Strom per SMS: Ein Startup versorgt Ruanda mit Energie

Strom per SMS: Ein Startup versorgt Ruanda mit Energie

von Caspar Schlenk

Jeff Gasana ermöglicht den Menschen in Ruanda eine sichere Stromversorgung. Damit will er zum Vorbild für Unternehmer in ganz Afrika werden.

Jeff Gasana hat seine große Idee direkt vor seinem Büro in Ruandas Hauptstadt Kigali gefunden. Jeden Tag führte eine Schlange von Menschen an seiner Tür vorbei.

Sie standen an, um sich Stromguthaben zu kaufen, mit denen sie Lampen, Fernseher und Kühlschränke in ihren Wohnungen betreiben konnten. Wie bei einem Prepaid-Handy die Telefonzeit, mussten sie den Strom im Voraus bezahlen.

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„Wir konnten manche Nachmittage nicht arbeiten, weil die Leute vor unserem Büro auf dem Boden saßen und laut geredet haben“, erzählt der 34-jährige Gasana. Die Regierung hatte das Prepaid-System eingeführt, weil sie zu häufig und lange auf die Bezahlung der Stromrechnungen warten musste - und manche Kunden gar nicht zahlten.

Allerdings gab es in ganz Kigali Anfang der 2000er-Jahre, als das System eingeführt wurde, nur fünf Shops des staatlichen Stromversorgers, wo die Kunden ihre Guthaben aufladen konnten. Endlos lange Wartezeiten waren da vorprogrammiert

SMS statt langer WegeZu seinem Mitstreiter sagte Gasana damals: „Lass uns ein Geschäft aus der Wartezeit machen.“ Statt eine bestimmte Strommenge in einem der Shops zu kaufen, sollten die Leute mit ihrem Handy für die Elektrizität bezahlen – per Textnachricht. Den zugeschickten Code konnten sie in ihren Stromzähler eingeben. Gasana überzeugte den staatlichen Stromanbieter, den SMS-Service seiner kleinen Firma freizuschalten.

Gasana hat mittlerweile mit seinem Unternehmen SMS Media auch Lizenzen an viele kleine Shops im ganzen Land verteilt, die ebenfalls die Codes für den Strom verkaufen.

Damit will er das Leben der Menschen in seinem Land verbessern: Schon immer hatte es ihn genervt, wenn er und seine Familie gemeinsam ein Fußballspiel im Fernsehen schauten – und plötzlich war das Strom-Guthaben leer und das Bild weg. Jetzt lässt sich per Handy umgehend neuer Strom kaufen. „Auf dem Land spart es den Leuten außerdem lange Wege“, sagt Gasana.

Vier Jahre nach der Gründung seines Unternehmens später gibt es keine Schlangen mehr vor seiner Tür. 25 Programmierer und Service-Mitarbeiter, alle Mitte 20, arbeiten für Gasana. Jeden Monat bringt das Geschäft nach seinen Angaben 40.000 Dollar ein. Und es gibt mittlerweile auch Wettbewerber, die Strom per SMS verkaufen. Mit einem Anteil von 40-Prozent kann sich Gasanas Unternehmen trotzdem als Marktführer behaupten.

Großes Potential der MobiltelefoneGasanas Erfindung versorgt nicht nur die Menschen einfach mit Strom, sie schafft auch weitere Jobs. Er sieht sich selbst deshalb als Sozialunternehmer, weil seine Geschäftsidee vielen Kioskbetreibern zusätzliche Einnahmen beschert. „Wenn ein Dorf mit ein paar Häusern an das Stromnetz angeschlossen ist, schauen wir, ob nicht jemand einen kleinen Shop eröffnen will“, sagt Gasana.

Der Shopbesitzer kann für Menschen ohne Handy auch Strom kaufen und bekommt dafür vier Prozent Provision. Was früher die wenigen Stromverkäufer des Staates waren, ist heute ein Heer von kleinen Kiosken – die zum Zentrum der kleinen Dörfer werden. Noch gibt es für Jeff Gasana viel zu tun, gerade einmal 16 Prozent der Menschen in Ruanda verfügten 2012 über einen Stromanschluss.

Schon vor mehr als zehn Jahren hat der Gründer erkannt, welches Potential das Mobiltelefon für Afrika einmal haben wird. Denn es versorgt Menschen etwa mit Informationen, auch wenn sie in einem entlegenen Dorf leben. Nach seinem Management-Bachelor gründete Gasana ein Startup, das Informationen – vor allem Fußballergebnisse – an Leute verschickte.

„Ganz früher war ein Mobiltelefon noch ein Luxus-Ding für die privilegierten Leute“, sagt Gasana. Aber durch die billigen chinesischen Handys besäße die breite Masse an Menschen mittlerweile ein Telefon – laut einer Untersuchung sind es in Ruanda zwei Drittel der Bevölkerung.

„Der Google-Gründer von Afrika“Sein Startup hat Gasana nicht nur reich, sondern ihn auch zu einem Vorbild in der Technik-Szene gemacht, die insbesondere in der Hauptstadt Kigali wächst. „Ich will eine Art Google-Gründer für Afrika werden“, hat Gasana einmal gesagt. Das klingt überheblich, dabei ist sein Lächeln fast schüchtern, jeden seinen Mitarbeiter begrüßt er mit Handschlag.

Sein Handy klingelt ununterbrochen, er ist ständig in Bewegung. Denn Gasana will mehr als nur Strom-Guthaben vermitteln: SMS Media verkauft mittlerweile auch Wasser. Bald sollen Lottoscheine folgen. Auch in einigen Nachbarländern von Ruanda ist sein Unternehmen aktiv, eines Tages soll es ganz Afrika sein.

Auch international findet seine Idee Beachtung: Gasana hat viele Preise gewonnen für seine Idee, etwa auf der Computermesse Cebit in Hannover. Dort waren viele Besucher erstaunt über die Erfindung aus Ruanda – einem Land, das viele nur durch den Völkermord vor 20 Jahren kennen.

Eine Geschichte aus Hannover hat sich in Gasanas Gedächtnis gebrannt. Ein Mann hatte ihn auf der Messe gefragt: „Strom? Habt ihr sowas überhaupt in Afrika?

Heute muss er schmunzeln, wenn er diese Geschichte erzählt. Denn sein Heimatland ist mittlerweile Vorbild für andere afrikanische Staaten: Ruanda setzt vor allem auf erneuerbare Energien, gewinnt Methan-Gas aus dem Kivu-See – und eines Tages will das Land seinen eigenen Strombedarf komplett selbst decken. Dann wird Gasana wohl noch mehr Strom per SMS handeln können.

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Dieser Artikel wurde von dem journalistischen Trainingsprogramm Beyond Your World ermöglicht.

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