Studie zum Klimawandel: „Stürme mit nie zuvor beobachteter Wucht“

Studie zum Klimawandel: „Stürme mit nie zuvor beobachteter Wucht“

, aktualisiert 09. November 2017, 10:31 Uhr
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Kleine Inselstaaten haben mittlerweile regelmäßig mit Wetterextremen zu kämpfen.

von Silke KerstingQuelle:Handelsblatt Online

Extremwetter macht Inseln und armen Ländern schwer zu schaffen, zeigt der neue Klima-Risiko-Index von Germanwatch. 2017 könnte das Jahr mit den weltweit größten Schäden durch Stürme, Überschwemmungen und Dürre werden.

BerlinAusrichter der gerade in Bonn tagenden Weltklimakonferenz ist der pazifische Inselstaat Fidschi, Deutschland agiert als gastgebende Nation. Damit rückt die Republik in den Mittelpunkt der internationalen Klimadiplomatie, die sich schon heute regelmäßig mit wetterbedingten Katastrophen, vielen Toten und hohen wirtschaftlichen Schäden auseinandersetzen muss.

Betroffen sind vor allem Entwicklungs- und Schwellenländer. Auch Fidschi machen immer stärkere Stürme schwer zu schaffen. Das zeigt der neue, heute von der Entwicklungsorganisation Germanwatch veröffentlichte Globale Klima-Risiko-Index (KRI) 2017.

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Dieser Index, der jährlich überarbeitet wird und in diesem Jahr die Extremwetterereignisse des Jahres 2016 und des Zeitraums 1997 bis 2016 erfasst, zeigt, wie stark Länder von Wetterextremen wie Überschwemmungen, Stürmen und Hitzewellen betroffen sind. Als Basis dient vor allem die Datenbank des weltweit größten Rückversicherers Munich Re.

„Stürme mit nie zuvor beobachteter Wucht haben Inselstaaten zuletzt verheerend getroffen“, sagt David Eckstein von Germanwatch, einer der Autoren des Index. „Haiti wurde 2016 vom stärksten Hurrikan seit über 50 Jahren heimgesucht und Fidschi vom stärksten je dort gemessenen Wirbelsturm.“ In Simbabwe folgten auf dürftige Niederschlagswerte massive Regenfälle und Überflutungen, ausgelöst durch einen Tropensturm.

In der Langfristbetrachtung – 1997 bis 2016 – waren Honduras, Haiti und Myanmar am stärksten betroffen, gefolgt von Nicaragua, den Philippinen, Bangladesch und Pakistan. Insgesamt kamen zwischen 1997 und 2016 mehr als 524.000 Menschen als direkte Konsequenz von über 11.000 Extremwetterereignissen ums Leben.

Die wirtschaftlichen Schäden beliefen sich auf etwa 3,2 Billionen US-Dollar. Die weiteren Aussichten sind düster: nach jetzigem Stand, heißt es bei Germanwatch, könnte 2017 das Jahr mit den weltweit größten Schäden durch Extremwetter, die jemals registriert worden seien, werden.

Wenngleich die Auswertungen über Schäden und Todesopfer keine Aussagen darüber erlaubten, welchen Einfluss der Klimawandel bereits bei diesen Ereignissen hatte, so lässt sich laut Germanwatch doch ein Bild der Verwundbarkeit der Staaten zeichnen. „Dies kann als ein Warnsignal verstanden werden, sich auf zukünftig möglicherweise vermehrte und stärkere Extremwetterereignisse durch Katastrophenvorsorge und Anpassung an den Klimawandel besser vorzubereiten.“

Weltweit haben Regenfälle in den vergangenen 30 Jahren immerzu neue Rekorde aufgestellt. Bis 1980, sagt das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), ließen sich Schwankungen in der Häufigkeit von Starkregen mit natürlichen Faktoren erklären. Danach aber sehen die Wissenschaftler die Zunahme der Regenfälle im Zusammenhang mit dem Anstieg der Erderwärmung.

Jedes einzelne Ereignis, heißt es beim PIK, habe eine ganze Reihe von verschiedenen Auslösern, aber insgesamt gebe es einen klaren Trend: die Extremereignisse nehmen zu – auf den verschiedenen Kontinenten unterschiedlich ausgeprägt. Während manche Regionen mehr von Rekord-Regenfällen bedroht sind, leiden andere unter Trockenheit und Dürre. 

Die Untersuchung von Germanwatch zeigt, dass Entwicklungsländer sehr viel stärker von Extremwetter betroffen sind - obwohl sie im Vergleich mit den Industrieländern weniger Treibhausgase in die Atmosphäre geblasen haben.

Experten der Weltbank schätzen, dass die Erderwärmung bis 2030 zusätzlich 100 Millionen Menschen in Armut stürzen könnte, nicht nur aufgrund von Naturkatastrophen, sondern weil beispielsweise auch die Ertragskraft der Landwirtschaft abnimmt.

Einige Länder, wie Haiti, Indien, Sri Lanka und Vietnam, wurden in den vergangenen Jahren so oft von Extremwetterereignissen heimgesucht, dass sie kaum Zeit hatten, sich zu regenerieren. „Vor allem für kleinere Staaten ist dies eine kaum zu bewältigende Belastung“, sagt Germanwatch-Experte Eckstein.

Bei der Klimakonferenz in diesen Tagen in Bonn geht es deswegen auch um die Frage, wie die Unterstützung für die vom Klimawandel am stärksten bedrohten Menschen im globalen Süden verbessert werden kann - einer der drei Knackpunkte der Konferenz.


Auch Deutschland ist betroffen

Bereits 2009 in Kopenhagen hatten die Industrieländer zugesagt, ab 2020 jährlich gemeinsam 100 Milliarden US-Dollar aus öffentlichen und privaten Quellen für den Klimaschutz und die Anpassung von Entwicklungsländern an die Folgen des Klimawandels bereitzustellen. Deutschland hat seine Beiträge zur Klimafinanzierung in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesteigert und 2015 angekündigt, bis 2020 die Unterstützung aus dem Bundeshaushalt im Vergleich zu 2014 zu verdoppeln – auf vier Milliarden Euro jährlich.

2016 flossen bereits 3,4 Milliarden Euro Haushaltsmittel, davon 83 Prozent aus dem Haushalt des Entwicklungshilfeministeriums. Inklusive der Gelder, die öffentliche Banken wie die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) zur Verfügung stellen, lag der deutsche Beitrag 2016 bei 8,5 Milliarden Euro.

Die internationale Klimafinanzarchitektur ist sehr komplex. Es gibt diverse Fonds, die Maßnahmen finanzieren – zentrales Instrument ist indes der Grüne Klimafonds (Green Climate Fund, GCF), da seine Mittel sowohl für die Anpassung an den Klimawandel als auch für Emissionsminderungen ausgegeben werden sollen. Er wurde auf der Klimakonferenz 2011 in südafrikanischen Durban beschlossen, befindet sich aber noch im Aufbau.

Im Schatten des GCF gibt es noch den so genannten Anpassungsfonds (Adaption Fund), der schon unter dem Vorgänger des Paris-Abkommens, des Kyoto-Protokolls gegründet wurde und nun in die neue Architektur überführt werden muss. Er hat einen etwas anderen Fokus und ist speziell für kleine konkrete Anpassungsprojekte für die verletzlichsten Bevölkerungsgruppen gedacht.

Nach Angaben des Umweltministeriums hat der Fonds in knapp zehn Jahren 67 Projekte in 63 Ländern mit einem Fördervolumen in Höhe von rund 450 Millionen US-Dollar auf den Weg gebracht. Deutschland ist der größte Geldgeber dieses Fonds. Daneben gibt es noch den Least Developed Countries Fund und den Special Climate Change Fund mit abermals eigenen Schwerpunkten.

Auch Industrienationen sind vom Klimawandel zunehmend betroffen. Deutschland – in der Langfristbetrachtung nach Frankreich und Portugal die am drittstärkten betroffene Industrienation – litt vor allem unter der langen europäischen Hitzewelle 2003 mit mehreren Tausend Todesopfern, schweren Stürmen und wiederholt aufgetretenen Hochwassern an Elbe, Donau und Oder.

2016 fielen vor allem Überflutungen und Stürme mit insgesamt 15 Toten und 3,91 Milliarden Dollar Schäden ins Gewicht. Für die USA wurden im vergangenen Jahr 267 Todesopfer und rund 47,4 Milliarden Dollar Schäden durch Wetterextreme registriert.

Quelle:  Handelsblatt Online
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