Freefall-Tower: Das Geschäft mit dem Adrenalin

Freefall-Tower: Das Geschäft mit dem Adrenalin

von Maximilian Nowroth

Ewald Schneider hat den Höchsten. Der Schausteller lässt Besucher der Volksfeste aus 85 Meter Höhe frei fallen. Sein Turm der Superlative ist ein neues Kapitel im Kampf um die Gunst der Kunden und gegen die Konkurrenz.

Das Gespräch neigt sich dem Ende, er hat viel erzählt über die technischen Raffinessen des Turms, den freien Fall mit 90 Stundenkilometern, die fünffache Erdbeschleunigung und die Magnetbremsen, da muss man ihn das einfach fragen: „Fahren wir mal eine Runde, Herr Schneider?“ Doch Ewald Schneider schüttelt den Kopf und sagt: „Auf solche Fahrgeschäfte gehe ich nur noch, wenn ich muss. Ich bin kein Karussell-Junkie. Ich bin Unternehmer.“

Gut, reden wir also übers Geschäftliche. Der 48-Jährige ist Schausteller, wie schon sein Vater. Auf dessen Autoscooter sei er aufgewachsen, sagt Schneider, die Schule hat er im Alter von 15 Jahren beendet. Seitdem gehört der Bielefelder zu einer Zunft, die ihre Attraktionen auf Festplätzen präsentiert und ihren Gästen viel Vergnügen verspricht. Der Deutsche Schaustellerbund zählt rund 9900 Volksfeste in Deutschland, insgesamt fließen pro Jahr mehr als zweieinhalb Milliarden Euro in die Kassenhäuschen.

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Warum die Volksfestkultur die Anerkennung als Kulturerbe verdient

  • Die wichtigsten Gründe der Unterstützer

    Gleich eine ganze Reihe von Gründen, warum die Volksfestkultur in Deutschland die Anerkennung als immaterielles Kulturerbe verdient, führen die Unterstützer der Bewerbung ins Feld. Ein Überblick.

  • Tief verwurzelt

    Volksfeste sind kulturell tief in der Gesellschaft verwurzelt. Volksfeste und Kirmessen – und dazu gehören auch die Weihnachtsmärkte – sind über Jahrhunderte gewachsene, kulturell und kirchlich beeinflusste Veranstaltungen. So leitet sich das Wort Kirmes beispielsweise ab von Kirchmesse oder Kirchweihe. Und die Verleihung von Stadt- oder Marktrechten steht oft in Verbindung mit Volksfesten (zum Beispiel Oldenburger Kramermarkt anno 1608). Das älteste deutsche Volksfest ist das Lullusfest in Bad Hersfeld (1200 Jahre).

  • Brauchtum

    Auf den deutschen Volksfesten wird Brauchtum gepflegt, Gemeinschaft erlebt und die Tradition volksnaher Unterhaltung aufrechterhalten. Volksfeste üben seit Jahrhunderten im Kulturgebiet Deutschlands einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Gesellschaft, der menschlichen Sozialisation und des Tourismus aus und stellen ein einzigartiges und außergewöhnliches Zeugnis einer jahrhundertealten Kulturtradition dar.

  • Völkerverständigung

    Volksfeste sind gelebte Völkerverständigung und ein herausragendes Beispiel für Bräuche, die bedeutsame Abschnitte in der menschlichen Geschichte darstellen. So förderten beispielsweise das Deutsch-Französische und das Deutsch-Amerikanische Volksfest in Berlin nach dem Ende des zweiten Weltkrieges die Wiederannäherung der Völker. Volksfeste sind eine kulturelle Ausdrucksform (wie Sprache, Handwerk oder Musik), die von Generation zu Generation weitergegeben und immer wieder neu gestaltet wird.

  • Wirtschaftsfaktor

    Volksfeste sind Besuchermagneten und bedeutender Wirtschaftsfaktor. Volksfeste sind die Werbe-Aushängeschilder der Städte und Gemeinden. Jedes Jahr locken sie Millionen Besucher aus nah und fern in die deutschen Städte und Regionen. Davon profitieren auch der Einzelhandel, Hotels, Gaststätten, Taxibetriebe und der öffentliche Nahverkehr.

  • Integration

    Volksfeste sind Orte des sozialen Miteinanders. Volksfeste sind Orte der Integration und Identifikation („mein Volksfest“). Hier kommen Menschen von jung bis alt, von unterschiedlicher Herkunft und aus unterschiedlichen sozialen Schichten zusammen. Ihre soziale Funktion wird uns auch von den deutschen Gerichten, allen voran dem Bundesverwaltungsgericht (2009) bestätigt. Sie heben die Ausrichtung traditioneller Volksfeste und Weihnachtsmärkte als ein Stück Daseinsvorsorge für die Bürger hervor.

  • Schausteller

    Die Schausteller sind seit jeher die Träger der deutschen Volksfestkultur. Ob Imbiss, Fahrgeschäft oder Schaubude: Schausteller passen den Auftritt ihrer Geschäfte seit Jahrhunderten dem spezifischen Charakter des jeweiligen Volksfestes stets von Neuem an und sorgen so für den richtigen Lokalkolorit und die passende Atmosphäre – vom Nürnberger Frühlingsfest bis zum Dresdner Weihnachtsmarkt. Die Schausteller geben ihr Wissen um die Bespielung der Volksfeste von Generation zu Generation weiter und tragen damit maßgeblich zum Erhalt einer lebendigen Volksfestkultur bei. Dieses Wissen gilt es zu schützen, denn es ist nicht verschriftlicht.

  • Austausch

    Mit ihren Darbietungen fördern die Schausteller den sozialen und kulturellen Austausch über nationale Grenzen und sprachliche Barrieren hinweg. Sie entführen die Besucher in eine Traumwelt und leben den europäischen Gedanken der Völkerverständigung. Sie handeln zukunftsorientiert, bewerben ihre Volksfeste in den neuen Medien und binden Veranstalter und Besucher interaktiv (zum Beispiel auf Facebook) mit ein.

  • Einmalig

    Die gelebte deutsche Volksfestkultur ist einmalig auf der Welt. Die Verknüpfung von Tradition und Moderne und ihr ständiger Wandel machen die deutsche Volksfestkultur so lebendig. Die Vielfältigkeit der Volksfeste spiegelt sich in ihren regional unterschiedlichen Bezeichnungen wider: Die einen sagen „Kirmes“ oder „Kerwe“, die anderen „Messe“ und wieder andere „Markt“. In München zieht es die Besucher auf die „Wiesn“, in Stuttgart auf den „Wasen“, in Franken auf den „Plan“ und in Oberbayern auf die „Dult“. Im Elsass ist es der „Bungert“ und in Norddeutschland heißt die Messe „Brink“. In ihrer Vielfältigkeit repräsentieren die Volksfeste ganz Deutschland und seine Bevölkerung, nicht nur Teile davon. Das unterscheidet sie von anderen Segmenten im Freizeitsektor und macht sie schützenswert.

  • Ziel der Kampagne

    Die Anerkennung der Volksfeste als immaterielles Kulturerbe unterstützt den Fortbestand der Volksfeste. Viele kleine und mittlere Volksfeste und Stadtteilkirmessen mit langer Geschichte kämpfen heute ums Überleben. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Konkurrenz im Freizeitsektor, ein verändertes Freizeitverhalten (mehr Indoor, weniger Outdoor), aber auch ein mangelndes Bewusstsein und nachlässige Behandlung der Feste durch die Veranstalter. Vielerorts arbeiten Schausteller und Kommunen bereits eng zusammen, teilen sich Kosten und erarbeiten neue Marketingkonzepte, um das Fortbestehen der Volksfeste für die Zukunft zu sichern.

  • Ziel der Kampagne

    Mit der Aufnahme der gelebten deutschen Volksfestkultur in die „Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit“ will der DSB die lebendige Volksfestkultur aufrechterhalten. Die Anerkennung der Volksfeste als immaterielles Kulturerbe hilft Politik, Veranstaltern und Schaustellern, die vielen traditionsreichen Volksfeste hierzulande durch kulturpolitische Maßnahmen zu schützen und damit den Volksfesttourismus und die Wirtschaft in den Regionen zu fördern. Denn die Aufnahme kultureller Ausdrucksformen, Bräuche und Traditionen in die Liste des immateriellen Kulturerbes hält diese auch in Zukunft lebendig.

Die größten Rummel sind das Oktoberfest in München, die Cranger Kirmes in Herne, die Rheinkirmes in Düsseldorf und der Cannstatter Wasen, jeweils mehr als vier Millionen Besucher strömen dort jedes Jahr hin – und Schneider ist immer mittendrin. Er sagt: „Wenn ich zu Hause bin, verdiene ich kein Geld.“

Das Geschäft ist hart, und jeder Schausteller muss sich etwas einfallen lassen. In den letzten 15 Jahren ging die Zahl der Volksfestbummler von 178 auf 148 Millionen zurück. In den Neunzigerjahren musste Schneider schmerzlich erfahren, was es bedeutet, wenn man die Aufmerksamkeit der Kundschaft verliert. Sein erstes eigenes Karussell kostete ihn damals 2,7 Millionen Mark und war „ein großer Reinfall“. Die Leute fanden es langweilig. Dann baute er eigenhändig einen Looping ein und erkannte, worauf die Leute abfahren: Adrenalin. Seitdem lautet sein Geschäftsmodell höher, schneller, weiter.

1998 verkaufte er sein Karussell, weil es etwas Neues gab, das fand er „spektakulär“: Freifalltürme. Sein erstes Modell hieß „Power Tower 1“, die Gondel fuhr auf 55 Meter Höhe. Fünf Jahre später kam der Nachfolger, immerhin elf Meter höher. Dieses Jahr sollten es eigentlich 100 Meter werden, Schneider hatte schon alles geplant und mit großem Tamtam auf Facebook verkündet: „Der größte mobile Freifallturm der Welt“. Aber dann gab es Probleme bei der Planung des „Hangover“, erzählt er. Das Fahrgeschäft im Wert von 2,8 Millionen Euro wurde nur 85 Meter hoch – den Superlativ reklamiert er trotzdem für sich.

An diesem sonnigen Mittag Ende Juli, das erste Wochenende der Düsseldorfer Kirmes ist gerade vorbei, steht Schneider auf dem Festplatz an den Rheinwiesen und dirigiert sein Familienunternehmen. „Hömma!“, ruft er. „Zeig den Arbeitern, was die noch machen müssen, Ewald!“ Schneiders 18-jähriger Sohn, Junior-Unternehmer, heißt wie der Senior. „Victoria, gibst du den beiden hier mal ihr Geld?“ Die 22-jährige Tochter hilft bei der Abrechnung. „Kommst du mal?“ Seine Frau Christina stammt ebenfalls aus einer Schaustellerfamilie, sie haben sich vor 24 Jahren auf einem Volksfest kennengelernt.

Jagd nach dem Höhenrekord ist kritisch

In Deutschland leben zwei Schausteller, die sein Geschäftsgebaren nicht so spaßig finden – denn sie wollen die Größten sein. Der Münchner Michael Götzke preist seinen Turm „SkyFall“ mit dem gleichen Weltrekord an wie Schneider, dabei ist er nur 80 Meter hoch. Andreas Zinnecker aus dem bayrischen Egglkofen motzt seinen „Mega King Tower“ gerade auf, um Schneider nachzueifern. Der deutsche Schaustellerbund dagegen sieht die Jagd nach dem Höhenrekord kritisch. Man wolle ja nicht, dass nur noch Düsenjäger-Piloten die Fahrgeschäfte nutzen, sagt Präsident Albert Ritter.

Es scheint aber genügend zu geben, denn seit sich Schneider auf Türme spezialisiert hat, sind Volksfeste für ihn Erfolgsfeste. Er mache einen siebenstelligen Umsatz, sagt der Unternehmer. Und wie viel Gewinn? „Moment, da muss ich meinen Steuerberater fragen.“ Ein Anruf, dann eine Zahl. 20 Prozent vor Steuern bleiben übrig.

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Schneider schaut auf die Uhr, gleich macht die Kirmes auf. Statt seiner soll Sohn Ewald mit auf dem „Hangover“ fahren. Der 18-Jährige klettert in die Sitzschalen und schließt den Bügel. Es geht hoch. Die Beine baumeln frei in der Luft, die Gondel dreht sich, die Aussicht ist atemberaubend. „Guck während der Fahrt nach oben, das ist das Geilste“, sagt Ewald. Aus den Lautsprechern schallt ein Countdown. Drei, zwei, eins ... Die Haken lösen sich, die Gondel rast Richtung Boden, drei Sekunden freier Fall, Kirmes für die inneren Organe. Ewald grinst wie ein Junkie nach dem Kick. „Das Gefühl ist immer da, auch nach dem 100. Mal.“

Das ist insofern praktisch, als dass es höher als 85 Meter für Schneider junior und senior so schnell nicht hinausgehen wird. Der Traum des 100-Meter-Turms ist erst mal aufgegeben, Schneider muss jetzt zehn Jahre lang den neuen Turm abbezahlen.

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