurzfristig zunehmend teuren Fehlstrom importieren und billigen Abfallstrom exportieren müssen. Deshalb werden die Transportnetze auch zügig in Ost-West-Richtung verstärkt und nicht in Nord-Süd-Richtung. Wenn uns die Strompreise nicht völlig strangulieren sollen, bleibt mittelfristig nur Kohle und Kernspaltung. Die eigentliche Lösung kommt jedoch erst mit Fusionskraftwerken. Da sind wir aber noch weit weg und die Europäer tun auch viel zu wenig für deren Entwicklung.

Alle Kommentare lesen
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.