Entwicklungsländer: Recycelte Windmühlen sollen Millionen Menschen mit Strom versorgen

Entwicklungsländer: Recycelte Windmühlen sollen Millionen Menschen mit Strom versorgen

von Benjamin Reuter

Der dänische Windanlagenbauer Vestas will mit gebrauchten Windturbinen aus Europa Teile Afrikas elektrifizieren.

1,3 Milliarden Menschen auf der Welt haben keinen oder nur unzureichenden Zugang zu Strom. Die Folgen sind dramatisch: Vor allem in Afrika können Schüler abends nicht lernen, weil Licht fehlt. Auch Krankenhäuser funktionieren ohne Elektrizität nur eingeschränkt. Petroleumlampen sind dabei keine Lösung, denn der Brennstoff ist teuer.

Alles ist Energie – und ohne Energie ist alles nichts. Einer der ersten Schritte aus der Armut für Entwicklungsländer ist deshalb der Zugang zu Elektrizität.

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Gebrauchte Windmühlen für EntwicklungsländerGenau den will der dänische Windanlagenbauer Vestas – der rund ein Fünftel der Windräder weltweit produziert hat – mit einem eher ungewöhnlichen Projekt schaffen, das Recycling, Entwicklungshilfe und Geschäftsinteressen kombiniert.

Die Idee hinter dem Projekt, das unter dem ambitionierten Titel "Wind for Prosperity" läuft: Ingenieure bereiten gebrauchte Windkraftanlagen aus Dänemark, Deutschland und den Niederlanden auf, die dann in einigen der ärmsten Staaten der Welt zum Einsatz kommen.

Die Windmühlen werden im Werk in Dänemark mit Dieselgeneratoren kombiniert, um Flauten zu überbrücken. Die Hybridkraftwerke verschifft Vestas in einem Container, Trucks bringen sie zum Einsatzort. Installiert werden die Kraftwerke von Mitarbeitern des staatlichen Erneuerbaren-Energien-Unternehmens Masdar aus dem Golftstaat Abu Dhabi, mit dem Vetas bei dem Projekt zusammenarbeitet (neben Masdar sind noch vier weitere Organisationen beteiligt).

Armut und Windreichtum überschneiden sichDie Idee kam dem Management von Vestas, wie Morten Albæk erzählt, Vice President von Vestas Wind Systems, als sie eine Landkarte mit den unterentwickeltsten Regionen der Welt sahen. "Da müssen wir eine Karte mit dem Windpotenzial darüberlegen", dachte sich Albæk und machte sich mit seinen Experten an die Arbeit und durchforstete Datenbanken mit Wetterinformationen.

Das Ergebnis: Rund 50 Millionen Menschen, die heute keinen Zugang zu Elektrizität haben, leben in Gegenden mit starkem Wind. Vor allem in Staaten wie Äthiopien, Tansania, dem Jemen, Pakistan, Vietnam und Nicaragua gibt es sowohl viel Wind als auch viel Armut.

Damit war das Projekt "Wind für Wohlstand" geboren.

Die Windanlagen, die Vestas derzeit einsammelt, sind heute nicht mehr in Produktion und haben eine Leistung von 245 Kilowatt oder in einer größeren Ausführung 660 Kilowatt. Sie erreichen damit rund ein Zehntel bis zu einem Viertel der Leistung von heutigen Standardmühlen. Rund 7000 dieser Turbinen hat Vestas in den vergangenen Jahrzehnten weltweit verkauft. Die Dänen verwenden für ihr Projekt Anlagen, die jünger als 20 Jahre sind und die deren Besitzer jetzt für neue, leistungsstärkere Mühlen eintauschen (Repowering).

Horrende Preise für EnergieBis 2017 sollen die Anlagen weltweit in 100 Gemeinden und Dörfern den Betrieb aufnehmen und rund eine Millionen Menschen mit Strom versorgen.

Vor allem in Afrika soll das  für die Bevölkerung auch finanzielle Vorteile bringen: Denn wo bisher kein Strom verfügbar ist oder nur Dieselgeneratoren laufen, ist Elektrizität ein Luxusgut. Natürlich muss für die Wind-Diesel-Kombo von Vestas immer noch Treibstoff für den Generator in die Dörfer geschafft werden. "Aber eben signifikant weniger als bisher", wie Anders Runevad, CEO von Vestas betont. Der Wind soll zwischen 45 und 70 Prozent des Stroms eines Hybridkraftwerks liefern – und das kann eine Menge Geld sparen.

Eine Kilowattstunde Strom im Tschad würden bisher bis zu vier Dollar kosten, sagt Vestas (zum Vergleich: in Deutschland sind es rund 30 Cent), weil der Diesel für die Generatoren über viele Kilometer herangeschafft werden müsse.

Kenia macht den AnfangEin Report der EU-Kommission gibt für große Teile Afrikas Strompreise zwischen 40 Cent und 2,5 Euro pro Kilowattstunde an (hier als PDF).

Den Anfang machen Vestas und Masdar mit ihrem Projekt in den kommenden Monaten mit 13 Gemeinden in Kenia, in denen mehr als 200.000 Menschen leben und die derzeit ausschließlich mit Dieselgeneratoren Strom erzeugen. Ein oder zwei Windräder errichten die Ingenieure in jeder Ansiedlung. Auch in Jordanien ist demnächst ein erstes Projekt geplant.

Das Investmentvolumen für die Projekte in Kenia liegt zwischen fünf und sechs Millionen Dollar. Die Bedingungen in dem Land sind denkbar gut geeignet für die Recycling-Mühlen aus Europa: Rund ein Fünftel des Landesfläche Kenias hat durchschnittliche Windgeschwindigkeiten von mehr sieben Meter pro Sekunde, was ungefähr den Verhältnissen an der deutschen Küste oder sehr guten Standorten im Binnenland entspricht.

Rendite von 15 ProzentDas Geschäftsmodell funktioniert dabei so: Vestas und die Partner des Projektes errichten die Anlagen und verkaufen den Strom für einen festgelegten Betrag und Zeitraum an den lokalen Stromversorger. Wie viel der aufschlägt, haben die Projektpartner allerdings nicht in der Hand.

Vestas geht aber davon aus, dass die Kombination aus Wind und Diesel auf alle Fälle mindestens ein Drittel unter den Preisen für eine reine Versorgung mit einem Dieselgenerator liegt.

Ganze 15 Prozent Rendite will das Konsortium mit seinem Modell erwirtschaften. Die Einnahmen aus den vergleichsweise kleinen Projekten werden allerdings nicht üppig sein. Das Kalkül ist deshalb noch ein anderes:

Die Konkurrenten von Vestas im Windanlagengeschäft wie Siemens und General Electric haben mit ihren Produkten heute schon einen guten Zugang zum afrikanischen Markt und den dortigen Energieversorgern – weil sie seit Jahrzehnten Technik für fossile Kraftwerke in die Länder liefern. Mit seinem Projekt kommt Vestas auch mit den Regierungen und lokalen Energieunternehmen in Kontakt – und die könnten künftig beim Kauf von Windturbinen helfen.

Geschäft auf dem Rücken der Armen?Das "Wind für Wohlstand"-Projekt ist also durchaus originell. Aber sollten Unternehmen mit der Stromarmut von Menschen Geschäfte machen? Endgültig zu beantworten ist die Frage nicht.

Denn hilft das Projekt den Menschen, indem es die lokale Entwicklung vorantreibt, Krankenhäuser elektrifiziert und Schulen mit Energie versorgt, ist es eine Win-Win-Situation für die Bevölkerung und Vestas.

Und dennoch: In vielen der Länder, die Vestas für sein Projekt ins Auge fasst, grassiert die Korruption. Dass die meist in Monopolen organisierten staatlichen Elektrizitätsunternehmen den Strom aus den Hybridkraftwerken zu überhöhten Preisen an die Bevölkerung verkaufen könnten, lässt sich nicht verhindern (über die Probleme der afrikanischen Energieversorgung gibt dieser Report einen guten Überblick.)

Entwicklungshilfe mit anderen MittelnIn Kenia sind neben Vestas ein afrikanischer Investmentfonds an dem Projekt beteiligt, außerdem das Energieministerium des Landes und weitere Regierungsstellen.

An der Korruption und der Unfähigkeit der Eliten in Afrika und anderen armen Teilen der Welt sind allerdings auch schon viele traditionelle Entwicklungshilfe-Projekte gescheitert, die nicht auf den Geschäftssinn setzten, sondern auf Wohltätigkeit.

Vestas meint deshalb auch, mit seinem Projekt den Menschen in Entwicklungsländern besser helfen zu können, als es herkömmliche Hilfsprojekte vermögen. "Das Konzept für Wind for Prosperity ist wirtschaftlich motiviert und ist deshalb nachhaltiger als Wohltätigkeit, herkömmliche Entwicklungshilfe oder CSR-Aktionen von Unternehmen", sagen die Vestas-Manager.

Und mit dieser Überzeugung sind sie nicht allein: Auch der Brause-Riese Coca-Cola versucht sich in Afrika derzeit auf dem Gebiet der Wasseraufbereitung mit einem kommerziellen Ansatz.

Dahinter steht der Gedanke, dass ein kommerzielles Projekt sich eher langfristig trägt und fortgeführt wird, als ein Projekt, das nur auf dem guten Willen der Beteiligten beruht. Hilfe zur Selbsthilfe wird wirksamer, wenn dahinter ökonomisches Kalkül steckt. Dass Gemein- und Geschäftssinn wirklich zusammengehen, kann Vestas in den nächsten Jahren beweisen.

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