Megaproblem Verkehr: Wie es in den Städten zu lösen ist

Megaproblem Verkehr: Wie es in den Städten zu lösen ist

Künftig werden 1,6 Milliarden Autos auf der Welt fahren, für viele Städte bedeutet das den Verkehrskollaps – aber es gibt Lösungen.

Von Susanne Böhler-Baedeker und Hanna Hüging. Böhler-Baedeker arbeitet als Verkehrsexpertin für das Beratungsunternehmen Rupprecht Consult, Hüging für das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie.

Der Verkehrssektor ist heute für rund ein Fünftel der globalen Treibhausgasemissionen (THG) verantwortlich – Tendenz steigend. Grund hierfür ist insbesondere der stark zunehmende Verkehr in den Schwellenländern. Für China wurde beispielsweise projiziert, dass sich die CO2-Emissionen von Autos, Flugzeugen und Schiffen bis 2030 gegenüber 2006 verdreifachen werden (hier als PDF). Der Grund hierfür ist vor allem das starke Wirtschaftswachstum.

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Das einfache Prinzip dahinter: Der Wandel von einer lokal orientierten, landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft hin zu einer Industrienation führt zu wachsenden Verkehrsflüssen. Neben einem steigenden Güterverkehr wandelt sich auch das Verkehrsverhalten der Bevölkerung.

Die Menschen verdienen mehr Geld und das Auto wird attraktiver und erschwinglich während die Bedeutung von Fuß- und Radverkehr sinkt. Dieser Trend wird durch die starke Urbanisierung, die zu einem rapidem Wachstum der Städte führt, verstärkt.

Neben seinen funktionalen Vorteilen ist das Auto in vielen asiatischen Gesellschaften mittlerweile auch ein Statussymbol. In China zum Beispiel stieg der Marktanteil von großen und schnellen Autos, sogenannten SUV, seit der Jahrtausendwende kontinuierlich und ausländische Automarken werden auch aus Prestigegründen präferiert.

Höchstgeschwindigkeit: zehn Kilometer pro StundeSetzen sich diese Entwicklungen ungebremst fort, wird sich die Anzahl der Fahrzeuge, von derzeit 800 Millionen global gesehen in den nächsten Jahrzehnten wohl verdoppeln.

Die Folge: das Straßennetz vieler Städte in den Schwellenländern ist überlastet, die Bevölkerung leidet unter Staus, schlechter Luft und Lärm. Und da das Straßennetz in vielen asiatischen Städten nicht auf so viel Autoverkehr ausgerichtet ist, liegt die durchschnittliche Geschwindigkeit in den Innenstädten von Bangkok, Manila oder Shanghai wochentags nur bei ca. 10 km/h. Und das ist teuer: Manila zum Beispiel verliert durch Staus ca. 4 Prozent seiner Wirtschaftsleistung. Der steigende Energieverbrauch und die Treibhausgasemissionen sind Auswirkungen, die überregionale Konsequenzen haben.

Doch wie löst man die Probleme für Klima und Menschen? Prinzipiell sind die Konzepte und Maßnahmen einer nachhaltigen Verkehrsentwicklung bekannt.

1. Durch stadtplanerische Maßnahmen kann die Verkehrsnachfrage vermindert werden. Die Stadt Curitiba in Brasilien hat bereits in den 1960er Jahren begonnen, die Stadtplanung und den Verkehr gezielt aufeinander abzustimmen. Es wurde eine an einem Schnellbussystem ausgerichtete, dichte Siedlungsstruktur verfolgt. Curitiba gilt heute als attraktive Ökohauptstadt Brasiliens mit einem deutlich geringeren Energieverbrauch pro Kopf im Verkehr als in anderen Brasilianischen Städten.

2. Mit der Verbesserung von Angeboten im öffentlichen oder nicht-motorisierten Verkehr können Wege auf diese effizienteren Verkehrsmittel verlagern werden. Im Durchschnitt werden beim Autofahren vier Mal mehr CO2-Emissionen pro Personenkilometer erzeugt als beim Bus- oder Bahnfahren. Fuß- und Radverkehr sind die umweltfreundlichste Alternative.

3. Wenn Fahrzeuge technisch verbessert werden oder klimaschonendere Kraftstoffe verwendet werden, entstehen pro Kilometer weniger Schadstoffe. In Japan konnte mithilfe von strengen Effizienzstandards der CO2 Ausstoß pro Fahrzeugkilometer um ca. 2 Prozent pro Jahr gesenkt werden.

Von zentraler Bedeutung ist dabei das Handeln der politischen Akteure, Regierungen und Verwaltungen in den Städten. Sie haben die wichtige Funktion Ziele für eine zukünftige Entwicklung des Verkehrs zu formulieren und durch entsprechende Maßnahmen zu flankieren.

Beispiele wie eine erfolgreiche und nachhaltige Verkehrspolitik aussehen kann, gibt es dabei genug:

Mexiko City, eine Stadt die unter massiven Staus und Luftverschmutzung leidet, hat sich mit dem ‚Plan Verde’ (Grüner Plan) das ambitionierte Ziel gesetzt, das Verkehrssystem grundlegend zu verbessern. Der Plan umfasst unter anderem Beschränkungen für den Autoverkehr, Ausbau und Verbesserung des ÖPNVs und die Förderung des Rad- und Fußverkehrs.

Verantwortung der nationalen PolitikEin zentrales Steuerungsinstrument für die Verkehrspolitik sind dabei Steuern und Subventionen, denn sie beeinflussen maßgeblich die Kosten, die für die Verbraucher insbesondere im motorisierten Individualverkehr entstehen. In vielen Schwellenländern werden Treibstoffe noch immer subventioniert, was falsche Anreize erzeugt.

Externe Kosten wie Luftverschmutzung, Lärm und Treibhausgasemissionen sollten sich über Steuern im Treibstoffpreis widerspiegeln. Nur dann besteht ein ausreichender Anreiz effizientere Fahrzeuge zu nutzen, unnötige Strecken zu vermeiden und auf andere Verkehrsträger umzusteigen.

Wichtige Länder wie China haben die Lenkungswirkung erkannt und erheben eine, wenn auch vergleichsweise gemäßigte, Steuer auf Treibstoffe, während einige andere Länder diese weiter subventionieren (z.B. Malaysia, Venezuela).

Finanziell benachteiligte Bevölkerungsgruppen profitieren in der Regel davon, wenn Autos nicht subventioniert werden, da sie häufig selbst gar kein Auto besitzen, aber unter den negativen Folgen eines starken Autoverkehrs leiden.

Stadtplanung beeinflusst Verkehr maßgeblichIm Verantwortungsbereich lokaler Entscheidungsträger, insbesondere von Großstädten, gibt es ein großes Potential, negative Auswirkungen des Verkehrssystems zu reduzieren.

Die Bereitstellung eines attraktiven, zuverlässigen und komfortablen ÖPNV-Systems zum Beispiel kann nicht nur die Emissionen des Verkehrs reduzieren, sondern stellt auch sicher, dass finanziell schwächere Gruppen ausreichend Zugang zu Mobilität haben.

Wichtig ist, dass das ÖPNV-System bedarfsorientiert, zuverlässig und komfortabel ist und einen einfachen Wechsel zwischen verschiedenen Verkehrsträgern ermöglicht. Weitere wichtige Maßnahmenbereiche auf lokaler Ebene ist der nichtmotorisierte Verkehr, eine nachhaltige und ÖPNV-orientierte Stadtentwicklung, sowie Maßnahmen wie Parkgebühren oder City Maut.

Die Vorteile eines energieeffizienten und klimaschonenden Verkehrs liegen auf der Hand:

1. Die Reduktion von Kraftstoffverbrauch und der Einsatz von alternativen Kraftstoffen sichert vor dem Hintergrund sinkender Ölreserven und politischen Unruhen in bedeutenden Förderregionen die Energieversorgung.

2. Ein Mix an verschiedenen Verkehrsträgern macht das System insgesamt stabiler und kosteneffizienter. Ausgaben für Kraftstoffimporte und Pkw-Infrastruktur sowie Folgekosten des motorisierten Verkehrs können reduziert werden.

3. Der Zugang zu Mobilität wird für verschiedenen Bevölkerungs- und Einkommensschichten gesichert, was einen positiven Einfluss auf das gesellschaftlich-soziale Leben hat und die lokale Wirtschaft stärkt.

Noch haben die Schwellenländer die Möglichkeit, den Pfad eines rasant wachsenden motorisierten Individualverkehrs zu verlassen, um die bereits sichtbaren negativen lokalen und globalen Folgen zu vermeiden. Wissens- und Technologietransfer sowie konzeptionelle Hilfe aus den Industrieländern kann diese Länder bei der schwierigen Aufgabe unterstützen, auch indem bewährte Maßnahmen und Aktivitäten aus den Industrieländern übertragen werden. Aber auch Vorreiter in anderen Schwellenländern können als Vorbild dienen.

Die Lösungen für das Verkehrsproblem sind vorhanden - jetzt müssen sie (nur noch) umgesetzt werden.

Dieser Beitrag ist eine Zusammenfassung der Erkenntnisse aus dem im Routledge-Verlag neu erschienen Buch ‚Low Carbon Land Transport’. Als ein Leitfaden für Verkehrsplaner und politische Entscheidungsträger zeigt das Buch verschiedene Wege die CO2-Emissionen im Bereich des landgebundenen Verkehrs zu verringern.

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