Neulich...bei der Nasen-OP: Nasentropfen sind wie eine Droge

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Kolumne

Im Krankenhaus treffen sich die schweren Fälle: Chronisch erkältete Patienten, die sich alle paar Jahre die geschwollenen Schleimhäute zurückschneiden lassen müssen, und die sogenannten "Stinknasen", bei denen der Dauergebrauch von abschwellenden Nasentropfen zu kraterartig zerstörten Schleimhäuten und fauligem Atem geführt hat.

Zurzeit niesen und schniefen sich die Menschen in diesem Land wieder einmal durch den Frühling, dass man am liebsten überall kleine „Tempo-to-go“ Stände errichten würde. „Darf es vielleicht ein Taschentuch sein?“, möchte man morgens in der Straßenbahn fragen, und sich selbst einen Regenschirm aufspannen, der einen vor dem Tröpfchenregen des Gegenübers bewahrt.

Dabei sollte sich freuen, bei wem es noch richtig fließt. Viel schlimmer nämlich sind die verschleppten, chronischen Schnupfen, die mit ein bisschen allergischem Geniese anfangen und mit dauerverstopfter Nase enden. So wie bei einer guten Freundin. Schon zu Schulzeiten war sie ständig erkältet. Im Französischunterricht durfte sie immer die neuen Lektionen vorlesen, weil ihr als einziger eine echt nasale Aussprache gelang. In den Pausen stand sie in der Raucherecke, und während die anderen leicht nach vorne gebeugt an den Blättchen ihrer selbstgedrehten Zigaretten herumleckten, hatte sie gewöhnlich den Kopf im Nacken und neselte mit der Pipette ihrer Nasentropfen herum. Ohne die war sie aufgeschmissen. 

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Ihre größte Angst bestand darin, geknebelt zu werden: Sie wäre erstickt, denn durch die Nase konnte sie nicht atmen. Nur, wenn sie Nasentropfen nahm, und von denen brauchte sie immer mehr und in immer kürzeren Abständen. Wie bei einer richtigen Sucht. Egal, wohin wir zusammen in Urlaub fuhren – am Ende jeder Reise konnte sie mit Sicherheit in der Landessprache nach Nasentropfen fragen und das Wort für „Apotheke“ kannte sie auch.

Nasentropfen gibt es ganz legal

Erst Jahre später, als meine Freundin schon studierte und kurz vor dem Examen stand, riet ihr ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt, die chronisch angeschwollenen Nasenmuscheln operativ verkleinern zu lassen. Sie ging in die Uniklinik Freiburg, wurde unter Vollnarkose operiert und lag mehrere Tage im Krankenhaus. Seitdem passt sie auf wie ein Luchs: Keine Teppiche, keine Vorhänge mehr in ihrer Wohnung, keine Katzen und keine Meerschweinchen. Im Bad steht neben der Zahnbürste die Nasendusche, und bei jeder sich anbahnenden Erkältung spült meine Freundin ihr Riechorgan sofort mehrfach am Tag mit Meersalz durch.

Trotzdem musste sie sieben Jahre nach ihrer OP wieder unters Messer. Im Krankenhaus, diesmal war es die Berliner Charité, traf sie Leidensgenossen. Man unterhielt sich über kraterartige Vertiefungen in der Nasenschleimhaut, die durch Nasentropfen-Missbrauch entstehen. Über Stinknasen – eine besonders schlimme Folge dieser Sucht: Die chronisch Erkälteten verströmen einen fauligen Geruch. Ein Nasenkranker erzählte ihr, er müsse alle zwei Jahre operiert werden, um atmen zu können.

Inzwischen hat meine Freundin selbst Kinder, und regelmäßig legt sie sich mit ihrer Kinderärztin an, die beim kleinsten Schnupfen Nasentropfen verschreibt – „damit es nicht auf die Ohren übergreift“. Als meine Freundin von ihrer Sucht erzählte, schaute die Kinderärztin sie seltsam an. So, als sei sie beim Psychiater besser aufgehoben als beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt.

In den Apotheken werden jedes Jahr Millionen von Fläschchen mit abschwellenden Nasentropfen oder Nasenspray verkauft. Unter den 20 am häufigsten gekauften Medikamenten befinden sich vier Schnupfenmittel. Eigentlich muss der Apotheker auf die Sucht-Gefahr hinweisen. Doch wenn er überhaupt warnt, dann in der Regel nur vor langfristigem Gebrauch – ein paar Tage gelten laut Beipackzettel als ungefährlich.

Meine Freundin meidet das Zeug wie ein Ex-Alkoholiker die Weinflasche. Denn sie weiß es besser: Auch nach wenigen Tagen mit Nasentropfen können Entzugserscheinungen auftreten, setzt man die Droge dann wieder ab.

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