Winfried Kretschmann: Der erste Grüne

Winfried Kretschmann: Der erste Grüne

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Chef der Grünen in Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, mit seiner Frau

Nach 58 Jahren CDU-Regierung in Baden-Württemberg sind nun die Grünen dran - und Winfried Kretschmann wird der erste grüne Ministerpräsident der Bundesrepublik. Wer ist der Mann, der Stefan Mappus vom Thron stieß? Ein Portrait.

Winfried Kretschmann, 62 Jahre alt, sitzt schon wieder am Schreibtisch. Er und Nils Schmid, Spitzenkandidat der SPD bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg, haben jetzt einiges zu besprechen. Zum ersten Mal ist die SPD in einer rot-grünen Koalition der Juniorpartner, zum ersten Mal ist ein Grüner Ministerpräsident. Kretschmann ist glücklich, er sprach wieder und wieder von einem historischen Wahlsieg. Seine Partei habe jahrelang auf der Oppositionsbank gesessen und "dicke Bretter gebohrt". Nun ist sie durch. "Die CDU landet zum ersten Mal nach 58 Jahren auf der Oppositionsbank. Das ist eine echte Zäsur und eine ganz neue Erfahrung für das Land - aber eine gute."

Kretschmann ist grün von Beginn an: Er hat die Grünen in Baden-Württemberg mitbegründet und ist 1980 mit fünf anderen in den ersten Landtag eines Flächenstaates eingezogen. 1986 holt ihn Joschka Fischer nach Hessen in Deutschlands erstes grünes Umweltministerium. Nach dem Bruch der Koalition mit dem SPD-Politiker Holger Börner, genannt „Dachlatten-Börner“ kehrte er in den Landtag zurück. 1992 kostete Kretschmann die Bürgermeisterkandidatur eines anderen das Mandat. Der als Remstal-Rebell bekannte Helmut Palmer, der sich bei über 250 Oberbürgermeister-Wahlen in Baden-Württemberg aufstellen ließ und diverse Gefängnisstrafen verbüßte, unterbrach Kretschmanns politische Karriere. Der am 17. Mai 1948 in Spaichingen geborene Katholik kehrte in seinen Beruf als Biologie und Chemielehrer zurück, den er nicht lange nach seinem Staatsexamen 1977 für die Politik auf Eis gelegt hatte. Aufgewachsen ist Kretschmann in einem Dorf in der Schwäbischen Alb. Über sein Elternhaus sagt er, es sei ein „liberales, katholisches Elternhaus, in dem frei gedacht und gestritten und zugleich der ganze Reichtum des Kirchenjahres gelebt wurde“ gewesen. In Oberschwaben besuchte der junge Kretschmann das Gymnasium, machte sein Abitur, um dann nach dem Grundwehrdienst an der Universität Hohenheim Naturwissenschaften auf Lehramt zu studieren. Während seines Studiums war er Vorsitzender des ASTA (Allgemeiner Studierendenausschuss) und Kommunist. Er war Mitglied des Kommunistischen Bundes Westdeutschland. Seine Liebe zum Kommunismus ist jedoch lange verflogen, heute gilt er als seriöser Mann mit Hang zum Konservativen. Schließlich hatte er auch über eine schwarz-grüne Koalition im Ländle nachgedacht.

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Ender der Querköpfigkeit

Seine politische Vita liest sich wie die eines Getriebenen: Trotz seiner Erkenntnis, nach seinem Kommunismus-Irrtum besser Schülern fernab von politischen Ideologien die Naturwissenschaften näher zu bringen, ließ ihn die Politik nicht los. 1977 legte er sein Staatsexamen ab und bereits zwei Jahre später heckte er mit einigen Mitstreitern die Gründung der Grünen in BaWü aus, die ein Jahr später auch erfolgte. Von 1982 bis 1984 war er Mitglied des Kreistags in Esslingen, der Beruf als Lehrer deshalb unterbrochen und vorerst vergessen. Kretschmann saß von 1980 bis 1984, von 1988 bis 1992 und von 1996 bis heute im Landtag. Von 83 bis 84 war er Sprecher der Grünen im Landtag, zwischen 1996 und 2001 Vorsitzender des Ausschusses für Verkehr und Umwelt, dann stellvertretender Fraktionsvorsitzender und ab Juni 2002 Fraktionsvorsitzender der Grünen in Baden-Württemberg. Damit, so sagt er, habe für ihn die Zeit als Querkopf in der Partei ein Ende gehabt. "Jetzt musste ich integrieren, zusammenführen und zu allem was Kluges sagen." Drei Jahre später war er bereits schon einmal grüner Spitzenkandidaten. 2010 saß er im Schlichtergremium für Stuttgart 21, Jetzt ist er Ministerpräsident. Der erste Grüne.

Seine Partei habe seit 30 Jahren auf der Oppositionsbank gesessen und sein Job als Fraktionsvorsitzender sei es immer gewesen, dafür zu sorgen, dass sie sich nicht daran gewöhnt, sagt Kretschmann. Seine Themen, und damit die grüne Laufrichtung für die nächsten fünf Jahre sollen nun vor allem in der Bildung, bei der Einnahmenstabilität und Schuldenbremse von Bund und Ländern und dem Umweltschutz liegen. Für letzteren will er besonders den öffentlichen Verkehr durch Investitionen stärken. Um den Bildungsauftrag zu erfüllen, soll es schon im Kindergarten sprachliche Förderung geben. Ganztagesschulen sollen ausgebaut werden. „Wir brauchen ein leistungsfähigeres Schulsystem, das die Kinder nicht durch Selektion demotiviert, sondern ihre Stärken und Begabungen individuell fördert“, sagt er.

Politik des Gehörtwerdens

Über seine Politik sagt er in einer Grundsatzrede, er wünsche sich "eine Politik des Gehörtwerdens" und wolle den Schritt in die Bürgergesellschaft gehen. Aber auch Kretschmann ist nicht nur in der Politik aktiv: Er ist Mietglied im Naturschutzbund Deutschland, dem Bund für Umwelt und Naturschutz, der Heinrich-Böll-Stiftung BW, dem    Württembergischer Verein zur Förderung der humanistischen Bildung, sowie insgesamt sieben religiösen Vereinen beziehungsweise Kuratorien wie beispielsweise dem Diözesanrat der Erzdiözese Freiburg. Außerdem engagiert er sich in verschiedenen kulturellen Vereinen sowie bei Amnesty International und im Regionalsport. Winfried Kretschmann ist ein Hansdampf in allen Gassen. Unterstützung und Kraft im termingespickten Alltag findet er bei seiner Frau Gerlinde und den Kindern Albrecht, Irene und Johannes. Mit seiner Frau lebt er gemeinsam in Laiz, einem Stadtteil von Sigmaringen.

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