Wirtschaftskrise: Der Protektionismus kehrt zurück

Wirtschaftskrise: Der Protektionismus kehrt zurück

Bild vergrößern

Überall blüht der Neo-Protektionismus

Niedrige Zölle, freier Kapitalverkehr, mobile Arbeitskräfte – das vergangene Vierteljahrhundert hat der Weltwirtschaft eine historisch einzigartige Phase der Liberalisierung beschert.

Regierungen senkten unter dem Druck internationaler Verträge die Zölle, erleichterten die Zuwanderung von Arbeitskräften und liberalisierten die Kapitalmärkte. Konsequenz: Der Welthandel wuchs im Schnitt um sechs Prozent pro Jahr. Der Anteil der Armen, die von einem Dollar am Tag leben müssen, halbierte sich; allein in China entkamen 200 Millionen Menschen der Armut. Zugleich kletterte die Lebenserwartung in den Entwicklungsländern von 40 auf 65 Jahre.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise könnte diese Entwicklung nun abrupt beenden. Dass die Regierungen einschreiten mussten, um das kollabierende Bankensystem zu stützen, ist unbestritten. Doch im Windschatten der Krise greifen viele Staaten nun immer stärker in Marktprozesse ein und schotten ihre Länder gegenüber dem Ausland ab. Rund um den Globus knüpfen die Regierungen ein Netz staatlicher Vorschriften für den Finanzsektor, das, so befürchten Ökonomen, dem früheren Mangel an Regulierung nun ein Übermaß an bürokratischen Fesseln entgegensetzt. Zugleich setzt die steigende Arbeitslosigkeit die Politiker unter Druck, unrentable Firmen mit Steuergeldern künstlich am Leben zu erhalten. Die USA und China haben sogar in ihre Konjunkturprogramme Klauseln aufgenommen, die heimische Produkte gegenüber ausländischen Waren privilegieren.

Anzeige

Auch Schwellenländer suchen Heil im Neoprotektionismus

Auch die Schwellenländer suchen nach Jahren des Zollabbaus ihr Heil im Neoprotektionismus. Nach Angaben der Weltbank haben sie seit Oktober 2008 mehr als 90 Maßnahmen in Kraft gesetzt, die den Handel beschränken. Brasilien hob die Einfuhrzölle für mehr als 500 Güter deutlich an, in Ecuador sind sogar 600 Produkte betroffen. Russland erhöhte seine Importabgaben auf Autos und Stahl zeitweise auf bis zu 30 Prozent. Ägypten, Indonesien, die Türkei und Vietnam haben Zölle für Stahl angehoben oder erstmals eingeführt. Die Chance, dass die Gespräche zur Liberalisierung des Welthandels im Rahmen der Doha-Runde demnächst wieder aufgenommen werden, nachdem sie im Juli 2008 am Streit über die Agrarpolitik gescheitert waren, sind gering.

Die Gefahr von Handelskonflikten nimmt daher zu. So reagierte die EU jüngst mit höheren Importzöllen auf Stahlprodukte aus China, nachdem die Chinesen Quoten und Exportzölle auf 20 Rohstoffe verhängt hatten. Der neue Protektionismus macht beim Güterhandel nicht halt. Arbeitskräfte aus dem Ausland, bis vor Kurzem noch hochwillkommen, gelten vielerorts plötzlich als Gefahr für heimische Arbeitsplätze. In Großbritannien, wo jeder siebte Job mit einem Ausländer besetzt ist, skandieren britische Arbeitnehmer Slogans wie „Britische Jobs für britische Arbeiter“. Tschechien, Japan und Spanien drängen Einwanderer, die ihre Jobs verloren haben, mit einer finanziellen Prämie zur Rückkehr in die Heimat.

Grafik: Welthandelsvolumen

Grafik: Welthandelsvolumen

Die um sich greifende Abschottung treibt Ökonomen Sorgenfalten auf die Stirn. Denn die internationalen Produktionsketten sind heute viel komplexer und dadurch anfälliger für Störungen als früher. „Die negative Wirkung vergleichsweise moderater Handelshemmnisse kann sich potenzieren“, warnt Harald Jörg, Ökonom bei der Commerzbank.

Es wäre nicht das erste Mal, dass das Pendel der Globalisierung zurückschlägt und eine Phase des Protektionismus einläutet. Die Globalisierungswelle von 1850 bis 1914 mündete nach dem Ersten Weltkrieg und der Hyperinflation in einen Handelskrieg. Um heimische Unternehmen zu schützen, erhöhten die USA 1930 die Abgaben auf rund 20.000 Importprodukte auf bis zu 60 Prozent. Andere Länder reagierten mit massiven Vergeltungsmaßnahmen gegen US-Exporte. Der Welthandel brach daraufhin um mehr als die Hälfte ein.

Eine Protektionismuswelle wie in den Dreißigerjahren befürchtet Ökonom Jörg allerdings nicht. Dagegen sprächen die stärkeren institutionellen Hürden gegen Handelsbeschränkungen. So achtet in Europa die EU-Kommission darauf, dass staatliche Interventionen den Wettbewerb nicht zu sehr verfälschen. Zudem wird ein großer Teil des Welthandels mittlerweile in Freihandelszonen abgewickelt, in denen Zölle verboten sind. Die Langfristfolgen der Finanzkrise auf die Handelsströme werden daher schleichend daherkommen.

„Der Globalisierungsgrad wird sich tendenziell weiter erhöhen, aber nicht mehr so schnell wie in den vergangenen 25 Jahren“, glaubt Jörg. Die Produktivitätsgewinne durch internationale Arbeitsteilung dürften deshalb geringer ausfallen, der technische Fortschritt sich verlangsamen. Die Folge: weltweit niedrigere Wachstumsraten.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%