Madagaskar: Grüne Kohle soll die letzten Urwälder retten

Madagaskar: Grüne Kohle soll die letzten Urwälder retten

von Bert Losse

90 Prozent des Urwaldes in Madagaskar ist schon abgeholzt. Die deutsche Entwicklungspolitik will nun mithelfen, ein ökologisches Desaster zu verhindern.

Joseph Doba dürfte der älteste Azubi von ganz Madagaskar sein. Der Mann ist 50, war früher Maurer und baut sich auf einem staubigen Hinterhof der nordmadagassischen Stadt Diego gerade eine neue Existenz auf. Genauer: Er lässt sich beibringen, wie man Lehmherde produziert.

Doba hofft auf einen Verkaufsschlager, mit dem er „mehr verdienen kann als bisher“; seine Frau und die drei Kinder sollen mithelfen, und wenn das Geschäft gut läuft, will er sogar ein paar Leute einstellen. Pro verkauftem Ofen winken 3000 Ariary als Gewinn, das ist umgerechnet weniger als ein Euro - aber in etwa soviel wie der Mindestlohn in Madagaskar für einen vollen Arbeitstag.

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Holz primäre EnergiequelleDoba nimmt mit 16 weiteren Männern und Frauen gerade an einem dreiwöchigen Crash-Kurs der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) teil. Die hat im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung einen neuartigen Kochherd auf Lehmbasis entwickelt, den lokale Produzenten nun auf dem Markt von Diego verkaufen.

Im vergangenen Jahr fanden rund 2000 der Herde einen Abnehmer, und Kleinunternehmer wie Doba sollen nun helfen, dass es künftig deutlich mehr werden. Das Besondere an den unscheinbaren Geräten: Sie verbrauchen ein Drittel weniger Holzkohle als die traditionellen Metallherde der Madagassen.

Was das mit Entwicklungshilfe zu tun hat? Sehr viel. 85 Prozent der Haushalte Madagaskars nutzen Holz als Energiequelle – das sie sich aus dem nächsten Wald holen, verbrennen oder zu billiger Holzkohle verarbeiten. GIZ-Untersuchungen haben ergeben, dass jeder Haushalt, der Kohle aus illegal geschlagenem Holz in traditionellen Herden verbrennt, pro Jahr rund einen Hektar Naturwald vernichtet – das entspricht in etwa der Größe eines Fußballplatzes.

Doch viele Familien haben schlicht keine andere Wahl. Madagaskar zählt zu den ärmsten Staaten der Welt, 92 Prozent der Einwohner müssen von weniger als zwei Dollar pro Tag leben. Solartechnik und Gas sind daher für die meisten unerschwinglich. Auch Strom gibt es für die am Existenzminimum lebende Landbevölkerung ganz selten - der Elektrifizierungsgrad ländlicher Regionen auf Madagaskar liegt bei gerade mal fünf Prozent.

Das Land ist an vielen Stellen nur noch ausgedörrte Steppe. Die dominierende Farbe ist nicht grün, sondern rostrot. Oder braun. Madagaskar, das in den Köpfen der Deutschen noch immer zumeist Bilder von putzigen Lemuren und exotischer Natur erzeugt, sieht von oben eher aus wie der Lausitzer Braunkohletagebau. Trauriges Vorbild ist das ökologisch verwüstete Haiti – nur ist Madagaskar noch sehr viel größer.

Denn die Abholzung führt zu Erosion und zunehmender Trockenheit. „Früher dauerte die Regenzeit bei uns von Oktober bis April - heute nur noch von Mitte Dezember bis Ende März“, berichtet Christian Andriamanantseheno, 58, Projektmanager der Beratungsfirma Eco Consulting, die auf Madagaskar zusammen mit der GIZ diverse Umweltprojekte durchführt.

China als Abnehmer

Und die Abholzung geht weiter. „Allein rund um Diego verschwinden jedes Jahr rund 2000 Hektar Wald. Wenn nichts passiert, ist hier in 15 Jahren alles weg“, warnt Andriamanantseheno. Neben der Rodung für den Eigengebrauch spielt dabei auch der illegale Export von Edelhölzern eine Rolle. Das madagassische Rosenholz etwa ist vor allem in Asien heiß begehrt.

„Das Holz geht zunächst aufs afrikanische Festland - und dann ab nach China“, heißt es in deutschen Diplomatenkreisen. Die unübersichtlichen Küstenstreifen der Insel sind von der Polizei nicht zu kontrollieren, und es ist ein offenes Geheimnis, dass die Holzschmuggler lokale Behörden schmieren, damit die beim Abtransport nicht so genau hingucken.

Umso wichtiger sind lokale Initiativen vor Ort, die verbleibende Naturlandschaft Madagaskars zu schützen. „Wir müssen den Bauern eine Alternative bieten, damit der Naturwald nicht in der Küche verfeuert wird“, sagt GIZ-Landesdirektor Alan Walsch. Seit 2005 haben GIZ und Eco Consulting daher zusammen mit Dorfbewohnern rund 9000 Hektar Brachland mit schnell wachsendem Eukalyptus aufgeforstet, der nach der Ernte wieder nachwächst und nicht neu gepflanzt werden muss. Eine Monokultur also – „aber diesen Kompromiss müssen wir angesichts der dramatischen Lage eingehen“, sagt Walsch.

Die Bauern erhalten von der Kommune ein Art Landtitel für ein bis zwei Hektar, der ihnen garantiert, das Holz nach fünf bis sechs Jahren verwerten zu dürfen. Pro Hektar lassen sich etwa vier Tonnen „grüne Holzkohle“ herstellen, das bringt den Leuten, wenn sie den Brennstoff nicht selber nutzen, am Ende umgerechnet rund 400 Euro. 2015 will auch die deutsche Förderbank KfW in das Projekt einsteigen und in den kommenden Jahren bis zu 30 000 Hektar aufforsten lassen.

Grüne Kohle als GeschäftFlankiert wird das „Nutzwald“-Programm von dem Versuch, in der Region eine neue Kohleart mit höherer Energieausbeute zu etablieren. Wer wissen will, was sich dahinter verbirgt, muss von Diego aus eine gute Stunde ins Landessinnere fahren, nach Ankitsaka.

Es ist weniger als ein Dorf, hier gibt es nur ein paar strohgedeckte Holzhütten, um die magere Hühner herumflattern und im allgegenwärtigen Müll nach Nahrung picken. Die Hauptsehenswürdigkeit hier ist nur über einen holprigen Feldweg zu erreichen und liegt mitten im Busch. Es ist ein neuartiger Kohlemeiler, den ein deutscher Ingenieur im Auftrag der GIZ entwickelt hat.

Dieser arbeitet mit einer besonderen Luftzirkulation; das Holz kommt nicht direkt mit Feuer in Berührung. „Die so entstehende Kohle hat einen deutlich höheren Brennwert. Eine Familie braucht bis zu 40 Prozent weniger Kohle, um ihr Essen zu kochen“, sagt GIZ-Mann Walsch. Die Köhler aus Ankitsaka dürfen den Meiler für sich selber nutzen und vermarkten den Brennstoff über eine neu gegründete Kooperative als „charbon vert“ – als „grüne Kohle“.

Das Best-Case-Szenario sähe mithin so aus: Das Holz kommt aus aufgeforstetem Nutzwald, wird zu energiereicher grüner Kohle verarbeitet– und landet am Ende in einem Herd von Joseph Doba. Ob die Landbevölkerung, die auf Madagaskar neuen Dingen traditionell misstrauisch gegenübersteht, dabei mitzieht, muss sich freilich noch zeigen.

Der Versuch, in einigen Dörfern Solarkocher einzusetzen, scheiterte nicht nur, weil die Geräte vergleichsweise kompliziert zu bedienen waren. Sondern auch, weil den Madagassen das per Sonnenenergie gegarte Essen nicht schmeckte - es fehlte die charakteristische angebrannte Note.

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