G7-Fazit: Was der Ausstieg aus Öl und Kohle wirklich bedeutet

G7-Fazit: Was der Ausstieg aus Öl und Kohle wirklich bedeutet

von Lothar Kuhn

Die G7 kündigen das Ende von Öl und Kohle an. Das könnte unsere Industrie weitreichender verändern als gedacht.

Ein Kommentar von Lothar Kuhn, Ressortleiter Innovation & Digitales der WirtschaftsWoche.

Wer will das nicht: die Erde retten? Also erntete die wiedergeborene Klimakanzlerin Angela Merkel viel Lob für den Beschluss des G7-Gipfels von Elmau, den Kohlendioxid-Ausstoß deutlich zu reduzieren, die Energiebranche radikal umzubauen und letztlich ganz auf Erdöl, Erdgas und Kohle verzichten zu wollen. Selbst Greenpeace applaudierte. Wunderbar.

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Den wenigsten scheint klar zu sein, welch dramatische Veränderung diese Ankündigung mit sich bringt. Die Wirtschaft wird sich umstellen müssen. Schon jetzt braucht es dazu die Kreativität von Unternehmern und Ingenieuren - damit Deutschland am Ende zum Gewinner beim Übergang in die Post-Öl-Ökonomie wird, nicht zum Verlierer.

Denn einen Energieriesen wie die heutige RWE, der mit den Lasten aus dem Atomausstieg kämpft und riesige Mengen Braunkohle in seinen Kraftwerken verheizt, braucht dann niemand mehr. Ein Siemens-Konzern, der weltweit mit die besten Kraftwerksturbinen baut, wird in einer Welt ohne Erdgas diese Anlagen nicht mehr los. Süffige SUVs mit Sechszylinder von Audi, BMW oder Mercedes werden ohne Öl zu Museumsstücken.

Zwar wollen sich die Chefs der wichtigsten Industrienationen erst irgendwann im Laufe des Jahrhunderts endgültig von den fossilen Energieträgern verabschieden. Doch sie haben sich auf recht ehrgeizige Ziele bei der Minderung der CO2-Emissionen bis spätestens 2050 verpflichtet. Um sie zu erreichen, muss ganz Deutschland anpacken: In den vergangenen Jahren sank der CO2-Ausstoß kaum noch. Der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung mag heute immerhin bei einem guten Viertel liegen. Vom Ziel 100 Prozent ist das noch weit entfernt. Das muss sich ändern.

Die Zukunft wird teuer - so oder soJeder weitere Fortschritt wird aber kosten. Wollte Deutschland bis 2030 auf die besonders CO2-reichen Energieträger Stein- und Braunkohle verzichten, sind dafür Investitionen von knapp 240 Milliarden Euro erforderlich, haben die Marktforscher der Bremer Trendresearch für die WirtschaftsWoche ausgerechnet. Und Erdgas verbrennen wir dann immer noch.

Keine Frage: Die Risiken sind groß, die Kosten enorm. Doch wenn die Menschheit die Erwärmung der Erde nicht auf die kaum noch vermeidbaren zwei Grad begrenzt, drohen ganz andere Verwerfungen: Unwetter, Überschwemmungen, Mörderhitze. Das wird nicht nur weit teurer, sondern wird in das Leben vieler Menschen massiv eingreifen.

Und der Umbau der Energieversorgung bietet auch Chancen. Der Weltmarktanteil deutscher Ausrüster von Fabriken für Solaranlagen liegt bei beeindruckenden 50 Prozent. Der i8 von BMW ist ein mutiger Elektrosportflitzer. Die Kombination aus effektiven Solarzellen und günstigen Speicherbatterien ermöglicht es Eigenheimbesitzern, sich günstiger als das jeder Energieversorger kann, mit Strom zu versorgen.

Handel mit Emissionsrechten wiederbelebenDamit die deutsche Wirtschaft die Chancen optimal nutzen kann, braucht sie die richtigen Rahmenbedingungen und eine Richtung. Sie braucht keine detailverliebten Vorschriften wie eine spezielle Klimaabgabe für Kohlekraftwerke, ein Lieblingsprojekt von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), von dem er aber gerade abzurücken scheint.

Ein funktionierender Handel mit Emissionsrechten für CO2 ist das marktwirtschaftlichere Instrument: Wer Öl oder Kohle verbrennen will, muss ein Zertifikat erwerben. Oder auf klimaschonende Alternativen setzen. Werden die Zertifikate Jahr für Jahr spürbar knapper, weiß die Wirtschaft, woran sie ist und kann planen. Das Europäische Emissionshandelssystem ist ein Anfang, aber nicht konsequent und umfassend genug.

Damit Elmau nicht der Gipfel der Ankündigungen bleibt, muss Kanzlerin Merkel einen Masterplan für Deutschland entwerfen. Einen, der Leitlinien setzt und vor allem Raum für Experimente schafft. Denn niemand weiß heute, wie eine Ökonomie ohne Öl und Kohle funktionieren wird. Vielleicht mit einer radikal dezentralen Energieversorgung, in der sich Dörfer und Stadtquartiere mit Erdwärme, Biogas, Sonnen- und Windstrom komplett selbst versorgen. Oder mit riesigen Fusionsreaktionen, die das Sonnenfeuer auf die Erde holen. Findige Start-ups, gewiefte Mittelständler, ja auch etablierte Konzerne müssen Ideen ausprobieren können, damit die besten siegen. Marktwirtschaft eben.

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Mit diesem Kommentar verabschieden wir uns von der Mittagskolumne als Rubrik. Auf pointierte Meinungen und Gastbeiträge müssen Sie künftig dennoch nicht verzichten – diese erscheinen weiterhin, im gewohnten Artikelformat.

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