Inflationsrate: Verstehen Sie Warenkorb?

ThemaEZB

Inflationsrate: Verstehen Sie Warenkorb?

Bild vergrößern

Was ist im Warenkorb, mit dem die Inflationsrate gemessen wird?

von Andreas Toller und Bert Losse

Es gibt sie statistisch, harmonisiert und eben auch gefühlt: die Inflation. Worüber die Europäische Zentralbank als Hüterin des Euro penibel wacht, geht für Verbraucher oft genug an der Realität vorbei.

„Die Butter ist aber teuer geworden“, mag so mancher gedacht haben, als er in den vergangenen Monaten vor dem Kühlregal im Supermarkt stand. Zügig sind die Butterpreise im vergangenen Sommer gestiegen. Im März 2017 war das halbe Pfund dann im Durchschnitt ein Drittel teurer als ein Jahr zuvor, hat das Statistische Bundesamt ausgerechnet. 33 Prozent Preisaufschlag. Das ist einer der Momente, in denen Inflation für Verbraucher greifbar wird.

Der Staat erfasst die Inflation viel umfassender, akribischer, aber diese Inflation ist für Verbraucher schwerer zu fassen - zumal sie auch in winzigen Dosen verabreicht wird. Soeben hat das Statistische Bundesamt eine Teuerung von plus 1,6 Prozent gegenüber März 2016 bestätigt. Die amtliche Inflationsrate ist im März also wieder gesunken, im Februar hatte sie noch bei 2,2 Prozent gelegen. Das erschien nach mehreren Jahren ungewöhnlich niedriger Inflationsraten mit einer Null vor dem Komma schon als ein hoher Wert. Wirklich spürbar ist sie aber vor allem längerfristig, wenn das Haushaltsgeld mit den Jahren immer knapper wird.

Anzeige

Was bedeuten also 1,6 Prozent Inflation? Dass die Inflationsrate sinkt, ist vor allem den Energie- und Nahrungsmittelpreisen geschuldet. Ihr deutlicher Anstieg in den vergangenen Monaten sorgte dafür, dass die Inflationsrate seit Jahresbeginn nach oben kletterte. Denn: Verglichen wird immer mit dem Preisniveau vor einem Jahr. Weil die Preise im vergangenen Monat wieder gefallen sind, ist auch die Inflationsrate vom März niedriger als im Februar.

Ölpreis, Benzin, Heizöl und Strom sowie Lebensmittel müssen häufig als Grund für Veränderungen der Inflationsrate herhalten. Gerade in den Warengruppen Energie und Nahrungsmittel schwanken die Preise stark. Kaum hatte das US-Militär syrische Stellungen bombardiert, reagierte der Ölpreis mit Aufschlägen. Sind die Ernten gut, fallen zum Beispiel die Gemüsepreise. Im März waren etwa Tomaten fast 21 Prozent günstiger als vor einem Jahr, Kopf- und Eisbergsalat fielen sogar um knapp 44 Prozent. Im Grunde entsteht der Eindruck, dass nur Sprit und Speisen die Kaufkraft unseres Geldes bestimmen.

Echte, gemessene oder gefühlte Inflation?

Aber während Verbraucher steigende Benzin- und Butterpreise sofort realisieren, fallen andere Preisänderungen bei ihnen eher unter den Tisch. Wer merkt schon sofort, dass Pauschalreisen heute laut Verbraucherpreisindex sieben Prozent günstiger sind als vor einem Jahr? Oder dass Versicherungspolicen um 1,6 Prozent teurer geworden sind, Dienste sozialer Einrichtungen jedoch 6,4 Prozent weniger kosten? 

Überschätzt wird die staatlich ermittelte Inflationsrate womöglich auch in ihren Folgen auf das Konsumverhalten. "Es ist die gefühlte und nicht die offiziell vermeldete Inflation, die das Verhalten bestimmt. Wirtschaftssubjekte treffen ihre Entscheidungen aufgrund dessen, was sie individuell an Inflation wahrnehmen", sagt der Dortmunder Statistikprofessor Walter Krämer.

Subjektive Teuerungsrate

In der Wissenschaft gibt es daher seit Längerem den Versuch, eine Art subjektive Teuerungsrate zu ermitteln. Aufbauend auf den Forschungen des Schweizer Mathematikers Hans Wolfgang Brachinger ermittelt UniCredit heute einen "Index der gefühlten Inflation" (siehe Grafik, bitte anklicken). Dabei wird offensichtlich, dass die gefühlte Inflation oft viel höher, manchmal auch deutlich niedriger erscheint als in der offiziellen Statistik.

Gefühlte Inflation.

Die gefühlte Inflation (zum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken).

Der Index der gefühlten Inflation beschränkt sich auf Produkte, die Verbraucher häufiger kaufen - und bei denen sie folglich Preisänderungen unmittelbarer registrieren als bei Schrankwänden und Spülmaschinen. Da weniger Güter im Warenkorb enthalten sind, erhöht sich automatisch ihr Einfluss auf die Teuerungsrate. In den Index gehen Nahrungsmittel mit 27 Prozent und Kraftstoffe mit zehn Prozent ein - im offiziellen Warenkorb sind es nur zehn beziehungsweise vier Prozent. Bei Kleidung liegt die Spanne zwischen zwölf und fünf Prozent.

Harmonisierter Verbraucherpreisindex

Offiziell gemessen wird die Inflation mittels des harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI). Der wiederum basiert auf den Preisen für einen definierten Warenkorb, in dem deutlich mehr Güter und Dienstleistungen des alltäglichen Bedarfs liegen, von A wie Apfel bis Z wie Zahnzusatzversicherung. Insgesamt umfasst der Warenkorb 600 Güter- und Dienstleistungsarten, mehr als 300.000 Einzelpreise fließen in die Statistik ein.

Das Statistische Bundesamt sammelt die Preisdaten und gewichtet sie. Je mehr ein Haushalt für ein Gut ausgibt, umso höher ist sein Gewicht im Warenkorb. Einzelne Waren und Dienstleistungen fallen also weniger stark ins Gewicht. Nur die Posten, die große Teile des Monatsbudgets aufzehren, sind daher für die Inflationsrate richtungsentscheidend – eben Energie und Kraftstoffe (zusammen 11 Prozent Gewicht), Mieten (20 Prozent) und Nahrungsmittel (10 Prozent).

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%