Naturphilosoph Bernd-Olaf Küppers: "Moral ist Gift für die Gesellschaft"

Naturphilosoph Bernd-Olaf Küppers: "Moral ist Gift für die Gesellschaft"

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Bernd-Olaf Küppers

von Thorsten Firlus

Der Forscher Bernd-Olaf Küppers über Wissenschaftsfeindlichkeit in Deutschland, Esoterik als Ersatzreligion und das sichere Ende der Menschheit.

WirtschaftsWoche: Herr Küppers, Sie behaupten, Moral, die das Wissen beherrscht, sei Gift für die Wissenschaft. Was ist schlimm an Moral?Küppers: Moral wird gefährlich, wenn sie den wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt einschränkt oder gar unterdrückt. Schließlich hängt von diesem Fortschritt die Zukunft unserer Gesellschaft ab.

Und deswegen muss dann gleich der Religionsunterricht in den Schulen gestrichen werden, wie Sie es fordern?Ich plädiere für die strikte Trennung von Kirche und Staat, weil wir sonst nicht den Weg in die Wissensgesellschaft finden können. Das rückständige Weltverständnis der Kirchen läuft den hohen Anforderungen, die die Wissensgesellschaft an uns stellt, völlig zuwider. Und es ist für mich ein bedrückendes Zeichen, dass vor allem junge Menschen wieder verstärkt in die Kirche drängen.

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Sie sagen sogar, Religion sei schädlich!Religion ist reine Privatsache und muss es auch bleiben. Wenn wir jedoch der Religion einen zu großen Freiraum in Staat und Gesellschaft und damit auch zu viel Einfluss auf die Wissenschaft einräumen, dann wird sie schädlich. Das sieht man ganz deutlich an den vielen religiös motivierten Reglementierungen der biologisch-medizinischen Grundlagenforschung. Wir dürfen uns in unserem Streben nach Erkenntnis nicht selbst beschränken. Schon gar nicht dürfen wir irgendwelchen religiösen Dogmen nachgeben und diese auch noch in der Schule lehren, weil wir sonst unweigerlich in ein vorkritisches und unaufgeklärtes Zeitalter zurückfallen.

Sie stellen Religion als Fortschrittsblockade dar, schimpfen über esoterisches Pseudowissen und halten nur die von den exakten Naturwissenschaften belegten Fakten für seriös und entscheidungsrelevant. Sollten wir nicht offener sein gegenüber Phänomenen, die wir mit wissenschaftlichen Methoden noch nicht erklären können?Ja, natürlich. Die Offenheit gegenüber dem Unbekannten und Unerforschten, das heißt die menschliche Neugierde, ist geradezu der Motor wissenschaftlichen Forschens. Aber diese Offenheit ist etwas ganz anderes als die in unserer Gesellschaft weit verbreitete Unwissenheit, die sich als Wissen ausgibt, sei es in Form der Esoterik oder einer anmaßenden Glaubensgewissheit. Dieses vermeintliche Wissen ist lediglich ein Pseudowissen, weil es sich jeder kritischen Überprüfung entzieht.

Sie erwähnen in Ihrem Buch die Ängste vor den Experimenten mit dem Teilchenbeschleuniger in Genf. Wenn etwas schiefgeht: Wer trägt dann Ihrer Ansicht nach die Verantwortung?Die Verantwortung tragen wir alle. In einer Demokratie entscheidet letztlich die Gesellschaft, ob und inwieweit wir bestimmte Experimente zulassen oder Erkenntnisse anwenden wollen. Nur: Diese Diskussion muss rational auf der Grundlage von Sachkenntnissen geführt werden. Sie darf nicht von Ängsten, Irrationalität und dogmatischem Glauben beherrscht werden. Stattdessen beobachten wir jedoch einen allgemeinen Anti-Intellektualismus, gepaart mit einer zunehmenden Wissenschafts- und Technikfeindlichkeit.

Aber nicht jeder, der, um ein anderes Beispiel zu nennen, skeptisch gegenüber den Folgen der Genforschung ist, muss ein Technologiefeind sein. Die Ergebnisse kann der Wissenschaftler doch nicht vorhersehen.In der Tat. Der Wissenschaftler kann nicht in die Zukunft schauen. Darin unterscheidet er sich übrigens wohltuend von den vielen selbst ernannten Propheten und Fortschrittsskeptikern. Er hat die Aufgabe, die Wirklichkeit zu erforschen und die Gesellschaft über die möglichen Chancen und Risiken wissenschaftlicher Erkenntnis aufzuklären. Dann muss die Gesellschaft entscheiden, was sie damit machen will. Dieser Diskurs setzt allerdings ein hohes Maß an Urteilsfähigkeit, Bildung und Wissen voraus.

Ängste sind das eine, Sie kritisieren aber vor allem die Moral, Werte, die für die Menschen wichtig sind.Moral impliziert immer die Bindung unseres Handelns an bestimmte Werte. Die Frage ist allerdings, welche Werte die richtigen sind. Denn anders, als es die Religionen behaupten, sind Werte nicht absolut, sondern immer situationsbezogen. Dies führt keineswegs zur Beliebigkeit der Werte, wie Papst Benedikt immer wieder behauptet. Vielmehr vermögen nur Werte, die im Prinzip veränderlich sind, unserer komplexen Lebenswirklichkeit mit all ihren Umbrüchen und Veränderungen Rechnung zu tragen. Wenn etwas beliebig ist, dann sind es die absoluten Werte der Religionen, die sich auf eine spekulative metaphysische Welt beziehen. Ich kritisiere also nicht die Moral als solche, sondern nur ihre falsche Inanspruchnahme.

Aber brauchen wir denn nicht gerade diese unbedingten, festen Werte, um die Veränderungen durch Forschung und Technik geistig zu bewältigen?Sie dürfen den Titel meines Buchs „Wissen statt Moral“ nicht so verstehen, als würde er sich grundsätzlich gegen die Moral richten. Vielmehr will ich die Prioritäten wieder zurechtrücken. Unsere Werte schweben eben nicht als absolute Größen über der Wirklichkeit, sondern müssen ständig dem fortschreitenden Wissen angepasst werden. Mit dieser Einsicht tut sich unsere Gesellschaft jedoch schwer.

Ein deutsches Problem?Teilweise ja. Nicht zuletzt wegen unserer besonderen Historie. Wenn wir darüber diskutieren, ob man in das menschliche Erbgut eingreifen darf, dann entfesselt dies in Deutschland sofort eine Vergangenheitsdiskussion. Wir müssen uns aber den Zukunftsfragen stellen, wenn wir den Weg in die Wissensgesellschaft beschreiten wollen.

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