Sondierungsgespräche: Warum lange Verhandlungen schlecht für die Wirtschaft sind

Spieltheoretiker über Sondierungen: "Keine Partei besitzt ein Drohpotenzial"

Bild vergrößern

Verhandlungstaktiker: Martin Schulz, Angela Merkel, Horst Seehofer

von Thomas Schmelzer

Der Ökonom und Spieltheoretiker Matthias Sutter erklärt, warum es bei den Sondierungen auf eine rasche Einigung ankommt – und wundert sich, warum die Parteien nicht längst zu einem einfachen Trick gegriffen haben.

Herr Sutter, als Verhaltensökonom mit spieltheoretischem Hintergrund erforschen Sie, wie man bei Verhandlungen möglichst viel rausholen kann. Welche Partei steht bei den aktuellen Sondierungsgesprächen am besten da?
Im Moment ist die Ausgangslage für Union und SPD recht ähnlich. Beide Blöcke schließen Neuwahlen aus. Also besitzt keine Partei ein Drohpotential, die Gespräche platzen zu lassen. Es gibt für beide Seiten nur noch eine Machtoption: die große Koalition.

Zur Person

  • Matthias Sutter

    Matthias Sutter ist österreichischer Ökonom und forscht an der Universität Köln zu den Bereichen Verhaltensökonomik und Spieltheorie. Zu seinen Schwerpunkten gehören Teamentscheidungen. Seit August 2017 ist Sutter zudem Direktor und Wissenschaftliches Mitglied am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn.

Bei der Bundestagswahl hat die Union aber deutlich mehr Stimmen geholt.
Klar, das wird sich am Ende wohl auch noch auswirken, wenn es um die Ministerposten geht. Bis dahin müssen aber erst einmal jede Menge inhaltlicher Differenzen abgeräumt werden.
Und dabei sind beide Parteien gleich gut aufgestellt?
Wenn man den Parteien abnimmt, dass sie Neuwahlen auf jeden Fall verhindern wollen, dann ist das so.

Anzeige

Und was glauben Sie?
Ich bin Wissenschaftler und kann nicht beurteilen, wie glaubwürdig solche Aussagen sind. Aus taktischer Sicht wundere ich mich aber schon, warum keine Partei Neuwahlen androht. Spieltheoretisch ist das ein einfacher Trick und würde die Ausgangslage der drohenden Partei deutlich verbessern.

PremiumPhilosoph Martin Hartmann "Vertrauen in Institutionen nimmt kontinuierlich ab"

An mangelndem Vertrauen scheitern nicht nur Koalitionsverhandlungen, sondern mitunter ganze Volkswirtschaften. Der Philosoph Martin Hartmann über gegenläufige Trends, intimisierten Kapitalismus und Vertrauensverlust bei allzu viel Offenheit.

Händeschütteln - der erste Schritt der Vertrauensbildung. Hier Angela Merkel und Martin Schulz beim Beginn der Sondierungsgespräche. Quelle: dpa

Weil sie dann einen stärkeren Hebel hätte?
Genau. Man könnte öffentlich sagen: Wenn ihr uns nicht in diesen und jenen Punkten stark entgegenkommt, gehen wir halt in Neuwahlen rein. Das würde schon einen erheblichen Druck aufbauen. Vielleicht wird das hinter vorgehaltener Hand auch gemacht, aber das ist Spekulation.

Bei der SPD entscheiden am Ende die Mitglieder, ob es Koalitionsverhandlungen gibt oder nicht. Das ist doch ein ganz ähnlicher Hebel.
Ja, das ist sozusagen eine abgeschwächte Version der Neuwahl-Drohung und stärkt die Position der SPD. Deren Sondierer können in den Arbeitsgruppen immer raunen, dass sie der Basis ja etwas anbieten müssen.

Tritt die SPD deswegen mit so breiter Brust auf?
Sicherlich ist das ein Teil der Erklärung. Der andere ist, dass die SPD rein spieltheoretisch und hinsichtlich ihrer Verhandlungsposition in den Sondierungs- und Koalitionsgesprächen enorm vom Scheitern der Jamaika-Verhandlungen profitiert hat. Denn so sind sie für die Union und Angela Merkel zur letzten verbliebenen Option für den Machterhalt geworden.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%