Sarrazin und die AfD: Der AfD-Versteher

Sarrazin und die AfD: Der AfD-Versteher

, aktualisiert 21. März 2016, 16:09 Uhr
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Der ehemalige Berliner Finanzsenator und Bundesbanker greift die etablierten Parteien für ihren Umgang mit der AfD scharf an.

von Dietmar NeuererQuelle:Handelsblatt Online

Für Thilo Sarrazin kommt der Siegeszug der AfD nicht überraschend. Hätten CDU und SPD seine Analysen zu den Themen der Partei ernst genommen, sagt er, wäre ein Erstarken der Rechtspopulisten wohl ausgeblieben.

BerlinThilo Sarrazin scheut die Nähe zur AfD nicht – auch wenn der Sozialdemokrat damit regelmäßig seine Partei gegen sich aufbringt. Als der Ex-Bundesbankvorstand vor anderthalb Jahren einer Einladung der niedersächsischen Alternative für Deutschland (AfD) folgte, forderte ihn die damalige SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi umgehend zum Parteiaustritt auf.

Solche Attacken pariert Sarrazin in der Regel mit Missachtung. Aus gutem Grund. Denn die SPD hat es bis heute nicht geschafft, ihn aus der Partei zu werfen. Mit der Konsequenz, dass Sarrazin weiter macht, was er am besten kann: aktuelle Themen schlagzeilenträchtig in Büchern analysieren, die dann zu Bestsellern werden. Oder seine „Expertise“ interessierten Zuhörern feilbieten.

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Mit seinen Thesen zur Euro-Rettungspolitik im Buch „Europa braucht den Euro nicht“ oder zur „Überfremdung“ im Buch „Deutschland schafft sich ab“ trifft Sarrazin sicher das Gefühl vieler AfD-Mitglieder, während seine SPD immer noch keine Strategie zum Umgang mit der AfD gefunden hat. Den Umstand, dass die etablierten Parteien kein ausgefeiltes Anti-AfD-Konzept vorzuweisen haben, nimmt er heute schadenfroh zur Kenntnis. Denn seine Analysen, so meint er, hätten für ein solches Konzept wohl als Blaupause dienen können.

„Hätten die verantwortlichen Politiker der CDU und SPD diese Analysen ernst genommen“, sagt Sarrazin im Brustton der Überzeugung im Interview mit der „Bild“-Zeitung, „und entsprechend gehandelt, so wäre die AfD 2013 gar nicht erst gegründet worden oder hätte zumindest nicht diese Wahlerfolge.“ Dann legt der ehemalige Berliner Finanzsenator die Fehler von CDU und SPD im Umgang mit der AfD schonungslos offen.

Zwischen CDU, SPD, Grünen und Linken gebe es bundesweit bei der Flüchtlings- und Einwanderungspolitik „keine nennenswerten Unterschiede“, stellt Sarrazin fest. „De facto sah sich der Bürger in dieser Frage einer nationalen Einheitsfront gegenüber.“ Viele hätten zudem das Gefühl, ihre Meinung nicht offen sagen zu können. „So wählten sie in der Stille der Wahlkabine die einzige Alternative, die ihnen auf den Stimmzetteln angeboten wurde.“


60 Prozent glauben an den Bundestags-Einzug der AfD

Die zweistelligen Ergebnisse der AfD bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt geben der Partei auch bundesweit Rückenwind. Im Sonntagstrend, den das Meinungsforschungsinstitut Emnid wöchentlich für die „Bild am Sonntag“ erhebt, verlieren SPD und CDU/CSU jeweils zwei Prozentpunkte. Die Sozialdemokraten kommen nur noch auf 22 Prozent und damit den niedrigsten Wert seit 2009. Die Union rutscht auf 34 Prozent ab.

Die rechtspopulistische AfD, die bei den drei Landtagswahlen vergangenen Sonntag stark abgeschnitten hatte, steigt hingegen zwei Punkte auf einen Rekordwert von 13 Prozent. Auch die Grünen legen zwei Punkte auf 13 Prozent zu. Die FDP gewinnt einen Zähler auf sechs Prozent. Die Linke liegt unverändert bei neun Prozent.

Die Umfrage erfolgte vor dem am Freitag vereinbarten Flüchtlingsabkommen zwischen EU und Türkei. Sie ergab ferner, dass 60 Prozent der Deutschen davon ausgehen, dass die AfD bei der Bundestagswahl 2017 den Einzug ins Parlament schafft. Grundsätzlich können sich mittlerweile 19 Prozent der Wähler vorstellen, für die AfD zu stimmen.

Für Sarrazin ist die weitere Entwicklung der AfD noch offen. Allerdings gibt er zu bedenken, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrer Politik bundesweit rechts der CDU ein heimatloses Wählerpotenzial von 20 bis 25 Prozent hinterlassen habe.

„Wenn die CDU dieses Terrain nicht erneut besetzt, und das ist unter der gegenwärtigen Parteivorsitzenden nicht absehbar, entsteht der Raum für eine konservative Volkspartei, etwa mit dem Profil der CSU zurzeit von Franz Josef Strauß“, ist Sarrazin überzeugt. „Ich will nicht ausschließen, dass die AfD hier dauerhaft ihre Rolle findet, wenn sie sich nachhaltig und glaubwürdig von rechtsextremen Strömungen abgrenzt.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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