Kohle aus Hausmüll: Verfahren macht Steinkohleförderung überflüssig

Kohle aus Hausmüll: Verfahren macht Steinkohleförderung überflüssig

von Wolfgang Kempkens

Das Recyclingunternehmen Alba stellt Kohle aus Hausmüll her - zu einem Preis, der konkurrenzfähig ist.

Plastikmüll und andere Hausabfälle aus der grauen Tonne landen meist in einer Verbrennungsanlage. Bevor die Flammen ihm den Rest geben, werden in den meisten Fällen nur Metalle aussortiert, die ganz einfach an einem Magneten hängen bleiben. Alle anderen Wertstoffe, vor allem Buntmetalle und Glas, Keramik, Sand, Kies und Baustoffe - sogenanntes Inertmaterial - landen auf der Deponie. Daneben erzeugt die Müllverbrennungsanlage ein bisschen Strom mit dem Abfall. Sehr effizient ist das Müllverfahren also nicht.

Genau das ändert jetzt der Berliner Entsorger Alba gemeinsam mit der Stadtreinigung in der Hauptstadt. Zwei High-Tech-Anlagen sortieren den grauen Müll und gewinnen Metalle und Inertmaterial. Erstere lassen sich recyceln, letztere im Straßen- und Landschaftbau verwenden.

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Der Rest - und das ist das interessante - bestehend aus Papier, Kunststoffen, Holz und Biomasse, wird in einen Ersatzbrennstoff verwandelt. In Zementöfen und Kohlekraftwerken ersetzt diese „grüne Kohle“, wie Alba das Produkt nicht ganz zutreffend nennt (normalerweise wird grüne Kohle aus Pflanzenabfällen hergestellt), Stein- oder Braunkohle. Pro Jahr produzieren die beiden Berliner Anlagen 160.000 Tonnen Ersatzbrennstoff. Immerhin reicht diese Menge ungefähr aus, um ein Kohlekraftwerk mehr als einen Monat zu betreiben.

Zu einer echten Alternative wird das Verfahren aus ökonomischen Gründen: Die Kosten für die Herstellung der Abfallkohle entsprechen denen für eine gleiche Menge importierter Kohle mit dem gleichen Brennwert.

Aufwendige TrennungUnd so funktioniert das Verfahren im Detail: Erste Stationen des Mülls sind Zerkleinerungsanlagen. Ein Trommelsieb sortiert den Abfall nach Größen. Ein Windsichter pustet anschließend alle trockenen Leichtgewichte heraus, also Papier und Kunststoffe. Aus dem Rest entfernt ein Magnet alle eisenhaltigen Metalle.

Schwieriger ist es, die nicht-magnetisierbaren Metalle wie Kupfer, Aluminium und Zink zu gewinnen. Das gelingt mit einem Wirbelstromabscheider. Der erzeugt ein magnetisches Feld, das in die metallischen Abfälle "hineinkriecht". Es entsteht ein zweites Magnetfeld, das entgegengesetzt wirkt, sodass es die Metalle herausschleudert.

Um auch die letzten brennbaren Stoffe auszuschleusen, beleuchtet infrarotes Licht die Müllpartikel, die auf einem Laufband vorbeiflitzen. Die Müllteilchen reflektieren Licht mit einer anderen Wellenlänge, die für jedes Material spezifisch ist und von Sensoren erfasst wird. Diese wiederum steuern Düsen, die die identifizierten Partikel durch Druckluftstöße in unterschiedliche Behälter befördern.

Jetzt müssen nur noch die schon angesprochenen Inertmaterialien entfernt werden. Das geschieht mit Sieben, einem Röntgengerät, das diese Werkstoffe identifiziert, weil sie dichter sind, also weniger Strahlen durchlassen, und einem weiteren Windsichter, der die letzten Papierfetzen herauspustet. Am Ende landet das brennbare Gemisch in einer Pelletpresse.

Steinkohleförderung ließe sich ersetzen

55 Prozent des Mülls lassen sich in hochwertigen Ersatzbrennstoff umwandeln. 30 Prozent sind reines Wasser, das einfach in die Umwelt abgegeben wird, neun Prozent Intertmaterial für Bauzwecke und fünf Prozent Metalle. Der kleine Rest besteht aus sperrigen Teilen, an denen sich die Zerkleinerungsanlagen die Zähne ausbeißen, etwa ganze Mofas oder Motorblöcke, wie die Alba-Müllwerker berichten.

Insgesamt fallen deutschlandweit pro Jahr mehr als 30 Millionen Tonnen Müll aus Haushalten an. Daraus ließen sich gut 16 Millionen Tonnen Ersatzbrennstoff herstellen. Das ist mehr als die gesamte noch verbliebene Steinkohleförderung in Deutschland.

Das Verfahren sorgt bereits im Ausland für Aufsehen, vor allem in China. In der Stadt Xian, im Nordosten Chinas gelegen, hat Alba eine Demonstrationsanlage aufgebaut, in der Ersatzbrennstoff produziert wird - vorerst allerdings nur in kleinen Mengen. Die Entscheidung für den Bau einer großtechnischen Fabrik ist noch nicht gefallen.

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