Sozialunternehmen: Wie Startups mit Erfindergeist Entwicklungshilfe leisten

Sozialunternehmen: Wie Startups mit Erfindergeist Entwicklungshilfe leisten

von Sandra Lukatsch

Bei Sozialunternehmen ist finanzieller Gewinn nur Mittel zum Zweck, um gesellschaftliche Probleme zu lösen.

Es ist der 14. November 2009 als in dem Realschullehrer Martin Aufmuth aus Erlangen der Daniel Düsentrieb erwacht. Fünf Monate dauert es, bis er in seiner Waschküche die erste Handbiegemaschine entwickelt hat, mit der jeder Brillen für rund einen Dollar herstellen kann. Aufmuths Ziel: Er will 150 Millionen Menschen in Entwicklungsländern mit bezahlbaren Sehhilfen versorgen.

Aufmuth ist nicht nur Erfinder, sondern auch Gründer des Vereins EinDollarBrille e.V., der erst kürzlich beim Empowering People.-Award der Siemens Stiftung den ersten Preis gewonnen hat. Die Idee für sein Sozialunternehmen ist so naheliegend wie genial zugleich. Und sie wirkt in zweifacher Hinsicht: Sie sorgt dafür, dass Brillen in Armenregionen für wenig Geld erhältlich sind und sie schafft Jobs.

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Denn die von Aufmuth entwickelte Biegemaschine ist so einfach konstruiert, dass selbst Analphabeten innerhalb von zwei Wochen die Herstellung von Brillengestellen erlernen können. Die neu ausgebildeten Optiker erhalten eine komplette Biegemaschine im Wert von circa 2.000 Euro als Darlehen, die der Verein bisher noch von Spendengeldern finanziert.

Doppelter Effekt: Arbeitsplätze und Sehkraft

Das Vertriebskonzept sieht so aus: Die Optiker transportieren die gesamte Ausrüstung in einer gerade mal 30 x 30 x 30 Zentimeter großen Holzkiste mit dem Fahrrad von Dorf zu Dorf und passen vor Ort die Brillen an. Die Materialkosten für Draht, Linsen und Schrumpfschlauch liegen bei rund einem Euro. Der Verkaufspreis pro Brille beträgt zwei bis drei ortsübliche Tageslöhne. So ist sichergestellt, dass die Brille für arme Menschen erschwinglich ist und dass die Verkäufer genügend Geld verdienen, um sich und ihre Familien zu ernähren.

Der Plan scheint aufzugehen: Nach einem ersten Testlauf in Uganda im Jahr 2012 fahren heute schon ausgebildete Optiker durch Ruanda, Burkina Faso und Bolivien und haben nach Angaben des Vereins hunderte Menschen mit Brillen ausgestattet. Bald soll das Projekt auch in Malawi, Nicaragua, Äthiopien und Kenia starten.

Upcycling mit Social ImpactKnapp 600 Kilometer nördlich von Erlangen haben zwei Hamburgerinnen mit dem Startup Beliya ihren persönlichen Traum verwirklicht: Nämlich eine Designer-Taschen- und Accessoire-Kollektion zu schaffen, die einem guten Zweck dient.

Die Gründerinnen Andrea Noelle und Annika Busse kreieren Produkte, die aus Sofaleder-Retouren und Designer-Stoffresten bestehen. Durch den Verkauf der Taschen in Hamburg, Berlin und München ermöglichen die Gründerinnen Kindern in Namibia, Tansania und Burundi den Schulbesuch.

Schön und gutUnd so funktioniert das Konzept: Sechs Beliya-Taschen und Accessoires ergeben zusammen die Finanzierung eines Schuljahres für ein Kind. Verschiedene Produktkategorien ermöglichen dabei einen Teil eines Schuljahres: die Finanzierung von Schulgebühren, des Essens, von Büchern, einer Uniform, der Fahrt im Schulbus und Projekten wie beispielsweise den Bau eines Brunnens oder neuer Schulgebäude.

Doch die Entwicklungshilfe hat seinen Preis:. Bis zu 270 Euro zahlt die Kundin für eine Tasche mit dem vielversprechend klingenden Namen HOPE Weekender, immerhin 30 Euro muss man für einen Schlüsselanhänger hinblättern.

Aber auch das Konzept scheint aufzugehen: Immerhin etwa 250 Kindern konnte das Start-up seit dem Verkaufsstart im Herbst 2012 den Schulbesuch ermöglichen. Und damit jede Käuferin auch weiß, wie viel Wert in ihrer neuesten Errungenschaft steckt, steht der Name des Kindes, das die Unterstützung erhält, an der Tasche. Zusätzlich kann die Kundin „ihr“ Kind auf der Website von Beliya kennenlernen und seinen Erfolg in der Schule verfolgen.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels heißt es irrtümlich, dass die Materialkosten für Draht, Linsen und Schrumpfschlauch bei 0,80 US-Cent liegen und den Verkäufern pro Brille etwa 50 US-Cent bleiben, von denen sie einen Teil in die Rückzahlung des Darlehens stecken.

Der Verkaufspreis ist jedoch von Land zu Land unterschiedlich. So liegt besipielsweise der maximale Verkaufspreis in Ruanda bei circa sechs Dollar, in Bolivien etwa bei zehn Dollar.

"Wir versuchen die Biegemaschinen über Spendengelder zu finanzieren – die finanzielle Belastung wäre sonst für die EinDollarBrillen-Optiker sehr hoch. Der Nachkauf von Material, Versand und die damit für uns verbundene Logistik soll sich aber dann aus dem Verkauf der Brillen refinanzieren", so Martin Aufmuth.

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