Studie: Britischer Kapazitätsmarkt befeuert die Kohleverstromung

Studie: Britischer Kapazitätsmarkt befeuert die Kohleverstromung

von Jan Willmroth

Großbritannien startet im Winter mit einem Kapazitätsmarkt. Davon profitieren vor allem schmutzige Kohlemeiler.

Es ist nicht das einzige ungelöste Problem der Energiewende, aber sicher eines der entscheidenden. Sonne und Wind liefern einen immer größeren Teil des Strombedarfs – aber fallen sie einmal aus, muss Ersatz her. 

Die Sache scheint deshalb klar: Wer auf erneuerbare Energien setzt, braucht nebenher moderne, flexible Kraftwerke, die schnell einspringen können, wenn Engpässe drohen und Wind und Sonne ausfallen.

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Seit Jahren diskutieren Politiker, Experten und Energieunternehmen deshalb, ob der bestehende Strommarkt ausreichend Anreize für die notwendigen Investitionen in neue Gaskraftwerke und die Modernisierungen alter Anlagen schafft, die als Ergänzung für die Erneuerbaren taugen.

Die Kraftwerksbetreiber, die mit ihren Meilern immer weniger verdienen, sagen nein. Sie fordern bei jeder Gelegenheit einen sogenannten Kapazitätsmarkt. Dabei bekämen einige konventionelle Kraftwerke schon allein Geld, weil es sie gibt – ob sich die Turbinen drehen, oder nicht.

Für einen solchen Markt kursieren zahlreiche Vorschläge, alle mit ihren eigenen Vor- und Nachteilen. Unter Wissenschaftlern ist noch umstritten, welches Modell das effizienteste wäre. Fest steht: Bald muss eine Lösung her. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel lässt derzeit prüfen, wie es mit dem Strommarkt weitergehen soll und will bis zum Herbst konkrete Vorschläge präsentieren.

Briten liefern Negativ-Beispiel für DeutschlandDabei könnte sich ein Blick nach Großbritannien lohnen: Im Dezember will die dortige Regierung einen Kapazitätsmarkt einführen. Um einen festgelegten Level an Stromerzeugungskapazität zu erreichen, bieten Kraftwerksbetreiber dann in einer Auktion um ausgeschriebene Kraftwerksleistungen für die Jahre 2018-19. Wer den Zuschlag bekommt, verdient auch Geld bei Stillstand.

Das Ganze dürfte aber zu einem Beispiel werden, wie es die deutsche Regierung lieber nicht machen sollte. Denn laut einer Studie des Beratungsunternehmens Bloomberg New Energy Finance wird das System vor allem alte Kohlekraftwerke begünstigen, die schon lange am Netz sind und günstiger Strom produzieren als moderne Gasturbinen. Eine Subvention alter Kohlemeiler im Dienste der Versorgungssicherheit: Genau davor warnen die Kritiker eines solchen Kapazitätsmarktes auch in Deutschland.

Für ihren Report haben sich die Bloomberg-Experten den aktuellen Strommix der Insel, die Kosten neuer Kraftwerke und Strompreisprognosen angesehen. Kohle sorgt ganz ähnlich wie in Deutschland für 40 Prozent der Stromversorgung Großbritanniens, im Schnitt seien die dortigen Kraftwerke 42 Jahre alt und schmutziger als alle anderen Stromquellen, schreibt Bloomberg.

Es sei wahrscheinlich, dass bei der Auktion im Dezember nur Kohlekraftwerke zum Zug kommen – weil sie am günstigsten zu betreiben sind. „All diese Kraftwerke gibt es bereits, und sie werden Gaskraftwerke unterbieten können, die erst noch gebaut werden müssen“, sagte Bloomberg-Analyst Monne Deprartere.

Derzeit ist das noch kein großes Problem, weil der Kapazitätsmarkt vor allem bei Schwankungen im Jahresverlauf zu jeder Zeit die Stromversorgung absichern soll. Doch auch Großbritannien subventioniert erneuerbare Energien - und deren Ausbau verlangt nach Kraftwerken, die sich schnell hoch- und runterfahren lassen.

Erst im vergangenen Jahr hatte die britische Regierung einen Mindestpreis pro Tonne CO2 eingeführt. Auf den CO2-Preis des EU-Emissionshandels müssen Kraftwerksbetreiber künftig einen Aufschlag zahlen. Damit sollen Investitionen in CO2-arme Technologien angekurbelt werden.

Der Widerspruch: Während die Maßnahme Kohlekraftwerke unter Druck setze, sichere der Kapazitätsmarkt nun die Rolle der Kohle als Reserve-Kapazität, warnt Deprartere; zumindest noch zehn Jahre lang, bis schärfere Emissionsstandards den britischen Kraftwerken weiter zusetzten.

Kapazitätsmärkte europaweit denkenAber was heißt das für Deutschland? Hierzulande ist der Hintergrund noch komplizierter: Der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromversorgung liegt im Jahresdurchschnitt schon bei mehr als einem Viertel, also viel höher als in Großbritannien.

Das größte Problem sind bisher nicht jahreszeitliche Schwankungen, etwa Versorgungsengpässe in kalten Wintern, sondern Schwankungen im Tagesverlauf – hierzulande mangelt es bereits an Kraftwerken, die schnell einspringen können, wenn am Nachmittag plötzlich Wolken die Sonne verdecken.

Die zumeist alten Stein- und Braunkohlekraftwerke, die zusammen noch mehr als 40 Prozent der deutschen Stromversorgung liefern, können diese Rolle nicht übernehmen. Sie brauchen Stunden, bis sie hochgefahren sind.

Nun besteht die Gefahr, dass mit einem nationalen Kapazitätsmarkt auch in Deutschland ebendiese alten Meiler begünstigt werden – obwohl sie im Zuge der Energiewende und im Sinne der deutschen Klimaschutzziele immer weniger gebraucht werden. Um das zu verhindern,  könnte die Regierung allerdings vorschreiben, wie schnell Kraftwerke bei Flaute einspringen müssen. Das würde wiederum Gaskraftwerke fördern, die sich schnell anwerfen lassen.

Noch bleibt Zeit, denn derzeit gibt es im Gesetz zahlreiche Instrumente, die einen Ausfall der Stromversorgung in Deutschland verhindern. Beispielsweise hat die Bundesnetzagentur derzeit noch das letzte Wort, wenn ein Kraftwerksbetreiber eine Anlage vom Netz nehmen will. 2017 laufen diese Instrumente allerdings aus – spätestens bis dahin müsse klar sein, wie der Strommarkt der Zukunft aussehen soll, sagte Patrick Graichen, Direktor des Thinktanks  Agora Energiewende, in einem Interview mit dem Online-Magazin Klimaretter.

In welche Richtung ein Kapazitätsmarkt gehen sollte, haben kürzlich Energieexperten der Unternehmensberatung A.T. Kearney im Auftrag des Energiekonzerns EnBW untersucht (hier die Studie als PDF). Ihr Fazit: Wenn schon ein Kapazitätsmarkt, dann bitte auf länderübergreifender Ebene in Europa. Alleingänge wie der von Großbritannien, aber auch wie derzeit in Frankreich und Polen, gehen der Studie zufolge in die falsche Richtung.

Eine definitive Wahrheit gibt es in der Diskussion auf jeden Fall schon jetzt: Einfacher wird die Energiepolitik in Deutschland und Europa wohl nicht mehr.

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Linktipp: Die beste Zusammenfassung und Bewertung der verschiedenen diskutierten Optionen für einen Kapazitätsmarkt in Deutschland gibt es bei Agora Energiewende als PDF.

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