Wie man die Nachhaltigkeit von Unternehmen misst

WiWo Green: Wie man die Nachhaltigkeit von Unternehmen misst

Auf einmal sind alle grün. Aber wie misst man Nachhaltigkeit in Unternehmen eigentlich objektiv? Ein Blick hinter die Kulissen. Von Rolf Häßler, Oekom Research

Ein Gastbeitrag von Rolf Häßler von den Münchener Nachhaltigkeits-Analysten Oekom Research. 

Eine wachsende Zahl von institutionellen Investoren will bei der Kapitalanlage soziale und umweltbezogene Kriterien berücksichtigen. Während Kirchen hier schon seit Jahren aktiv sind, fragen auch immer mehr Stiftungen und Family Offices, Versorgungswerke und Versicherungen solche Analysen nach. Sie benötigen objektive Vergleiche der Unternehmen nach vorher festgelegten Kriterien. Nach einer aktuellen Analyse des europäischen Branchenverbandes für nachhaltige Kapitalanlage, Eurosif, suchen europaweit 6,7 Billionen Euro entsprechende Anlagemöglichkeiten. Weltweit summiert sich das entsprechende Anlagevolumen auf mehr als zehn Billionen Euro.

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Nachhaltigkeits-Ratingagenturen wie EIRIS aus Großbritannien, Vigeo aus Frankreich und wir bei Oekom haben uns zur Aufgabe gemacht, Investoren, Banken und Vermögensverwaltern entsprechende Analysen zur Verfügung zu stellen. Ziel der Analysen ist es, die nachhaltigkeitsbezogenen Chancen und Risiken der Unternehmen möglichst umfassend zu dokumentieren und zu bewerten. Welche Kriterien die Agenturen dafür nutzen und wie viele notwendig sind, um ein komplettes Bild der Nachhaltigkeitsperformance von Unternehmen zu erhalten, ist immer wieder Gegenstand von Diskussionen. Hintergrund ist, dass hier zwei durchaus unterschiedliche Interessen aufeinanderstoßen.

Auf der einen Seite das der Investoren, die für ihre Entscheidungen fundierte Informationen zu möglichst vielen relevanten Themen erhalten wollen. Darunter können auch Themen sein, die wie etwa bei Stiftungen und Kirchen mit dem Wesen oder dem Zweck der Investoren verbunden sind und aus Sicht der Unternehmen vielleicht nicht unmittelbar etwas mit dem Thema Nachhaltigkeit zu tun haben. Hier bestimmt das Informationsinteresse der Investoren die entsprechenden Kriterien.

Auf der anderen Seite stehen die Unternehmen, für die die Bereitstellung entsprechender Informationen mit Aufwand verbunden ist. Sie müssen Daten erheben, Leitlinien fixieren und Dokumente bereitstellen.

Vor diesem Hintergrund hat es in der Vergangenheit immer wieder Versuche gegeben, eine möglichst kleine Zahl von Kernkriterien, so genannten „Key Performance Indicators“ (KPI) zu definieren, die die Nachhaltigkeitsperformance der Unternehmen übergreifend abbilden. Motiv war hier verschiedentlich auch, die Kriterien mit der größten „Materialität“ herauszufinden, vor allem solche Aspekte, die den stärksten Einfluss auf den wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmen haben.

100 spezifische KriterienDie Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Managment (DVFA) hat beispielsweise 2007 begonnen, Schlüsselkriterien für Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (Governance) zu entwickeln. Begonnen haben die Spezialisten mit 25 branchenübergreifenden KPI, inzwischen sind aber rund 100 branchenspezifische Kriterien hinzugekommen.

Die Global Reporting Initiative (GRI) wiederum, ein internationaler Standard für die Inhalte von Nachhaltigkeitsberichten, schlägt mehr als 80 zum Teil branchenspezifische Indikatoren für eine umfassende Berichterstattung vor.

Wir bei Oekom arbeiten mit 80 bis 100 Einzelkriterien in den beiden Bereichen Umwelt und Soziales, von denen ein großer Teil branchenspezifisch definiert beziehungsweise operationalisiert wird. Die Kriterien basieren auf unserem Nachhaltigkeitsverständnis, in dem in neun Grundsätzen transparent gemacht wird, wie Oekom Nachhaltigkeit versteht.

In Zusammenarbeit mit einem unabhängigen wissenschaftlichen Beirat entwickeln die verantwortlichen Analysten auf dieser Basis für ihre Branchen die jeweiligen Kriterien. Insbesondere die Produkte und Leistungen der bewerteten Unternehmen können sinnvoll nur auf Basis branchenspezifischer Kriterien bewertet werden.

Daher haben bei der Bewertung der Umweltqualität von Automobilen der Kraftstoffverbrauch und die Recyclingfähigkeit zentrale Bedeutung, bei der Bewertung der Textilindustrie geht es vor allem um die Arbeitsbedingungen in der Zulieferkette.

Ausgangspunkt für die Zusammenstellung der Kriterien ist die Frage, was die Unternehmen tun müssen, um ihren Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung zu leisten. Dazu werden zum einen gesellschaftliche Diskussionen, naturwissenschaftliche Erkenntnisse, technische Entwicklungen und regulatorische Vorgaben analysiert und in Kriterien umgesetzt.

Im Automobilbau geht es beispielsweise um technische Fortschritte bei alternativen Antrieben oder neue Erkenntnisse über die Krebsgefährdung durch Dieselruß, im Nahrungsmittelbereich um die Frage, wie die grüne Gentechnik zu bewerten ist und bei der Nanotechnologie um die Chancen und Risiken für Menschen und Natur.

Einhaltung der ArbeitsrechteZum anderen bilden international anerkannte Indikatoren- und Normensysteme die Basis für die Entwicklung von Kriterien. So wird die Einhaltung von Arbeitsrechten beispielsweise auf Basis der Kernarbeitsnormen der International Labour Organization (ILO) bewertet, die Qualität des Umweltmanagements anhand der Frage, ob dieses nach EMAS oder ISO 14001 zertifiziert ist.

Die Kriterienkataloge werden regelmäßig überarbeitet, um neuen nachhaltigkeitsrelevanten Entwicklungen Rechnung zu tragen. Auch hier kommt es darauf an, die Prozesse in den Unternehmen vor Augen zu haben.

Wir wissen, dass sich Unternehmen bei der Gestaltung ihres Nachhaltigkeitsmanagements auch an den Anforderungen der Agenturen orientieren. Es macht daher keinen Sinn, durch neue Kriterien in den Unternehmen Prozesse auszulösen – was ja von vielen nachhaltigen Investoren intendiert wird – und dieses Kriterium wieder herauszunehmen, bevor die entsprechenden Maßnahmen in den Unternehmen realistisch umgesetzt sein können.

Man sollte also als Ratingagentur nicht in einem Jahr mit Nachdruck – will heißen mit hohem Gewicht im Rating – beispielsweise die Einführung eines zertifizierten Umweltmanagementsystems fordern und dieses Kriterium im folgenden Jahr nicht mehr berücksichtigen, während die Einführung eines zertifizierten Umweltmanagementsystems in den Unternehmen realistisch mehrere Jahre dauert.

Fazit: Die Vielschichtigkeit des Themas Nachhaltigkeit macht entsprechend differenzierte Kriterienkataloge erforderlich. Dabei müssen die Besonderheiten der einzelnen Branchen durch branchenspezifische Kriterien abgedeckt werden. Hinter vielen Kriterien steht zudem ein konkretes Informationsinteresse von Investoren. Nachhaltigkeitsratings werden daher auch zukünftig mit einer Vielzahl von Kriterien arbeiten und von den Unternehmen entsprechende Informationen einfordern.

Mit der Frage, wie ein Nachhaltigkeitsrating abläuft, welche Quellen genutzt werden und wie die Unternehmen aktiv mitarbeiten können beschäftigt sich Folge 2 der Artikelserie auf WiWo Green.

 

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