Visionäre der Nachhaltigkeit: Wie grüne Pioniere die Wirtschaft verändern

Visionäre der Nachhaltigkeit: Wie grüne Pioniere die Wirtschaft verändern

von Sebastian Matthes

Nie war das Interesse junger Menschen an nachhaltigen und sozialen Startups so groß wie heute. Wir stehen vor einem Boom.

Mitunter sind die großen Ideen das Ergebnis ganz banaler Beobachtungen. Zum Beispiel, dass 80 Prozent aller Autofahrten kürzer sind als zehn Kilometer und dass rechnerisch im Durchschnitt nur 1,2 Menschen in den Fahrzeugen sitzen. "Eine gigantische Verschwendung", dachten sich Benjamin Kirschner und ein paar Studienfreunde. Und so entwickelten sie – noch als Studenten der Hochschule Darmstadt – die Idee für Flinc, eine innovative Mitfahrzentrale, die Menschen auf dem Weg zur Arbeit, ins Wochenende oder auf dem Rückweg vom Flughafen zusammenbringt – via Smartphone-App.

Die Idee schlug ein. 500 000 Mitfahrangebote stellen Flinc-Nutzer pro Monat in Deutschland ein, und längst arbeitet das Startup mit Konzernen wie Procter & Gamble, BASF und Marc O'Polo, die es ihren Mitarbeitern erleichtern wollen, Fahrgemeinschaften zu bilden. "Unser Ziel ist, dass jeder auf dem Weg durch die Stadt in zehn Minuten eine Mitfahrgelegenheit findet", sagt Kirschner, der Flinc zusammen mit Klaus Dibbern und Michael Hübl führt. Das muss jedem Taxiunternehmer Angst machen. Denn eine 20-minütige Fahrt kostet bei Flinc nur rund zwei Euro.

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Flinc ist nicht nur eine technische Innovation. Die Jungunternehmer helfen dabei, die Mobilität in Städten nachhaltiger zu machen, und lösen damit eines der großen Probleme unserer Zeit. Denn fahren mehr Menschen gemeinsam im Auto, sinkt die Zahl der Fahrten – und die Treibhausgasemissionen pro Passagier.

Das war für die Jury des Umweltpreises GreenTec Awards Grund genug, das Gründerteam im vergangenen Jahr mit dem Preis in der Kategorie Mobilität auszuzeichnen. Dabei ist Flinc Teil einer weit größeren Bewegung.

Eine wachsende Zahl von Unternehmern macht sich daran, die Gesellschaft positiv zu verändern. "Noch nie haben sich so viele junge Menschen für Karrierewege interessiert, die helfen, gesellschaftliche Probleme zu lösen", erklärt Dennis Hoenig-Ohnsorg von Ashoka Deutschland, einer Organisation, die Sozialunternehmer unterstützt.

Und: Diese Menschen sind keine Außenseiter mehr. 39 Prozent der Deutschen würden nicht in einem Job arbeiten wollen, "der nicht sinnstiftend ist", ergab eine repräsentative Umfrage von Ashoka und der Beratungsfirma McKinsey. 36 Prozent der Hochschulabgänger kann sich vorstellen, beruflich in den Sozialsektor zu wechseln. "Diese Werte haben eine neue Qualität," sagt Hoenig-Ohnsorg.

Ein Land rundet aufDie einen wollen an besseren Technologien für den Verkehr von morgen arbeiten, die anderen an innovativen Geschäftsmodellen, mit denen sie die Energiewende voranbringen. Wieder andere gehen in Sozialunternehmen wie das Startup "Deutschland rundet auf", das deutschlandweit Supermarktkunden dazu animiert, Wechselgeld an soziale Projekte zu spenden. Ganz ähnlich funktioniert die Idee des neuen Berliner Startups elefunds.

Auch Marco Voigt, Initiator und Gründer der GreenTec Awards, sieht mittlerweile in allen Teilen der Gesellschaft ein verstärktes Engagement im Bereich Nachhaltigkeit. "Bürger, Unternehmen und Vereine investieren teilweise erhebliche Summen Geld und Arbeitszeit in die Projekte."

Früher hatten die Menschen ihren Beruf und engagierten sich nebenher privat. "Heute fragen sich viele Hochschulabsolventen: Wie kann ich beides zusammenführen?", sagt Hoenig-Ohnsorg. Finanziell dagegen schwächelt die grüne Wirtschaft derzeit. Das zeigen unter anderem Zahlen der Analysten von Bloomberg New Energy Finance.

Laut ihren Untersuchungen wurde im ersten Quartal 2013 weltweit weniger Geld als im selben Zeitraum 2009 in grüne Technologien investiert. Erstmals seit Jahren sind die Investitionen damit rückläufig. Das hat Folgen. Auch in Deutschland. Im Osten der Republik etwa finanzieren sich laut einer Studie des Bonner CleanTech Instituts knapp 60 Prozent der grünen Startups fast ausschließlich mit Eigenkapital, weil sie kaum an Geld kommen. Das Ergebnis: Die Unternehmen wachsen langsam, und die Gründer gehen ein besonders großes persönliches Risiko ein.

Der Grund für die Zurückhaltung der Geldgeber: "Zu viele haben sich mit Investments in Fotovoltaik und Biomasse eine blutige Nase geholt", sagt Wolfgang Seibold, der bei dem Berliner Risikoinvestor Earlybird den Cleantech-Sektor betreut.

Zwar investierten Geldgeber 2011 und 2012 in mehr grüne deutsche Startups als noch 2009 und 2010 - "was beweist, dass deutsche Startups für ausländische Investoren interessant sind", sagt der Berliner Jan Michael Hess, der mit seiner Netzwerk-Reihe Ecosummit inwzischen weltweit grüne Gründer und Investoren zusammenbringt. Er schränkt aber zugleich ein: Auch in Deutschland seien die Investitionssummen rückläufig.

Doch die schwierige Finanzierungslage schreckt die jungen Idealisten wenig. Einer von ihnen ist Philipp Pausder. Er arbeitete im Marketing für den Sportartikelhersteller Adidas und später als Unternehmensberater in Schweden, bevor er sich für den Energiemarkt begeisterte. Pausder gründete 2012 mit seinen Geschäftspartnern Florian Tetzlaff und Kristofer Fichtner in Berlin das Startup heizkosten-senken.de, das inwzischen die Seite Thermondo betreibt und den Heizungsmarkt in Deutschland umkrempeln soll.

Neue Heizung für Hausbesitzer gratisIhre Idee: Sie organisieren Hausbesitzern eine neue, umweltfreundlichere Heizung, wählen das Gerät aus und kümmern sich um den Handwerker und die Installation. Ihre Kunden kostet das nichts. Denn der Betrag, den das neue Gerät durch Effizienz einspart, finanziert peu àpeu die Modernisierung. Dienstleister wie Pausder finanzieren gemeinsam mit Banken die Anschaffung vor. Bisher mussten sich die Bewohner der 13 Millionen Ein- und Zweifamilienhäuser in Deutschland Kredit, Handwerker und den passenden Heizkessel für Pellets oder Gas selber zusammensuchen. Künftig kommt das aus einer Hand.

Die Gründer Pausder, Tetzlaff und Fichtner haben den Aufbau des Online-Portals knapp ein Jahr lang mit Eigenkapital vorangetrieben. Für die Finanzierung der nächsten Wachstumsphase haben sie vor wenigen Wochen zwei Investoren gefunden.

Warum Pausder seine Idee nicht bei einem großen Unternehmen mit hohem Budget realisiert hat? "Weil es mir als Unternehmer Spaß macht, mein eigenes Geschäft aufzubauen", sagt er. Außerdem könne man mit einem Startup viel schneller auf Trends reagieren.

Manche brauchen noch länger als die Berliner Gründer, um das notwendige Geld aufzutreiben. Zum Beispiel Tobias Schütt, Gründer von DZ-4 aus Hamburg. Schütt, der lange in den USA für die Deutsche Bank arbeitete, bietet Hausbesitzern jetzt Komplettpakete für Solaranlagen an. Er und seine zwei Mitgründer mussten zur Finanzierung der Startup-Phase rund 100 Investorengespräche führen. Und das, obwohl in den USA seit Jahren Startups mit ganz ähnlichen Angeboten erfolgreich sind.

Dass grüne Gründer auch in Deutschland trotz aller Widrigkeiten groß rauskommen können, hat der Münchner Softwareentwickler Josef Brunner gerade bewiesen. Die Computerprogramme seines Startups JouleX helfen Unternehmen wie der Telekom und Coca-Cola Energie in Büros zu sparen. Kürzlich kaufte der US-IT-Riese Cisco das deutsche Unternehmen für mehr als 100 Millionen Dollar.

Das belegt: "Es bewegt sich etwas", sagt Investor Seibold. "Und wenn ich den Elan der jungen Teams sehe, werde ich manchmal durchaus etwas neidisch."

In den nächsten Tagen werden wir bei WiWo Green nacheinander sieben Menschen vorstellen, die ihr Leben verändert haben, um die Welt zu verbessern.

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