Wahlsager: Die Basis der Sozialdemokraten bröckelt

ThemaWahlen 2017

kolumneWahlsager: Die Basis der Sozialdemokraten bröckelt

Kolumne von Konrad Fischer und Jan Eric Blumenstiel

Was verraten die Mitgliederzahlen der Parteien über ihre Wahlchancen? Vor allem eines: Es sieht schlecht aus für die SPD.

Mitgliederzahlen von Parteien werden meist nur erwähnt, um ihren Niedergang zu illustrieren. Die alte Tante SPD: Seit Jahren laufen ihr die Mitglieder weg, von der knappen Million der Neunzigerjahre ist nur noch die Hälfte übrig. Die FDP, einstiges Sammelbacken der progressiven Elite: Von den 160 000 Mitgliedern nach der Wende ist nur noch ein Drittel übrig.

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Die Aufzählung lässt sich fast beliebig fortsetzen. Die deutschen Parteien eint, dass sie trotz einer leichten Stabilisierung in den vergangenen Jahren weit entfernt sind von den Mitgliederrekorden der Vergangenheit. Das zeigt die Addition der Mitgliederzahlen aller Parteien:

Grafik Mitglieder

Addition der Mitgliederzahlen aller deutschen Parteien zwischen 1969 und 2009

Aber was bedeutet das für die deutsche Parteienlandschaft? Zunächst nicht viel. In Zeiten, in denen Sportvereine wegen Mitgliedermangel schließen und freiwillige Feuerwehren vor einer Unterversorgung warnen, ist es eigentlich kein Wunder, dass auch die im Kern ehrenamtlich organisierten Parteien Probleme bekommen. Dass die politische Beteiligung generell sinkt, zeigt sich auch an der sinkenden Wahlbeteiligung und ist zunächst ein gesellschaftliches Problem, kein parteipolitisches.

Dennoch sind die Zahlen auch wahltaktisch von Interesse. Denn sie verraten sehr viel darüber, wie gut es den verschiedenen Parteien gelingt, an der Basis Wähler zu mobilisieren. Wenn man sich der These anschließt, dass Wahlverhalten vor allem vom persönlichen Umfeld bestimmt wird (LINK Bertelsmann-Studie), kommt Parteimitgliedern eine besondere Bedeutung zu. Nur wenn  es jedem einzelnen gelingt, sein politisch ungebundenes persönliches Umfeld von „seiner“ Partei zu überzeugen, hat sie eine Siegchance.

Vergleicht man das Verhältnis von Parteimitgliedern zu Wählern (wir werden dies die „Mobilisierungsrate“ nennen), fällt zunächst ein grundlegender Unterschied auf. Bei den Volksparteien (CDU, SPD und CSU) gelingt es jedem Parteimitglied durchschnittlich  nur zwischen 15 und 26 ungebundene Personen zu überzeugen. Bei den kleineren Parteien sind es deutlich mehr, den absoluten Rekord verzeichneten die Grünen 2009 mit einer Mobilisierungsrate von 96,7.

Dieser Unterschied lässt sich wahrscheinlich mit den Machtoptionen der Mitglieder erklären. Da nur die großen Parteien bei Personenwahlen eine Chance haben, gibt es hier für Parteianhänger einen Anreiz, Mitglied zu werden, den Kleinparteien nicht bieten können. Mitglied werden hier nur die Parteianhänger, die mit der Mitgliedschaft ihrer ideologischen Verbundenheit Ausdruck verleihen wollen. Alle Werte für 2009: 

Partei

Mobilisierungsrate*

CDU

23,1

SPD

19,2

CSU

17,8

Grüne

96,7

FDP

87,7

Linke

66,1

Piraten

70,7

*In der Mobilisierungsrate sind auch die Stimmen der Parteimitglieder enthalten. Die Beschreibung „Anzahl der überzeugten Wähler“ müsste daher jeweils um den Wert 1 nach unten korrigiert werden. Darauf wird verzichtet, da die Rate keinen Anspruch auf die Abbildung realer Wahlmotive erhebt.

Aufschlussreich sind daher vor allem die Veränderungen der Mobilisierungsraten im Zeitverlauf. Wir haben dafür auf Basis der jährlichen Zählung des Berliner Parteienforschers Oskar Niedermayer Mobilisierungsraten für alle Wahlen seit 1969 errechnet, für weiter zurückliegende Wahlen ist die Datenlage, insbesondere bei der FDP, leider zu dünn.

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