Stärken und Schwächen: So steht es um die US-Wirtschaft

Stärken und Schwächen: So steht es um die US-Wirtschaft

, aktualisiert 07. November 2016, 21:04 Uhr
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Im Wahlkampf findet das Thema Wirtschaft kaum statt.

von Jens MünchrathQuelle:Handelsblatt Online

Im Wahlkampf zwischen Hillary Clinton und Donald Trump findet keine echte Debatte über den Zustand der US-Wirtschaft statt. Dabei wäre diese dringend notwendig. Die drei größten Stärken und Schwächen im Überblick.

WashingtonMit dem Slogan „It's the economy, stupid“ hat Bill Clinton die Präsidentschaftswahlen 1992 gewonnen. Wie es der US-Wirtschaft geht – ein Überblick über die drei größten Schwächen und Stärken der größten Volkswirtschaft der Welt.

STÄRKEN

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1. Arbeitsmarkt

Die größte Stärke der US-Wirtschaft ist die dynamische Entwicklung am Arbeitsmarkt. Allein seit 2010 schufen amerikanische Unternehmen mehr als 15 Millionen Jobs. In der Präsidentschaft Obamas verringerte sich die Arbeitslosenquote von knapp zehn auf deutlich unter fünf Prozent zurück. Das ist praktisch Vollbeschäftigung. In Europa dagegen liegt sie auch im Jahr neun nach Ausbruch der Finanzkrise trotz einer ausgesprochen positiven Entwicklung in Deutschland bei knapp neun Prozent. Allerdings gibt es in den USA zwei Arbeitslosenstatistiken. Die eben genannte heißt „U3“ und umfasst alle Amerikaner, die sich temporär als jobsuchend gemeldet haben. Auch wenn diese Statistik Langzeitarbeitslose und solche Amerikaner, die aus welchen Gründen auch immer, gar keine Stelle mehr suchen, unberücksichtigt lässt, ist diese positive Entwicklung bemerkenswert.

2. Wachstumsdynamik

Während der Anteil der USA an der globalen Wirtschaftsleistung sich in den vergangenen acht Jahren auf jetzt 24 Prozent leicht erhöhte, sank der Anteil der EU-Staaten von fast 30 auf 21 Prozent. Das heißt, der rasante Aufstieg der Chinesen von 7,2 auf mehr als 15 Prozent ging vor allem zu Lasten der Europäer.

Nominal ist die Wirtschaftsleistung in diesen acht Jahren um 26 Prozent auf jetzt 18,5 Billionen Dollar gewachsen. In den Jahren 2014 und 2015 stieg das Bruttoinlandsprodukt um jeweils 2,5 Prozent gewachsen. In diesem Jahr wird es sich laut IWF-Prognose auf 1,7 Prozent leicht abschwächen, um 2017 wieder auf 2,2 Prozent anzuziehen.

Das ist nicht umwerfend, in früheren Jahren wuchs die US-Wirtschaft oft mit Raten von mehr als drei Prozent. Doch vor allem vor dem Hintergrund einer relativ schwachen Weltwirtschaft ist diese Dynamik erstaunlich.

3. Zukunftsbranchen

Wenn die Vereinigten Staaten irgendwo unschlagbar erscheinen, dann ist das im Bereich der IT-Wirtschaft. Wenn Europäer an Europäer Ferienhäuser oder Zimmer vermieten, verdient Airbnb daran, eine Firma im Sitz im Silicon Valley. Nehmen Europäer ein Paris, London oder Berlin ein Taxi, macht nicht selten Uber Gewinne – ein Startup ebenfalls aus dem kalifornischen Silicon Valley.

Die Dominanz der amerikanischen Internetwirtschaft ist erdrückend. Die ökonomische Erfolgsbilanz IT-Wirtschaft lässt sich an den Börsentafeln der Wall Street ablesen. Allein Apple mit einem Börsenwert von 606 Milliarden Dollar ist teurer als die sieben wertvollsten Dax-Unternehmen zusammen.

Der Marktwert der Top Ten der wertvollsten US-Unternehmen ist mit vier Billionen Dollar deutlich mehr als doppelt so hoch wie derjenige der chinesischen (1,6 Billionen) und europäischen (1,7 Billionen) Unternehmen zusammen. Neben Apple ganz vorne mit dabei: Google (jetzt Alphabet), Facebook, Amazon, aber auch Microsoft.


Die Schwächen der US-Wirtschaft

SCHWÄCHEN

1. Wachsende Schulden

Auch wenn es Obama geschafft hat, das Haushaltsdefizit auf 2,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu halbieren, liegt die Staatsverschuldung immer noch über der Wirtschaftsleistung des Landes, nämlich bei 105 Prozent des BIP.

Zwar sind die während der Finanzkrise zwangsverstaatlichten Riesen der Finanz- und Autoindustrie längst wieder, sogar mit Gewinn für den Steuerzahler, privatisiert worden. Doch die teuren Konjunkturpakete, Steuersenkungen und eine Aufstockung der Arbeitslosenhilfe sowie der Militärausgaben lasten immer noch auf der Schuldenbilanz.

Als Obama im Jahr 2008 das Präsidentenamt übernahm, saßen die USA auf einem Schuldenberg von rund zehn Billionen Dollar. Seither haben sich die Schulden auf knapp 20 Billionen Dollar verdoppelt. Auch wenn ein Teil der Verantwortung noch in der Finanzpolitik von Obamas Vorgänger George W. Bushs liegt, ist es kaum übertrieben zu behaupten, dass ein die Amerikaner ein Teil ihre Wachstums über Schulden erkauften.

2. Schwache Produktivität

Ende der 90er Jahre glänzte die USA mit einem Produktivitätswachstum ihrer Wirtschaft derart, dass Wirtschaftswissenschaftler von der „New Economy“ sprachen.

Die Effizienzgewinne würden eine Wirtschaft mit hohen Wachstumsraten und trotzdem äußerst geringen Inflationsraten erlauben – New Economy eben. Doch dann platzte nach der Jahrtausendwende die Internetblase, und der Traum war ausgeträumt. Trotz fortschreitender Digitalisierung wächst die Arbeitsproduktivität nur noch in homöopathischen Dosen. Im zweiten Quartal dieses Jahres sank die Produktivität im Heimatland des digitalen Aufbruchs um 0,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Es war bereits der dritte Rückgang in Folge.

Das ist bedenklich: Langfristig ist die Entwicklung der Produktivität der entscheidende Faktor für den Wohlstand einer Volkswirtschaft. „Produktivität ist nicht alles, aber auf lange Sicht fast alles“ - so hat es der US-Ökonom Paul Krugman ausgedrückt.

3. Wachsende Ungleichheit

Das wohl größte Problem der amerikanischen Wirtschaft ist die wachsende Ungleichheit. Das mittlere Einkommen der Amerikaner liegt preisbereinigt immer noch unter dem Vorkrisenniveau von 2007. Die Reallöhne stagnieren seit Jahrzehnten, 43 Millionen Menschen leben weiter in Armut. 50 Prozent der Einkommenszuwächse landen beim reichsten Anteil der Bevölkerung, wie der Ökonom Joseph Stiglitz errechnet hat. Viele Bürger haben zwar wieder Arbeit, verdienen aber teilweise so wenig, dass sie einen zweiten Job annehmen müssen, um ein würdevolles Leben mit ihren Familien führen zu können.

Dieses Phänomen könnte langfristig nicht nur für die Konjunktur ein Risiko sein, weil es zu Lasten der Nachfrage geht. Es schafft auch politische Unsicherheit, indem es den Populismus fördert. In welchem Maße ist in diesem amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf deutlich sichtbar.

Quelle:  Handelsblatt Online
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