Nachhaltigkeit: Unternehmen unterschätzen ihre Mitarbeiter

Nachhaltigkeit: Unternehmen unterschätzen ihre Mitarbeiter

Win-Win: Eine Studie belegt, dass Mitarbeiter Unternehmen nachhaltiger machen können. Lässt man sie, sind die Angestellten im Arbeitsalltag zufriedener.

Ein Gastbeitrag von Christoph Harrach, Gründer und Betreiber von KarmaKonsum und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet „ Arbeitslehre/ Ökonomie und Nachhaltiger Konsum“ der Technischen Universität Berlin.

Dass Konsumenten einen großen Einfluss auf die Unternehmen und damit auch auf deren Produkte haben, ist bekannt. Genauso verhält es sich auch, wenn wir uns Kunden ansehen, die Wert auf ökologische und nachhaltige Produkte legen. Auch sie verändern durch ihre Nachfrage nach bio oder fair gehandelten Waren die Konsumwelt.

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Doch ist dieser Einfluss von LOHAS – den Lifestyles of Health and Sustainability – schon alles? Ich glaube nicht, denn warum sollte diese Bewegung nur unsere Konsum- und nicht auch unsere Arbeitswelt verändern, vor allem in Zeiten in denen die Grenzen zwischen Privatem und Beruflichem immer weiter verschwimmen?

Wie und ob Menschen mit einer privaten Nachhaltigkeitsorientierung das tatsächlich tun, untersuchen wir aktuell als Forschergruppe am Fachgebiet „Arbeitslehre/ Ökonomie und Nachhaltiger Konsum“ der technischen Universität Berlin in einer repräsentativen Befragung. Die Studie wird im Rahmen des von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) geförderten Praxisprojektes „Nachhaltig leben und arbeiten“ unter wissenschaftlicher Leitung von Ulf Schrader mit den Praxispartnern tegut, Alnatura und REWE umgesetzt.

Das auf drei Jahre angelegte Projekt zeigt auf, wie Nachhaltigkeits- und Personalmanagement in Unternehmen durch die Einbindung von  Nachhaltigkeitsinteressen von Mitarbeitern gefördert werden kann. Ausgangspunkt ist dabei die zentrale Annahme, dass Menschen mit einer privaten Nachhaltigkeitsorientierung ihre Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen auch im beruflichen Alltag einbringen wollen.

Nachhaltiger durch MitarbeiterAn der Online-Befragung haben im November 2012 insgesamt 2.443 Arbeitnehmer aus dem deutschsprachigen Raum teilgenommen. Davon kamen 1.079 Teilnehmer aus der „normalen“ Bevölkerung (repräsentative Stichprobe) und 1.364 aus der „Grünen Community“. Letztere wurden über Online Plattformen wie Utopia oder KarmaKonsum oder Medien wie die taz und Schrot und Korn gewonnen.

Die Ergebnisse einer ersten Auswertung der Studie sind erstaunlich:

1. 71% der Mitglieder der „Grünen Community“ geben an, dass es ihnen sehr wichtig ist, ihr umweltfreundliches Verhalten aus dem Privatleben auch am Arbeitsplatz einzubringen. Im repräsentativen Bevölkerungsdurchschnitt stimmten dem immerhin 54% der Befragten zu.

Der Schluss, der sich daraus ziehen lässt: Je mehr ein Mensch sich im Privaten für Umweltschutz interessiert, umso größer ist tendenziell der Wunsch, diese Aspekte auch am Arbeitsplatz zu leben

2. Nur etwa 17% der Befragten beider Stichproben geben an, mit darüber zu entscheiden, was in ihrem Unternehmen bezüglich Nachhaltigkeit geschieht.

Die Daten zeigen, dass die Wirksamkeit beim Einbringen der privaten Werte ein wichtiger Faktor für die Zufriedenheit, das Commitment und die Bindung der Mitarbeiter ist, insbesondere bei den Menschen mit einer starken Nachhaltigkeitsorientierung. Dieser Zusammenhang ist eine der wichtigsten Erkenntnisse der Befragung.

Mitarbeiter sollten daher stärker in das Nachhaltigkeitsmanagement involviert werden. Dies kann relativ einfach über klassische Instrumente wie das betriebliche Vorschlagswesen oder Ideenwettbewerbe umgesetzt werden. Auch der Aufbau von bereichsübergreifenden Arbeitsgruppen kann die nachhaltigkeitsorientierten Mitarbeiter in ihrer Wirksamkeit stärken.

3. Die Daten zeigen zudem, dass die Wirksamkeit beim Einbringen der privaten nachhaltigkeitsorientierten Werte ein wichtiger Faktor für die Zufriedenheit, das Commitment und die Bindung der Mitarbeiter ist, insbesondere bei den Menschen mit einer starken Nachhaltigkeitsorientierung.

Fazit: Wer nachhaltige Werte einbringen kann, ist am Arbeitsplatz zufriedener.

4. Nur wenige Mitarbeiter (Grüne Community 21%, Bevölkerungsdurchschnitt 22%) werden durch ihre Vorgesetzten darin bestärkt, ihre privaten nachhaltigkeitsorientierten Werte am Arbeitsplatz einzubringen. Und dies, obwohl die Vorgesetzten eine wichtige Rolle für die Wirksamkeit der Mitarbeiter am Arbeitsplatz spielen.

Fazit: Hier zeigen sich vielleicht die größten Defizite bei den Unternehmen bei der Herausforderung das Thema Nachhaltigkeit als Aufgabe der Organisationsentwicklung zu verstehen. Es besteht ein dringender Nachholbedarf.

5. Darüber hinaus gibt die Studie Hinweise auf die Relevanz des Themas Nachhaltigkeit für die Personalbeschaffung. Die Studie zeigt, dass Unternehmen, die sich aktiv für Umwelt und Gesellschaft engagieren, am Personalmarkt als attraktive Arbeitgeber wahrgenommen werden. Und das ist nicht nur für die überdurchschnittlich gebildeten Mitglieder der grünen Community so, die zu 77% dieser Auffassung sind. Auch im repräsentativen Bevölkerungsdurchschnitt bewerten 44% der Befragten verantwortungsvolle Unternehmen als besonders attraktive Arbeitgeber.

Fazit: Unternehmen sollten vor dem Hintergrund des „War for Talents“ dem Thema Nachhaltigkeit bei der Personalbeschaffung mehr Gewicht geben.

6. Aus den Umfragedaten wird auch ein Zusammenhang zwischen der im Mitarbeiterkreis wahrgenommenen Nachhaltigkeits-Performance eines Unternehmens und der Zufriedenheit, dem Commitment und der Bindung der Mitarbeiter sichtbar.

Fazit: Je mehr ein Unternehmen sich für Umwelt und Gesellschaft einsetzt, umso zufriedener und "gebundener" sind auch die Mitarbeiter und umso größer ist deren Bereitschaft, sich auch für das Unternehmen einzusetzen. Dieses Ergebnis legt den Schluss nahe, dass CSR-Aktivitäten nicht nur gegenüber Kunden, sondern insbesondere auch gegenüber den eigenen Mitarbeitern kommuniziert werden sollten.

Unternehmen müssen umdenkenWas folgt nun aus diesen ersten Ergebnissen der Befragung? „Wir sehen, dass das Thema Nachhaltigkeit sein Nischendasein für Unternehmen verloren hat und nun zum Bestandteil jeder Organisationsentwicklung werden sollte“, fasst Ulf Schrader, der Leiter der Studie, zusammen.

Auch Verena Exner, zuständige Referatsleiterin für “Umweltkommunikation und Umweltmanagement in der mittelständischen Wirtschaft” der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, ist von der Praxisrelevanz der Forschungsergebnisse überzeugt: „Wir glauben fest daran, dass einer der zentralen Hebel für die nachhaltige Entwicklung der Unternehmen bei den Mitarbeitern liegt." Von den Unternehmen werde das bisher strukturell noch immer zu wenig reflektiert und genutzt, um nachhaltige Entwicklung zu realisieren.

Die detaillierten Umfrageergebnisse werden in einem Vortrag am 23. Mai 2013 im Rahmen der KarmaKonsum Konferenz in der IHK Frankfurt vorgestellt. Zum Thema wird es außerdem eine Podiumsdiskussion geben und einen Workshop. Mehr Informationen zu dem Projekt gibt es auch unter www.nachhaltig-leben-und-arbeiten.de.

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