Autohandel in Deutschland: "Wir bekommen amerikanische Verhältnisse"

Autohandel in Deutschland: "Wir bekommen amerikanische Verhältnisse"

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Kleine Autohändler haben es laut einer Studie immer schwerer, gegen große Händlergruppen zu bestehen.

von Rebecca Eisert

Autoprofessor Willi Diez spricht vom "großen Fressen": Familiengeführte Betriebe sterben aus, stattdessen bestimmen Mega-Dealer mit Milliardenumsätzen den deutschen Autohandel. Auch die Hersteller ziehen sich zurück.

In Deutschland gibt es immer schneller immer weniger Autohändler. Nach Berechnungen des Instituts für Automobilwirtschaft (IFA) der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Geislingen wird die Zahl der wirtschaftlich und rechtlich selbstständigen Automobilhändler in diesem Jahr auf 7400 Unternehmen sinken – 400 weniger als im Vorjahr. Für 2020 rechnet IFA-Direktor Professor Willi Diez sogar nur noch mit 4500 selbstständigen Betrieben.

Treiber dieser Entwicklung sind vor allem die großen Automobilhandelsgruppen, die durch Übernahmen stark expandieren. Besonders die ganz großen Händler waren und sind auf Einkaufstour. Beispielsweise die Emil Frey Gruppe in Stuttgart, die AVAG in Augsburg sowie die Dello-Gruppe in Hamburg.

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Die größten Autohändler in Deutschland

  • Platz 1

    Emil Frey Gruppe Deutschland, Stuttgart: 54.260 Neuwagen, 20.300 Gebrauchtwagen; 1,5 Milliarden Euro Umsatz

  • Platz 2

    AVAG Holding SE, Augsburg: 45.624 Neuwagen, 40.063 Gebrauchtwagen; 1,4 Milliarden Euro Umsatz

  • Platz 3

    Gottfried Schultz GmbH & Co. KG, Ratingen: 28.402 Neuwagen, 25.697 Gebrauchtwagen; 1,3 Milliarden Euro Umsatz

  • Platz 4

    Feser-Graf Gruppe, Nürnberg: 21.966 Neuwagen, 25.054 Gebrauchtwagen; 1 Milliarde Euro Umsatz

  • Platz 5

    Wellergruppe GmbH & Co. KG, Berlin: 15.510 Neuwagen, 30.834 Gebrauchtwagen; 1 Milliarde Euro Umsatz

  • Platz 6

    Jacobs-Gruppe, Aachen: 14.414 Neuwagen, 14.384 Gebrauchtwagen; 610 Millionen Euro Umsatz

  • Platz 7

    ahg Autohandelsgesellschaft mbH, Horb: 13.700 Neuwagen, 15.000 Gebrauchtwagen; 620 Millionen Euro Umsatz

  • Platz 8

    Graf Hardenberg-Gruppe, Karlsruhe: 12.000 Neuwagen, 11.200 Gebrauchtwagen; 503 Millionen Euro Umsatz

  • Platz 9

    Ernst Dello GmbH & Co. KG, Hamburg: 12.000 Neuwagen, 9.500 Gebrauchtwagen; 360 Millionen Euro Umsatz

  • Platz 10

    Fahrzeug-Werke Lueg AG, Bochum: 11.963 Neuwagen, 11.705 Gebrauchtwagen; 702 Millionen Euro Umsatz

  • Quelle

    Institut für Automobilwirtschaft (IFA) in Geislingen. Die Reihenfolge bezieht sich auf die Zahl der verkauften Neuwagen im Jahr 2014.

Für Diez kommt diese Entwicklung nicht überraschend. „Der stagnierende Gesamtmarkt, die zunehmende Konkurrenz durch Automobilbörsen im Internet und das nachlassende Werkstattgeschäft erhöhen den Druck auf die Branche“, sagt der Professor. „Wir bekommen im Automobilhandel in Deutschland zunehmend amerikanische Verhältnisse mit Mega-Dealern, die Milliarden-Umsätze tätigen und verschiedene Automobilmarken vertreten.“ Mittlerweile würden auch die Automobilhersteller erkennen, dass sie nur mit großen Gruppen ein flächendeckendes Vertriebs- und Servicenetz aufrechterhalten können.

Hersteller ziehen sich aus Niederlassungen zurück

Einen weiteren Schub im Konsolidierungsprozess erwartet das IFA-Institut auch durch den Rückzug einiger Hersteller aus dem Direktvertrieb über werkseigene Niederlassungen. Vor allem die Niederlassungen von Mercedes-Benz könnten nur von großen in- oder ausländischen Gruppen übernommen werden. Die Stuttgarter sind gerade dabei, ihre ostdeutschen Niederlassungen (Leipzig, Dresden, Magdeburg, Schwerin, Valluhn, Rostock und Upahl) an den chinesischen Vertriebspartner Lei Shing Hong (LSH) zu verkaufen.

Woraus sich der Preis eines Neuwagens zusammensetzt

  • Listenpreis

    Der Listenpreis (brutto) des untersuchten Kompaktwagens liegt bei 26.780 Euro.

    Quelle: Institut für Automobilwirtschaft (IFA)

  • Mehrwertsteuer/Nettopreis

    Der Staat kassiert bei diesem Neuwagenpreis 4.276 Euro Mehrwertsteuer, was bei unserem Kompaktwagen zu einem Nettolistenpreis von 22.504 Euro führt. Dieser Nettopreis wird im Folgenden als 100 Prozent betrachtet.

  • Materialkosten

    9.789 Euro oder 43,5 Prozent des Nettopreises

  • Personalkosten

    2.250 Euro oder 10 Prozent des Nettopreises

  • Verwaltung und Vertrieb

    2.138 Euro oder 9,5 Prozent des Nettopreises

  • Forschung und Entwicklung

    1.350 Euro oder 6 Prozent des Nettopreises

  • Abschreibungen

    1.013 Euro oder 4,5 Prozent des Nettopreises

  • Werbung

    563 Euro oder 2,5 Prozent des Nettopreises

  • Garantiekosten

    450 Euro oder 2 Prozent des Nettopreises

  • Händlermarge

    Beim Händler bleiben 3.713 Euro oder 16,5 Prozent des Nettopreises hängen

  • Gewinn für den Hersteller

    Bei einem Nettopreis von 22.504 Euro kann der Hersteller 1.238 Euro oder 5,5 Prozent als Gewinn verbuchen

„Das Bild des Automobilhandels in Deutschland verändert sich nachhaltig“, erklärt Diez: „Statt kleine, familiengeführte Betriebe werden in Zukunft professionell geführte Gruppen den Automobilhandel in Deutschland bestimmen.“

Für die Kunden bringt die Entwicklung gleichermaßen Vor- wie Nachteile. Die großen Mehrmarken-Händler bieten eine größere Auswahl und haben mehr Modelle zum Anschauen und Testen vor Ort. Sie lassen sich jedoch vorzugweise in mittelgroßen bis großen Städten nieder. In ländlichen Gegenden dürfte die Zahl von Händlern in kleinen Gewerbegebieten weiter sinken. Für sie rentiert sich das Geschäft nicht mehr.

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Dabei spielt auch die wachsende Zahl an Modellen eine Rolle, die die Hersteller im Portfolio haben. Die Premiumhersteller BMW und Mercedes etwa hatte in den Neunzigerjahren nur eine Handvoll Modelle: C-Klasse, E-Klasse, S-Klasse, 3er, 5er, 7er. Heute bietet allein BMW 25 verschiedene Modelltypen an. Für kleine Händler sei diese Vielfalt kaum mehr abbildbar.

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