Wirtschaft: Warum es Unternehmen überhaupt gibt

Wirtschaft: Warum es Unternehmen überhaupt gibt

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Unternehmen sind laut Wirtschaftswissenschaftler Ronald Coase die "Moleküle der Wirtschaft"

Warum gibt es überhaupt Unternehmen? Der Nobelpreisträger Ronald Coase macht dafür die Kosten des Marktes verantwortlich – und revolutionierte so das ökonomische Denken.

Die einfachen Fragen sind bekanntlich die besten. Und manchmal, wenn sich außergewöhnliche Klugheit mit gründlichem und kritischem Denken mischt, bringen sie gar den Nobelpreis ein. Ronald Harry Coase wirft als junger Wissenschaftler an der London School of Economics in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts eine Frage auf, die noch niemand gestellt hatte: Warum gibt es eigentlich Unternehmen?

Seine Antwort, zusammengefasst in dem berühmten Essay „The Nature of the Firm“ aus dem Jahr 1937, interessierte jahrzehntelang keine Menschenseele. Vielleicht würde die Schrift noch heute in irgendeiner Bibliothek verstauben, hätten nicht Jahre später Ökonomen wie Oliver Williamson seine Gedanken aufgegriffen und eine neue Denkrichtung, die Transaktionskosten-Ökonomik und später die Neue Institutionen-Ökonomik entwickelt.

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Coase gilt als Entdecker der Transaktionskosten. Die neoklassischen Ökonomen nahmen die Existenz von Unternehmen als gegeben an. Coase war das zu wenig. Er wollte wissen, was in den „Molekülen der Wirtschaft“, wie er Unternehmen bezeichnete, vor sich geht. Warum schalten Unternehmen mit ihren Hierarchien, festen Arbeitsverhältnissen und langfristigen Planungen den Markt aus? Warum betreiben sie einen derart hohen Organisationsaufwand, wenn doch der Markt jederzeit das beste Angebot bereithält?

Während eines Stipendiums in den USA begibt sich der junge Wissenschaftler auf die Spurensuche. Klappert Unternehmen ab, führt Gespräche mit Managern. Und kommt darauf, dass die Marktnutzung Geld kostet, also Transaktionskosten verursacht. Preise müssen verglichen werden, das Anbahnen und Abschließen von Verträgen verschlingt Zeit und Geld. Es ist also rationaler, eine Sekretärin einzustellen, als bei jeder einzelnen Sekretariatsaufgabe diese Dienstleistung am Markt einzukaufen. Die organisatorische Einheit Unternehmen mindert nach Coase die Reibungsverluste der Marktnutzung bei wiederkehrenden Transaktionen. An die Stelle des Marktes tritt das Unternehmen. Diese Überlegungen befand das Stockholmer Nobelpreis-Komitee 1991 für preiswürdig – fast 60 Jahre nach seiner spektakulären Entdeckung der Transaktionskosten.

Coase, der nach Stationen in Dundee, Liverpool, New York und Virginia an der Law School der University of Chicago heimisch wird, ist als Vertreter der Chicago School ein Anhänger des freien Marktes.

Aus dieser Grundhaltung entspringt auch das Coase-Theorem, an dem sich Generationen von Studenten abgekämpft haben. In diesem Beitrag, der vor allem in der Umweltökonomik für Aufsehen gesorgt hat, entwickelte Coase ein Modell zur Internalisierung negativer externer Effekte. Einfacher gesprochen: Wie löst man das Problem, wenn etwa eine Produktion Umweltschäden verursacht? Coase schlägt vor, dass sich Schädiger und Geschädigter freiwillig einigen. Dabei spiele es keine Rolle, wer sich an der Umwelt versündigt hat – das Verursacherprinzip setzt Coase außer Kraft.

Zu viele Akteure machen Einigungen kompliziert

Dieser Gedanke hat ihm heftige Kritik eingebracht. In letzter Konsequenz folgt daraus nämlich, dass sich auch der Geschädigte an den Kosten der Verschmutzung beteiligt. Denn laut Coase sind negative externe Effekte prinzipiell reziproker Natur. Soll heißen: Beide, sowohl Schädiger als auch Geschädigter, beanspruchen das Gut Umwelt. So erst entsteht Knappheit an sauberer Umwelt – mithin ein negativer externer Effekt.

Ein Beispiel: Unternehmen A leitet Schmutzwasser in einen Fluss, aus dem Unternehmen B Wasser für seine Produktion schöpft. Das dreckige Wasser beeinträchtigt die Produktion von B. Unternehmen A könnte nun klassisch an B Entschädigungen zahlen. B könnte aber ebenso gut an A Geld zahlen – beispielsweise, damit A bessere Filter installiert. Coase vertraut darauf, dass die Parteien so lange miteinander verhandeln, bis sie das Pareto-Optimum erreichen. An diesem Punk kann sich ein Verhandlungspartner nicht mehr besser stellen, ohne dass der andere Nachteile erleidet. Eine Ökosteuer, wie sie der Ökonom Arthur Cecil Pigou vorschlägt, lehnt er mangels Effizienz ab.

Leider kann auch Coase die Welt nicht retten. Zwar gehen Initiativen wie der Wasserpfennig in Baden-Württemberg auf ihn zurück. Für globale Klimafragen ist die Verhandlungslösung jedoch ungeeignet. Zu viele Akteure machen eine Einigung kompliziert, sie wird umso unwirtschaftlicher, je mehr Parteien beteiligt sind. Anders ausgedrückt: Die Transaktionskosten sind zu hoch.

Coase, aus einfachen Verhältnissen stammend, misstraut grundsätzlich abstrakten Modellen und verzichtet auf mathematische Formeln. Lange Jahre wirkt er in Chicago bescheiden im Hintergrund. Bis ihn der Nobelpreis schlagartig weltberühmt macht: „Jetzt brauche ich einen Tag in der Woche, um meine Korrespondenz zu lesen.“

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