Nobelpreisträger Alvin Roth: "Märkte gestalten heißt nicht Märkte abschaffen"

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InterviewNobelpreisträger Alvin Roth: "Märkte gestalten heißt nicht Märkte abschaffen"

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Blumen-Großmarkt: Tulpen-Auktion in Aalsmeer, Niederlande

von Hans Jakob Ginsburg

Ökonomie-Nobelpreisträger Alvin Roth über unkonventionelle Märkte, die Leistung der deutschen Volkswirtschaftslehre – und die Auktion holländischer Tulpen.

WirtschaftsWoche: Herr Professor, den Wirtschaftsnobelpreis 2012 haben Sie – so die Begründung der Jury – für die „Theorie stabiler Allokationen und die Praxis des Marktdesigns“ bekommen. Können Sie uns erklären, was das eigentlich bedeutet?

Alvin Roth: Wir können als Wissenschaftler die Funktionsweise von Märkten und das Verhalten der Menschen auf diesen Märkten analysieren – vom Finanz- und Immobilienmarkt bis hin zum Markt für Studienplätze und dem Wochenmarkt um die Ecke. Wir können aber darüber hinaus überlegen, wie man solche Märkte so verändert, dass die Marktteilnehmer mehr davon haben. Das ist Marktdesign.

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Ist das ein Bruch mit der klassischen Ökonomie, die Märkte als gegeben hinnimmt und von vornherein weiß, wie der Homo oeconomicus als Anbieter, Kunde oder Geldanleger agiert?

Alvin Roth im Rahmen der Lit.Cologne in Köln Quelle: dpa

Nobelpreisträger Alvin Roth

Bild: dpa

Das muss kein Bruch sein. Ich habe mich vor allem mit Märkten beschäftigt, bei denen Geldzahlungen keine entscheidende Rolle spielen: dem Markt für Organtransplantationen, dem Markt für Assistenzarztstellen an Krankenhäusern oder für Plätze in öffentlichen Schulen ...

Zur Person

  • Alvin Roth

    Alvin Roth, 64, Spieltheoretiker und experimenteller Ökonom, war bis 2012 Professor in Harvard und wechselte dann an die Stanford University. Im gleichen Jahr erhielt er den Nobelpreis für Wirtschaft.

... und Sie haben Verfahren für das sogenannte Matching entwickelt, die Zuteilung von Gütern an konkurrierende Bewerber. Geht das nicht in Richtung Planwirtschaft?

Nein. Märkte gestalten heißt nicht Märkte abschaffen! Es geht darum, dass Märkte gut funktionieren. Das hat meistens mit staatlicher Lenkung nichts zu tun. Bei der Organtransplantation zum Beispiel sind die Krankenhäuser die Organisatoren, beim Arbeitsmarkt die Gesamtheit der Unternehmen. Um ein Marktdesign zu entwickeln, brauchen wir natürlich spezielle Instrumente. Das sind die Spieltheorie, die aus der Mathematik kommt, und die experimentelle Wirtschaftsforschung, bei der wir das Verhalten von Menschen in Entscheidungssituationen unter Laborbedingungen untersuchen. Natürlich funktioniert solche Forschung nur im Kontakt mit Nachbarwissenschaften. Aber es geht immer um ökonomische Fragen.

Die Organisation von Spendenzentralen für Nierentransplantation oder die Vergabestellen von Ausbildungsplätzen haben Sie bereits erforscht. Gibt es weitere Märkte, die Sie mit Ihrer Methode untersuchen wollen?

Ich muss das nicht mehr selbst machen. Ich habe viele großartige junge Mitarbeiter und Schüler, und die haben sehr wohl noch eine Menge zu tun.

Tulpenhandel als Vorbild

Zum Beispiel?

Der Internethandel, überhaupt die gesamte Digitalisierung, schaffen ganz neue oder jedenfalls radikal veränderte Märkte. Das birgt Chancen, schafft aber auch Probleme. Das Design der neuen Märkte ist oft problematisch. Es macht einen großen Unterschied, ob sich der Internethandel an der Börse in Millisekunden vollzieht oder ob man Rechenoperationen künstlich verlangsamt, um das Marktgeschehen transparenter zu machen und Manipulationen auszuschließen. Internetauktionen sind auch nicht dasselbe wie Versteigerungen im guten alten Auktionshaus.

Das heißt?

Es gibt die herkömmliche Versteigerung, bei der Kaufinteressenten in einem Raum sitzen und den Preis hochtreiben, bis ein Gebot nicht mehr überboten wird. Dabei gibt es das Phänomen, dass manche Bieter sich an Konkurrenten orientieren, die sie vielleicht sogar persönlich kennen. Im Internet ist das anders. Da empfiehlt sich womöglich ein Verfahren wie beim Tulpenhandel in Holland.

Das müssen Sie erklären.

Die Auktion fängt nicht unten an und steigert sich bis zum Höchstgebot. Vielmehr fordert der Auktionator erst einmal einen überhöhten Preis. Der erscheint auf einer Anzeigetafel. Dann sinkt der Preis langsam – bis jemand die Hand hebt. Der bekommt dann die Ware zu diesem Preis, ohne dass die anderen Interessenten etwas über ihre Intentionen und über ihre Geldmittel verraten hätten.

So sollte man Ihrer Ansicht nach alle Auktionen organisieren?

Bestimmt nicht. Ein Sack Tulpen ist ein anderes Handelsgut als eine Immobilie. Aber die Wissenschaft kann Unterschiede herausarbeiten und dann konkrete Empfehlungen geben.

Wenn Sie sich Boomdisziplinen der Volkswirtschaftslehre wie die experimentelle Wirtschaftsforschung ansehen: Wo stehen da die deutschen Ökonomen?

Da müssen Sie sich keine Sorgen machen: Denken Sie nur an den Spieltheoretiker Reinhard Selten, den bisher einzigen deutschen Wirtschafts-Nobelpreisträger! Oder – als ein Beispiel von vielen – an Axel Ockenfels, der als Postdoc bei mir in den USA gearbeitet hat, jetzt in Köln lehrt und international zu den bedeutendsten experimentellen Ökonomen zählt. Das Schöne ist: Nationale Grenzen spielen in unserem Fach keine Rolle mehr.

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