Chemie: Hoechst intern: Der Untergang eines Weltkonzerns

Chemie: Hoechst intern: Der Untergang eines Weltkonzerns

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Jürgen Dornmann - 1999 wickelte er das Traditionsunternehmen Hoechst ab

von Jürgen Salz

Vor zehn Jahren verschwand der Chemie- und Pharmakonzern Hoechst von der Bildfläche. Der damalige Vorstandschef Jürgen Dormann zerschlug eines der ältesten und größten deutschen Industrieunternehmen. Der Autor Christoph Wehnelt hat ein Buch über den Untergang geschrieben – und berichtet von hochfliegenden Plänen und ängstlichen Managern.

136 Jahre wurde Hoechst alt. Gegründet 1863, abgewickelt 1999. Der damalige Vorstandschef Jürgen Dormann hatte die Chemie in alle Welt verkauft und das Pharmageschäft mit dem französischen Konkurrenten Rhone-Poulenc fusioniert. Ein Unternehmen mit mehr als 20 Milliarden Euro Umsatz und mehr als 100 000 Mitarbeitern verschwand. Seitdem Dormann 1994 zum Vorstandschef aufgestiegen war, blieb kein Stein mehr auf dem anderen.

Der Journalist Christoph Wehnelt hat über diese turbulente Zeit ein Buch geschrieben. Er hat dafür zwei Dutzend frühere Vorstände, Betriebsräte und Manager von Hoechst befragt. Wehnelt ergreift dabei klar Partei gegen die von Dormann forcierte Aufspaltung von Hoechst. „Hätte auf der obersten Führungs- und Kontrollebene des einstigen stolzen Unternehmens mehr Zivilcourage gewaltet, wäre Hoechst vermutlich noch am Leben“, resümiert Wehnelt. Doch die Kritiker von Dormann blieben weitgehend stumm. So konnte der Chef schalten und walten wie er wollte. Dormann hatte hochfliegende Pläne für Hoechst, wollte das Unternehmen erst mit dem US-Konzern Monsanto, später mit Bayer fusionieren. Zweimal holte sich Dormann jedoch eine Abfuhr, bevor er das Schicksal des Unternehmens endgültig besiegelte.

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1996 wollte Hoechst mit Monsanto zusammengehen, einem US-Unternehmen mit guten Perspektiven in der Landwirtschaft und der Pharmabranche. Dormann, der die „Life Sciences“ (Pharma und Pflanzenschutz) stärken wollte, kam das sehr gelegen. Die Gespräche liefen unter dem Decknamen „Hello“, die beteiligten Unternehmen firmierten unter „Happy“ (Hoechst) und „Doc“ (Monsanto).  Für Monsanto machte eine  Fusion mit Hoechst offensichtlich weniger Sinn: „Wir haben das Projekt Hello nochmals diskutiert und kamen zu dem Schluss, dass wir es nicht weiter verfolgen werden“, schrieb Monsanto-Chef Bob Shapiro im Oktober 1996 an Dormann.

Ausverkauf der Chemie

Zwei Jahre später wollte Hoechst mit Bayer zusammengehen. Doch am Ende konnten sich die Top-Führungskräfte beider Unternehmen  nicht darüber einigen, wer den Aufsichtsratsvorsitz übernimmt  und wer den Vorstand führt. Dabei waren die Verhandlungen schon weit gediehen. Die Bereiche Pharma und Pflanzenschutz sollten unter dem Namen „Bayer“ laufen, das Chemiegeschäft unter „Hoechst“.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Dormann allerdings schon längst begonnen, das Chemiegeschäft von Hoechst in alle Welt zu verkaufen. Dormann glaubte nicht mehr an die Zukunft von Farb- und Kunststoffen; er setzte nahezu ausschließlich auf Pharma- und Pflanzenschutz. Im Laufe der  Jahre trennte sich Dormann von Grund- und Spezialchemikalien, verkaufte etwa das PVC-Geschäft an einen Finanzinvestor, die Industrieanlagen an Krupp und die Lacke an den US-Konzern DuPont. Die Arbeitnehmervertreter rebellierten – aus Angst um die Jobs. Mit dem Ausverkauf der Chemie konnten sich auch viele Hoechst-Vorstände, wie etwa der frühere Pharmachef Karl-Gerhard Seifert,  nicht abfinden. Sie ballten aber bloß die Faust in der Tasche, aufbegehrt hat keiner von ihnen. Der ehemalige Betriebsratsvorsitzende Wolfgang Vetter hat dafür eine einfache Erklärung: „Weil jeder Schiss hatte, dass er derjenige ist, der über die Klinge springt. Weil natürlich immer irgendein Rädelsführer ausgemacht wird.“

Nachdem die Zusammenschlüsse mit Monsanto und Bayer gescheitert waren, fusionierte Dormann schließlich 1999 das Pharmageschäft von Hoechst mit dem französischen Konkurrenten Rhone-Poulenc zu Aventis. Ein großer deutsch-französischer Gemeinschaftskonzern sollte so entstehen. Doch das Glück währte nicht lange: 2004 übernahm der französische Arzneimttelhersteller Sanofi, mit Unterstützung der französischen Regierung, Aventis. Bereits zuvor hatte sich Dormann aus dem Aventis-Vorstand drängen lassen. Nun übernahmen die Franzosen endgültig das Kommando, die Deutschen hatten kaum noch etwas zu sagen. Hoechst war nun endgültig Geschichte.

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