Deutsche Bahn: Die Bilanzakrobatik nimmt ein Ende

KommentarDeutsche Bahn: Die Bilanzakrobatik nimmt ein Ende

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Bahn-Mitarbeiter. Verschärfte Regeln nach Mehdorns Datenskandal

von Reinhold Böhmer

Der heutige Abgang von Diethelm Sack als Finanzchef der Deutschen Bahn ist ein tiefer Einschnitt für das Staatsunternehmen. Ohne den heute 61-Jährigen hätte Hartmut Mehdorn der Bahn nicht von 1999 bis 2009 seinen Stempel aufdrücken können. Der gewiefte Betriebswert war es, der die echten und vermeintlichen Erfolge des Schienenriesen, die Legenden und Nebelkerzen der vergangen Jahre in Zahlen goss. Höchste Zeit für Bahn-Chef Rüdiger Grube, sich von dem Bilanzakrobaten zu trennen und die Erblast seines Vorgängers aufzuarbeiten.

Selten war ein Finanzchef so lange bei einem deutschen Großunternehmen in Amt und Würden - sage und schreibe 18 Jahre. Und selten war ein Finanzchef so sehr Wachs in der Hand seines Vorstandsvorsitzenden und diesem so gnadenlos ausgeliefert. Erst abgehalftert und öffentlich vorgeführt, stieg der malträtierte Hesse schließlich zum Wegbereiter des geplanten Börsengangs der Bahn vor, dem vor gut einem Jahr nur noch die Finanzkrise ein vorzeitiges Ende bereiten konnte.

Den Beinahe-Erfolg auf dem Börsenparkett verdankt Sack zu gleichen Teilen seiner Genialität und der totalen Unterwerfung unter Mehdorn. Der, kaum im Amt, lancierte im Laufe des Jahres 2000 erst einmal Zahlen an die Bundesregierung, dann an die Presse. Diese hatten zwei zentrale Wirkungen. Erstens sei die Bahn eigentlich ein totaler Sanierungsfall. Zweitens war Sack zusammen mit Mehdorns Vorgänger Johannes Ludewig als einer der Übeltäter gebrandmarkt, die Politiker und Öffentlichkeit, so der von Mehdorn kolportierte Eindruck, über Jahre mit schöngefärbten Planzahlen beschummelten. Klar, dass die Presse mit Rücktrittsforderungen kam. Sack fühlte sich dermaßen unter Druck, dass er Kritiker aufsuchte und sie um Mäßigung bat, immerhin sei er ja erst Anfang 50 und habe eine Familie zu ernähren.

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Das nutzte Mehdorn konsequent aus. Er rehabilitierte Sack in einem Schreiben an die Bahn-Mitarbeiter. Zum Dank wurde Sack sein alter neuer Finanzchef, der fortan Wachs in seinen Händen war. Sack drückte und schob die Bilanz, die Planungen sowie die Gewinn- und Verlustrechnung immer brav in die vom Chef gewünschte Richtung - formal legal, zugleich aber stets umstritten.

Kapitaleinsatz à la Sack

Erst auf Druck des Aufsichtsrates kam heraus, dass Sack Gewinn und Verlust der Bahn nach Belieben steuerte, indem er außerordentliche Einnahmen und Ausgaben mal dem gewöhnlichen Geschäftsbetrieb zurechnete, mal nicht. Die Kritik, die die Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers daran übten, blieb in einem kleinen schmalen vertraulichen Sondergutachten stecken.

Ganz offen, aber nur für Eingeweihte zu erkennen, drehte Sack auch an den Investitionen. So stellte er jene Milliarden, die der Staat ins Schienennetz steckte, einfach nicht in die Bilanz. Dadurch, so eine interne Analyse der Deutschen Bank, kam die Bahn schneller auf Börsenkurs, als es ihre Einnahmen erlaubt hätten. Denn die buchhalterisch geringeren Abschreibungen und der niedrigere Kapitaleinsatz á la Sack ließen die Kapitalverzinsung höher erscheinen, als sie bei Bilanzierung aller Investitionen wäre.

Zweifel erweckte Sack auch mit den Rückstellungen, die er geschickt so bildete oder auflöste, dass Mehdorn als der große Sanierer der Bahn dastand. "Die Bahn macht mobil" hieß es Jahre lang aus der Zentrale am Potsdamer Platz in Berlin, zugleich fahre die Bahn eine "Investitionsoffensive". Tatsächlich musste Sack jedoch bei den Vorbereitungen zum Börsengang versteckt zugeben, dass die Bahn unter Mehdorn eher weniger als früher in Waggons und Material investierte und sogar einen Negativrekord bei den Investitionen verbuchte.

Am Ende seiner beinahe zwei Jahrzehnte bei der Bahn wäre Sack seine Unterwürfigkeit fast zum Verhängnis geworden. Wer wollte ihm schon glauben, dass einer wie er nicht in die massenhaften fragwürdigen Kontrollen von Mitarbeiterdaten eingeweiht war, die Mehdorn schließlich zu Rücktritt zwangen. Eigentlich sind 61 Jahre kein Alter, um als Topmanager zu gehen. Vielleicht wird Sack aber auch einmal froh sein, das Kapitel Bahn auf diese Weise einigermaßen unbeschadet abgeschlossen zu haben. Sein Nachfolger, Sacks langjährige rechte Hand Richard Lutz, hat nun eine riesige Chance. Er kennt wie kaum ein anderer im Bahn-Konzern die Arbeitsweise seines bisherigen Chefs, ist also in der Lage, das hinterlassene Gestrüpp in den Büchern zu lichten. Bahn-Chef Grube muss größtes Interesse haben, böse Überraschungen möglichst schnell aus dem Weg zu räumen.

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