Recycling: Unternehmen in NRW macht Müllreste zu Öl

Recycling: Unternehmen in NRW macht Müllreste zu Öl

von Wolfgang Kempkens

Abfallexperten verwerten mittlerweile fast alles - außer den Müll, der beim Recycling anfällt. Aus diesen Resten will ein Startup nun Öl machen.

In Nordrhein-Westfalen, zwischen Münster und Bielefeld, findet gerade eine kleine Recycling-Revolution statt. Für Autofahrer oder Fluglinien könnte sie eine ganz neue Treibstoffquelle erschließen.

In Ennigerloh im Kreis Warendorf hat das zuständige Abfallunternehmen bisher alles recycelt, was sich wiederverwerten lässt. Von Altpapier und Kunststofffolien bleibt am Ende aber sogeannanter Fluff übrig, eine wattegleiche Mixtur, die nur noch zum Verbrennen taugt – oder neuerdings zur Herstellung eines dieselähnlichen Öls.

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Initiator des Projekts ist Jürn Düsterloh, Geschäftsführer von Dieselwest, einem eigenständigen Unternehmen auf dem Gelände der Abfallverwertung in Ennigerloh. Seine Idee: Jährlich werden weltweit Millionen Tonnen Abfallreste, die sich nicht recyceln lassen, durch Verbrennen entsorgt. Mit der Technik, die Düsterloh in Ennigerloh realisiert hat, könnten daraus Milliarden Liter Treibstoffe gewonnen werden - aus Müllresten wird Gold. 

Am schwierigsten ist die Umwandlung mit den Überresten des Recyclings, eben dem Fluff. „Genau in diese Nische wollte ich“, sagt Düsterloh, wohl wissend, dass es eine echte Herausforderung war. Tatsächlich produziert die Anlage, die Alphakat Engineering aus Remscheid in Ennigerloh gebaut hat, aktuell gerade mal 100 Liter Treibstoff pro Stunde. 400 bis 450 sollen es sein, wenn die Anlage mit Vollast läuft.

Dazu ist eine Tonne pro Stunde an Rohmaterial nötig. Von der angestrebten Leistung ist sie allerdings weit entfernt, obwohl die Inbetriebnahme bereits vor einem Jahr begann. Doch weder Düsterloh noch die Remscheider Anlagenbauer sind davon enttäuscht. Weil sie sich für die Verölung des minderwertigsten aller Abfälle entschieden hatten, musste es so kommen. Auf Dauer soll sich das allerdings ändern.

Technische Hürden bleiben„Das Verfahren funktioniert, die Anlage auch“, sagt Düsterloh. Entscheidend für die magere Ausbeute ist das geringe Schüttgewicht. Das flockige Material kommt auf gerade mal 40 bis 50 Kilogramm pro Kubikmeter. Die Schnecke, die das Material in die Anlage zur Umwandlung transportiert, braucht einfach zu lange, um die für jede Charge nötige Menge einzufüllen.

Wie das Problem zu lösen ist, wissen die Beteiligten. Der flockige Fluff muss verdichtet werden. Das funktioniert durch Pressen oder durch ein Verfahren namens Kollern. Das Ergebnis sind mehr oder weniger feste Brocken, die ein weitaus höheres Schüttgewicht haben, die Anforderungen also erfüllten. Wäre da nicht ein Haken. Bei beiden Verfahren muss Wasser zugegeben werden, das den Verölungsprozess massiv behindert.

Deshalb haben sich Düsterloh und die Remscheider Ingenieure für ein anderes Verfahren entschieden: den Einsatz eines Heißmischers. Darin wird der Kunststoffanteil im Fluff angeschmolzen. Wenn er wieder erstarrt ist, sind die Papierfetzen fest eingebunden und das Schüttgewicht hat sich vervielfacht. Das könnte für einen wirtschaftlichen Betrieb ausreichen. Ob es aber tatsächlich die Lösung ist, wird sich innerhalb der nächsten Monate zeigen, wenn der Mischer einmal läuft.

Und so funktioniert die anschließende Ölproduktion: Fluff oder dessen verdichtete Fraktion wird in einem Reaktor unter Luftabschluss auf bis zu 400 Grad Celsius ohne Druckerhöhung erhitzt. Ein Katalysator beschleunigt die erwünschte Reaktion, die Zerschlagung langer organischer Moleküle, aus denen beispielsweise Kunststoff besteht. Es entstehen kurzkettige Moleküle, ähnlich dem Dieselöl. Katalytische drucklose Verölung nennt sich diese Technik.

Autos würden Husten kriegenAuch wenn sein Unternehmen Dieselwest heißt: Von Diesel spricht Düsterlohn nicht gern, weil das Produkt zwar hochwertigem Winterdiesel gleicht, aber nicht alle Spezifikationen erfüllt. Es enthält beispielsweise zu viel Schwefel, der in einer späteren Phase mit bekannten Techniken entfernt werden soll.

„Ein moderner Motor, der mit diesem Treibstoff gefüttert wird, könnte den Husten kriegen“, mutmaßt Düsterloh. Vorerst wird das Öl im Blockheizkraftwerk des Recyclinghofes und in industriellen Anlagen in der Nachbarschaft verbrannt.

Fünf Millionen Euro hat die Anlage gekostet. Eine Förderung gab es nicht. Nachträglich will das nordrhein-westfälische Ministerium für  Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz dennoch seinen Beitrag leisten. Nach einer Besichtigung der Anlage war die Delegation aus Düsseldorf so begeistert, dass sie von sich aus anregte, eine Förderung zu beantragen. Jetzt erwartet Düsterloh bis zu 800.000 Euro.

Der Erfinder der drucklosen katalytischen Verölung, Christian Koch, hat mit der Anlage nichts mehr zu tun. Alphakat Engineering ging aus einem Ingenieursteam hervor, das ihm vor Jahren half, seine erste Anlage in Kanada fertigzustellen, was Koch allein damals nicht schaffte. Jetzt könnte das Verfahren tatsächlich auf dem Weg zur Marktreife sein.

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