Blockierte Kanalisation: Die Zeit des Wassersparens ist vorbei

Blockierte Kanalisation: Die Zeit des Wassersparens ist vorbei

von Peter Vollmer

Verstopfte Kanalisationen sorgen für Gestank. In mancher deutschen Großstadt sollen die Bürger deshalb weniger Wasser sparen.

Einen 10-Tonnen-Fettklumpen mussten die Londoner Abwasserbetriebe vergangene Woche aus einem Kanalstück entfernen. Im Rheinland fragten zeitgleich die Bewohner, warum die Städte plötzlich so stinken. Beide Vorkommnisse haben ähnliche Ursachen.

Heinz Brandenburg leitet bei den Kölner Stadtentwässerungsbetrieben (StEB) die Abteilung Kanalnetz und Kläranlagen; und er sagt deutlich: „Wassersparen passt nicht mehr zu unserem Wasserentsorgungssystem.“ Wo es die Bürger dennoch tun, kann das schwerwiegende Folgen haben.

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Weniger Verbrauch, seltener RegenIn Köln ist der Wasserverbrauch von Privatverbrauchern und Industrie in den vergangenen Jahren drastisch gesunken. Seit 1990 insgesamt um 20 Prozent. Grund sind vor allem Wassersparmaßnahmen: feinere Duschköpfe, sparsamere Waschmaschinen und nicht zuletzt ein Bewusstseinswandel. Denn vor allem die Bürger achten auf Ihren Verbrauch: Im Jahr 2000 lag dieser bei täglich 175 Liter pro Kopf. Heute sind es 110 Liter.

Die meisten deutschen Städte haben allerdings ein Schwemmsystem mit Mischwasser: Regen und Abwasser werden gemeinsam durch einen Kanal in die Kläranlage geschwemmt. An trockenen Tagen bedeutet das, dass nur das Abwasser durch die Leitungen fließt. Und das wird dem Dreck mittlerweile nicht mehr Herr.

Kleinere Kanalisationen fallen als Lösung aus: „Wir haben eine Klimaveränderung, durch die wir immer stärkere Regenfälle bekommen“, erklärt Brandenburg. Damit einher gehen aber auch längere Trockenphasen. „In Paris wird im Sommer sogar Trinkwasser durch die Kanäle gespült“, erklärt er.

An trockenen Tagen weniger sparenSein Amtskollege in Düsseldorf schlug bereits 2011 vor, dass die Bürger an trockenen Tagen auf die Spartaste der Toilette verzichten. Düsseldorf hat in der Innenstadt durch die Gastronomie ebenfalls große Probleme mit Geruch und Fettresten in der Kanalisation. Deutschlandweit setzen Abwasserbetriebe mittlerweile Chemikalien ein, um zumindest den Gestank in den Griff zu bekommen.

Für den Wasserexperten Brandenburg ist deshalb die Zeit des Wassersparens, zumindest im Rheinland, vorbei: „Wir haben so viel Grundwasser, dass sich weiteres Sparen ökologisch und ökonomisch nicht mehr lohnt.“ Denn je weniger Wasser mit dem Unrat in Kanalisation und Kläranlage kommt, umso teurer ist deren Betrieb.

In anderen Regionen sei das anders, betont Brandenburg: Nicht überall sei das Grundwasser in der Qualität und Menge verfügbar, wie in Westdeutschland. In Tiefebenen, wie es sie etwa um Berlin herum gibt, wird die Region mit weniger Grundwasser versorgt.

Hinweise und Ratschläge zum richtigen Wasserverbrauch finden sich häufig auf den Internetseiten der örtlichen Stadtentwässerungsbetriebe. In den meisten Fällen brauche niemand ein schlechtes Gewissen haben, wenn er beim Duschkopf nicht den wassersparendsten nehme, erklärt Brandenburg: „Im Gegenteil, enge Düsen am Duschkopf verkalken schneller, müssen mit Essigsäure gereinigt werden und diese geht wieder in das Abwasser.“

Bessere Maßnahmen als WassersparenWer wirklich etwas für die Umwelt tun wolle, solle etwa beim Shampoo auf Kunststoffzusätze verzichten, die dieses glitzern lassen. Biologisch abbaubare Produkte seien sinniger: Gerade Reinigungsmittel mit einem hohen Anteil abbaubarer Tenside hätten einen viel positiveren Effekt auf die Umwelt, als ein paar Liter „gespartes“ Wasser.

Auch das Problem der Fettkuchen, wie in London, ist teilweise auf zu geringen Wasserverbrauch zurückzuführen – aber nicht nur. In Köln wird etwa ein Großteil des Abwassers von der linken auf die rechte Rheinseite geleitet, wo die größere Kläranlage steht. Dazu wird ein Düker genutzt, eine Druckleitung zur Unterquerung des Rheins. „Davor lagert sich extrem viel Fett ab, das wir alle zwei Jahre entfernen müssen“, erklärt Brandenburg.

Grund sind wohl in den meisten Fällen schlecht gewartete Fettabscheider in der Gastronomie. Brandenburg empfiehlt aber auch Haushalten, Pfannenfett – etwa nach der Zubereitung der rheinischen „Rievkooche“ – mit einem Küchentuch auszuwischen und in den Hausmüll zu schmeißen – dort verstopft es nämlich keine Leitung, sondern liefert sogar noch kostenlose Energie für die Müllverbrennung.

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