Neuer Pflege-Tüv vertagt: Angst vor der Wahl des Pflegeheims

Neuer Pflege-Tüv vertagt: Angst vor der Wahl des Pflegeheims

, aktualisiert 20. Juli 2017, 14:15 Uhr
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Bei der Wahl des Pflegeheims lässt die Politik die Bürger allein: Die Reform des schlechten Pflege-Tüvs von 2009 wurde erneut vertagt.

von Peter ThelenQuelle:Handelsblatt Online

Die Hälfte der Deutschen fürchtet, im Alter im falschen Pflegeheim zu landen. Die Angst vor schlechter Versorgung im letzten Lebensabschnitt ist groß. Doch Hilfe aus der Politik kommt noch immer nicht.

BerlinEine Million Pflegebedürftige pro Jahr sucht nach einem Platz im Pflegeheim. Sie haben die Qual der Wahl, bei der sie die Politik seit geraumer Zeit alleine lässt. Hat mein zukünftiges Pflegeheim genug Personal? Passt die Ausstattung zu meinen Bedürfnissen? Ermöglicht es mir als Pflegebedürftigem eine gute Lebensqualität? Jeder zweite Deutsche hat das Gefühl, diese Fragen nicht sicher beantworten zu können. 90 Prozent der Deutschen verlangen aus diesem Grund mehr Informationen über Pflegeeinrichtungen. Das zeigt eine Umfrage der Bertelsmann Stiftung, die das Meinungsforschungsinstitut Kantar Emnid durchgeführt hat.

Der 2009 mit viel Tamtam eingeführte sogenannte Pflege-Tüv mit den „Pflegenoten“ liefert bisher nicht genug oder sogar die falschen Informationen. Denn er ist auch auf Drängen der Lobby der Heimbetreiber so gebaut, dass bisher nahezu alle Heime Pflegenoten zwischen eins und zwei erreichen. Es gibt etliche Beispiele, dass Pflegeheime wegen schwerer Mängel geschlossen wurden, die beim Tüv Noten im Einserbereich bekommen hatten.

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Ein Grund dafür ist, dass schlechte Beurteilungen bei der eigentlichen Pflege und der Betreuung der „Kunden“ durch gute Noten für schöne Eingangsbereiche oder andere weiche Faktoren ausgeglichen werden. Zudem wurde die Qualität der Versorgung fast nur anhand der „dokumentierten“ Pflege gemessen. Wie gut es den Gepflegten in den Einrichtungen tatsächlich ging, wurde allenfalls stichprobenartig erfasst.

Ein vom  Gesetzgeber bereits 2016 mit dem zweiten Pflegestärkungsgesetz neu geschaffener Qualitätsausschuss sollte eigentlich an diesem Informationsmissstand bis Ende des Jahres etwas ändern. Zudem sollten neue Kriterien für die Messung der Qualität und ihre verständliche Darstellung entwickelt werden. Dabei sollte erstmals auch die Ergebnisqualität systematisch erfasst werden.

Die neuen Qualitätsdarstellungsvereinbarungen sollten für den stationären Bereich eigentlich bis zum 31. Dezember 2017 beschlossen und anschließend umgesetzt werden, für den ambulanten Bereich bis zum 31. Dezember 2018. Der Ausschuss sollte auch ein Konzept für die Qualitätssicherung in neuen Wohnformen entwickeln, um der weiterhin wachsenden Bedeutung von Wohngemeinschaften oder betreutem Wohnen gerecht zu werden. Zudem begleitet der Qualitätsausschuss die Entwicklung eines bundeseinheitlichen Personalbemessungsverfahrens in Pflegeeinrichtungen.

Inzwischen steht aber fest, der aus Vertretern der Pflegekassen, der Pflegeeinrichtungen, der Sozialhilfe und der kommunalen Spitzenverbände, der privaten Krankenversicherung und der Verbände der Pflegeberufe bestehende Ausschuss wird nicht rechtzeitig fertig. Stefan Etgeton, Gesundheitsexperte der Bertelsmann Stiftung, hat dafür kein Verständnis. Ein gutes Informationssystem sei kein Hexenwerk, meint Etgeton.


Große Unterschiede bei der Pflegequalität

Doch offenbar ist die Angst der Heimbetreiber groß, dass Schwächen ihrer Einrichtungen publik werden könnten. Dabei sind die großen Qualitätsunterschiede bei der deutschen Heimpflege und der ambulanten Pflege längst ein offenes Geheimnis. 55 Prozent der Deutschen sehen laut Umfrage der Bertelsmann-Stiftung bei Pflegeheimen und ambulanten Pflegediensten starke Qualitätsunterschiede. Nahezu zwei Drittel der Befragten (63 Prozent) befürchten besonders, dass es in den Einrichtungen zu wenig Personal gibt. Unter denjenigen, die bereits nach Pflegemöglichkeiten gesucht haben – immerhin jeder Dritte über 50 Jahren –, ist diese Sorge noch ausgeprägter: Hier schätzen 73 Prozent die Anzahl des Personals in Pflegeheimen als „eher schlecht“ oder „sehr schlecht“ ein.

Dabei steht insbesondere für diese erfahrenen Pflegeheimsuchenden die Personalsituation auf Platz zwei der wichtigsten Auswahlkriterien – gleich hinter der Qualität der Pflege. Neun von zehn Befragten verlangen daher bei einem künftigen Pflege-Tüv Daten zum Personaleinsatz (88 Prozent), der Pflegequalität (94 Prozent) und der Ausstattung von Pflegeheimen (92 Prozent).

Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, unterstützt diesen Informationsanspruch: „Pflegebedürftige und ihre Familien sollten alle nötigen Informationen erhalten, um sich für den passenden Anbieter entscheiden zu können.“ Der vom Gesetzgeber einberufene Qualitätsausschuss sollte sich daher nicht nur auf die Pflegequalität konzentrieren, sondern auch Angaben zum Personaleinsatz und zu auswahlrelevanten Einrichtungsmerkmalen in die neue Qualitätsberichterstattung einbeziehen, fordert Etgeton.

Wie ein Angebot aussehen könnte, das bei der Suche nach dem richtigen Pflegeanbieter alle nötigen Informationen transparent macht, hat die „Weiße Liste“, ein Projekt der Bertelsmann Stiftung, zusammen mit Experten aus Wissenschaft und Betroffenenverbänden in einem Reformkonzept erarbeitet. Die „Weiße Liste“ schlägt ein Bewertungssystem für Pflegeeinrichtungen vor, in dem Informationen zur gesundheitsbezogenen Pflegequalität, Angaben zum Personaleinsatz und zu Einrichtungsmerkmalen aufgenommen werden, die für die Lebensqualität der Pflegebedürftigen von Bedeutung sein können. Sechs zentrale Reformvorschläge stehen dabei im Mittelpunkt:

Ob die Vorschläge der Bertelsmann-Stiftung in die Arbeit des  Qualitätsausschusses Eingang finden, ist eine offene Frage. Auf jeden Fall arbeitet der Ausschuss ungeachtet der bevorstehenden Bundestagswahl weiter. Genau genommen ist derzeit noch eine Gruppe von Wissenschaftlern am Zuge, die der Ausschuss nach einer europaweiten Ausschreibung mit der Ausarbeitung des neuen Pflege-Tüv beauftragt hat. Sie sind bereits seit einem halben Jahr an der Arbeit und sollen im Sommer 2018 fertig sein, so Gernot Kiefer, Vorstand beim Spitzenverband der Krankenkassen. Dann werde umgehend mit der Umsetzung begonnen. „Die Umfrage der Bertelsmann Stiftung hat einmal mehr deutlich gemacht, wie wichtig das Thema Pflegequalität und Transparenz ist“, lobt Kiefer die Initiative.

Quelle:  Handelsblatt Online
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