Anti-Plastik-Ratgeber: Gegen den Feind in meinem Blut

Anti-Plastik-Ratgeber: Gegen den Feind in meinem Blut

von Martin Roos

Im Blut der meisten Menschen lässt sich Plastik nachweisen - zwei Autorinnen wollen einen Weg zurück aufzeigen.

Für viele ist der Islamische Staat (IS) eine große Bedrohung, für andere sind es Assad und Putin. Für die nächsten die CIA, das FBI oder vielleicht auch nur die Fifa. Aktuelle, oft politische Probleme, die ebenfalls dramatische, aber sich eben sehr langsam und leise entwickelnde Probleme schnell überdecken.

Eines der größten Probleme fällt deshalb kaum auf und hat uns doch längst im Griff: Es sind die Massen an Plastik, die unseren Planeten langsam aber sicher in erstickende Folie packen. Jeder Deutsche verbraucht laut Umweltbundesamt im Jahr 76 Plastiktüten. Das sind 11.700 Tüten, die pro Minute über den Ladentisch gehen. Jeder Deutsche produziert jährlich 300 Kilogramm Plastikmüll, nur 40 Prozent davon werden zu neuen Produkten verarbeitet, der Rest landet in der Müllverbrennung.

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Oder im Wasser: Weltweit gelangen über acht Millionen Tonnen Plastikabfälle jedes Jahr in die Ozeane. Sie sammeln sich zu riesigen Plastikinseln, tragen Namen wie "Great Pacific Garbage Patch" und können in der Fläche zwei Mal so groß wie Frankreich sein – zynisch könnte man auch von Plastik-Offshoring sprechen. Pro Quadratmeile treiben in diesen "Kunststoff-Inseln" 46.000 Teile Plastikmüll - oft so klein, dass sie kaum zu sehen sind. Es ist Todesfutter für Fische und andere Meeresbewohner. Zudem für Seevögel: Eine Millionen sterben pro Jahr an Plastik.

Auch der Rhein ist wie kein anderes Gewässer verunreinigt: 3,9 Millionen Mikroplastikteilchen pro Quadratmeter hat die Universität Basel als Spitzenwert gemessen. Und das Schlimmste: Plastik verrottet sehr langsam. Eine Plastiktüte zerfällt frühestens nach 100 Jahren. Eine Plastikflasche benötigt laut Umweltbundesamt 450 Jahre.

Weichmacher verändern GeschlechtsorganeDas Problem ist nicht neu, aber wirkliche Lösungen sind rar gesät. Anneliese Bunks und Nadine Schuberts nun erschienenes Buch "Besser leben ohne Plastik" richtet sich an alle, die die Nase von Plastik voll haben. Den beiden Autorinnen ist eine Mischung zwischen Aufklärungsbuch und Gebrauchsanweisung für ein Leben ohne Kunststoff gelungen. Sie erklären, wie die Schadstoffe des Plastiks nicht nur die Natur, sondern auch unseren Körper vergiften. Sie beschreiben, wo die Gefahren lauern, welche Risiken PVC, Polycarbonat oder Melamin bergen und welche "Weichmacher" wie Bisphenol A oder Benzylbutylphthalat in Verpackungen und Produkten stecken.

Studien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) belegen, dass viele Krankheiten wie Allergien, Krebs, Diabetes mit solchen hormonähnlich wirkenden Substanzen zusammenhängen. Weichmacher wirken teilweise sogar "wie weibliche Hormone und können zu Veränderungen der Geschlechtsorgane führen", schreiben die Autorinnen.

Sie empfehlen deswegen zunächst "alternative Verpackungsmaterialien" wie Papier, Glas und Biokunststoffe – nicht ohne darauf hinzuweisen, dass auch Bioplastik nicht automatisch nachhaltig ist und dass sich Experten durchaus darüber streiten, ob die Ökobilanz von Glas (trotz guter Recyclingquote und Schadstofffreiheit) tatsächlich besser ist als die von Plastik.

Plastik aus dem Alltag verbannenSchwerpunkt des Buches sind dann allerdings Verbrauchertipps, die zeigen, wie möglichst viel Plastik aus dem Alltag verschwindet: darunter einfache wie "Seife statt Duschgel", "Sodapulver statt Toilettenreiniger", "Kokosöl statt Feuchttücher" oder "Vorratsgläser statt Plastikdosen".

Origineller wird’s beim Selfcycling, zum Beispiel die Anleitung, wie man pfandlose PET-Flaschen zu Stiefelständern umfunktioniert. Doch ob nun Waschmittel aus Kernseife, Waschen mit Efeu und Kastanie, Geschirrreiniger aus Zitrone, Apfelessig und Salz oder Zahncreme aus Schlämmkreide, gepresstem Kokosöl und Pfefferminzöl – wer den Empfehlungen der Autorinnen folgen will, muss schon willig sein, sehr viel kritischer als bisher seine Umwelt wahrzunehmen.

Komplett umkrempeln oder gar radikal werden müssen die Leser ihr Leben aber nicht. Ganz im Gegenteil. Kleine Schritte sind schon ein Erfolg. Die Autorinnen raten sogar von allzu dogmatischem Vorgehen ab – vor allem dann, "wenn die Oma mit Gummibärchen vor der Tür steht".

Fazit: Ein informativer Ratgeber für den Hausgebrauch – und zwar nicht nur für überkandidelte Recycling-Fanatiker, Gemüsegartenpuristen oder neureiche Ökoyuppies, sondern für jeden, der genug von all dem Plastik hat, das die Meere und Wege verdreckt, in Marsriegeln klebt, in Fischbäuchen lagert oder in Menschenblut fließt. Ein Nachschlagewerk mit guten und originellen Tipps, das zeigt, wie man besser essen, trinken, einkaufen, waschen, wohnen und sich pflegen kann – kurzum: wie man ohne großen Aufwand auf Plastik in seinem Leben verzichtet und dadurch eine bessere Lebensqualität erreicht. Lesenswert!

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Über die Autorinnen: Nadine Schubert und Anneliese Bunk bezeichnen sich selbst als „wahre Profis der Abfallvermeidung“. Schubert ist Journalistin und beschreibt ihr Leben ohne gesundheitsschädliches Plastik in ihrem Blog auf www.besser-leben-ohne-plastik.de. Bunk lebt „plastikfrei“ in München und lebt vor, wie man mit Biobaumwolle verpackungsfrei einkaufen kann: www.naturtasche.de



Anneliese Bunk / Nadine Schubert: Besser leben ohne Plastik, oekom-Verlag, München 2016

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Alle bisher erschienenen Buchrezensionen von Martin Roos bei WiWo Green finden Sie unter diesem Link.



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