Urban Gardening: Raus aus dem Knast, ran an die Tomaten

Urban Gardening: Raus aus dem Knast, ran an die Tomaten

von Nora Marie Zaremba

Urban Gardening Projekte in den USA machen aus jungen Straftätern Köche und Gärtner. Statt rückfällig zu werden, fassen viele wieder Fuß.

Marquell Boyd ist gerade einmal 21 Jahre alt und hat schon mehrere Jahre in einem Gefängnis in der US-amerikanischen Stadt Chicago verbracht. Jetzt, wo er wieder draußen ist, möchte er Koch werden. Denn er liebt frisches Gemüse.

Boyds Pläne hätten unter anderen Umständen wenig Aussicht auf Erfolg. Denn Boyd ist Afro-Amerikaner und kommt aus armen Verhältnissen. Nach Erhebungen der Nichtregierungsorganisation American Civil Liberties Union gehört er damit zu einer Risikogruppe, die schnell krimininell wird und nach ihrem Gefängnisaufenthalt kaum Aussichten auf einen festen Job hat. Die Wahrscheinlichkeit, sich aus Geldnot wieder strafbar zu machen, ist hoch. Ein Teufelskreis.

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Straftäter ziehen GemüseFür Boyd aber könnte der Traum von Schürze und Kochlöffel in Erfüllung gehen. Möglich macht das ein besonderes Urban-Gardening-Projekt namens Windy City Harvest Corps mitten in Chicago.

Auf der Farm finden durch Straftaten auffällig gewordene Jugendliche und ehemalige Häftlinge zwischen 16 und 30 Jahren eine neue Heimat. Die Mitarbeiter der Farm bilden ihre Schützlinge rund drei Monate im Gärtnern und in der Landwirtschaft aus. Wichtiger Bestandteil des Programms ist, dass alle ihre Aufgaben pflichtbewusst erfüllen.

“So lernen sie wieder eine Struktur kennen und übernehmen Verantwortung”, sagt Angela Mason, Direktorin der Farm. Die Jugendlichen streuen die Saat aus, jähten Unkraut, melken Kühe. Im Hofladen verkaufen sie Obst und Gemüse.

Marquell Boyd kocht und bietet abends auch Workshops zum Thema gesunde Ernährung an. Bald wird er die Farm mit einem Zertifikat und einem guten Netzwerk verlassen. Das verbessert seine Jobaussichten enorm.

500 junge Menschen erfolgreich vermitteltDas Projekt konnten seit seinem Start 2009 schon rund 500 junge Menschen in feste Jobs vermitteln. Anstellung finden sie in Lebensmittelläden, bei der Stadt oder sogar als Privatgärtner. Die Farm finanziert sich über Privatspenden. Seit regionale Medien berichtet und das Projekt in Chicago bekannt gemacht haben, kommt ausreichend Geld zusammen.

Auch an anderen Standorten in den USA gibt es solche Garten-Projekte. Zu den bekannteren gehört der “Recovery Park” in Detroit im US-Bundesstaat Michigan.

Hier pflanzen und jähten ehemalige Insassen schon seit vier Jahren. In den nächsten zehn Jahren soll der Park um weitere zehn Quadratkilometer ausgeweitet werden und so rund 20 000 neue Arbeitsplätze bieten. Auch nach dem Wachstum berücksichtig das Gartenprojekt weiter Menschen, die wegen ihrer kriminellen Vergangenheit schlechte Berufsaussichten haben.

Urban Gardening für den sozialen Frieden“Von allen Häftlingen aus Michigan kommen mindestens 20 Prozent nach Detroit", sagt Ron Markoe, einer der Initiatoren des Parks. Die Chance, dass die ehemaligen Häftlinge in der Stadt einen richtigen Job bekommen, ist gering. Detroit erlebt seit Jahrzehnten einen wirtschaftlichen Niedergang und anständige Arbeitsplätze sind knapp.

Markoe zufolge leistet der Park also einen wichtigen Beitrag für den sozialen Frieden in der Stadt. Viele der jungen Erwachsenen kommen nach der Ausbildung in einem der zahlreichen Tochterprojekte des Recovery Parks unter. Auch er finanziert sich über Privatspenden und erhält vom lokalen Botanischen Garten Unterstützung.

In Deutschland gibt es Gemeinschaftsgärten mit einem speziellem Resozialisierungs-Auftrag noch nicht. Aber auch hierzulande ist man sich bewusst, dass Urbane Gärten mehr sein können, als Salatköpfe auf dem Hausdach: Neuerdings fördern interkulturelle Gärten den Austausch zwischen Menschen aus verschiedenen Ländern und sozialen Schichten.

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