Brunnen-Ersatz: Riesige Körbe sammeln Wasser aus der Luft

Brunnen-Ersatz: Riesige Körbe sammeln Wasser aus der Luft

von Jan Willmroth

Körbe flechten, statt Brunnen bohren: Mit Tauwasser-Kollektoren will ein italienischer Designer das Trinkwasserproblem in Äthiopien lösen. Kann das funktionieren?

In Äthiopien beginnt der Tag für viele Menschen mit einem langen Marsch. Mit schmutzigen Plastikkanistern und Schüsseln brechen sie auf zu oft zig Kilometer entfernten Wasserstellen und sammeln dreckige Brühe, die sie zum Trinken und Kochen brauchen. Eine Alternative haben sie zumeist nicht.

Äthiopien gehört zu den Ländern, in denen am meisten Menschen kein sauberes Trinkwasser bekommen. 768 Millionen sind es weltweit, schätzen das UN-Kinderhilfswerk UNICEF und die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Folgen sind dramatisch: UNICEF schätzt, dass jeden Tag 1.400 Kinder unter fünf Jahren an Durchfallerkrankungen sterben, die direkt auf schmutziges Wasser und mangelnde Hygiene zurückgehen.

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Arturo Vittori, ein italienischer Designer mit Hang zu nachhaltigen Projekten, hat sich das Problem im Nordosten Äthiopiens aus nächster Nähe angesehen – und kam mit einer Idee von seiner Reise zurück: Anstatt Brunnen zu bohren, könnte man doch morgens das Wasser aus der feuchten Nachtluft sammeln. Die Nebelkollektoren, so der Name des bereits bekannten Prinzips hinter Vittoris Idee, müssten nur groß genug sein, um genügend Nebel und Tauwasser einzufangen.

95 Liter Tauwasser pro Tag

Das Ergebnis des Designers ist nicht nur groß, sondern vor allem auch schön. „Warka Water Tower“ haben Vittori und seine Kollegen von "Architecture and Vision" die Wasserkollektoren genannt. Das Prinzip: In ein rund neun Meter hohes Geflecht aus Bambus oder Binsen ist ein Plastiknetz eingespannt, an dem Wassertropfen kondensieren und in ein Becken am Boden fließen.

Mehr als 95 Liter Wasser sollen Dorfbewohner mit den Wassertürmen pro Tag sammeln können – frisch, sauber und ohne lange Wanderung. „WarkaWater ist gedacht, um sauberes Wasser bereitzustellen – und langfristige ökologische, finanzielle und soziale Nachhaltigkeit zu sichern“, sagte Vittori dem US-Magazin „Wired“. Sobald einige Einheimische das nötige Know-How hätten, könnten sie anderen beibringen, wie die Türme gebaut werden, und die Idee so weiterverbreiten.

Die Inspiration zu dem Entwurf kam vom in Äthiopien weit verbreiteten Warka-Baum, nach dem die Türme auch benannt sind. Nicht ohne guten Grund: Die alten Bäume dienen Dorfgemeinschaften häufig als Treff- und Mittelpunkt, in ihrem Schatten findet auch Schulunterricht statt.

Teuer, aber günstiger als Brunnen

Doch ganz billig sind die Türme nicht: Umgerechnet rund 400 Euro sollen sie pro Stück kosten. Das ist zwar deutlich weniger als ein mehr als 450 Meter tiefer Brunnen im felsigen äthiopischen Boden, dürfte aber ohne finanzielle Hilfe von westlichen Regierungen und Organisationen für kaum eine Dorfgemeinschaft zu stemmen sein.

Zudem setzt ein solches Projekt voraus, dass die Einheimischen es akzeptieren und auch nutzen – schon oft hat sich eine auf den ersten Blick gute Idee als wertlos erwiesen, weil keiner sie nutzen wollte. Ein weiteres Problem: Nebelkollektoren liefern nicht per se sauberes Wasser. Es ist schnell mit Bakterien verunreinigt, die Kollektoren könnten Schimmel ansetzen, und stets müsste ein Teil des gesammelten Wassers herhalten, um die Plastiknetze regelmäßig zu säubern.

Im kommenden Jahr wird Vittori besser einschätzen können, ob seine Idee ankommt und das Potenzial hat, mehr Menschen zu sauberem Trinkwasser zu verhelfen. In 2015 will er die ersten beiden Warka-Türme in Äthiopien errichten – und sucht derzeit nach finanzieller Unterstützung, um möglichst viele entlegene Regionen Äthiopiens mit den Türmen zu versorgen.

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