Neuer Bahnchef Richard Lutz: Bund baut kompletten Bahnvorstand um

exklusivNeuer Bahnchef Richard Lutz: Bund baut kompletten Bahnvorstand um

, aktualisiert 14. März 2017, 08:39 Uhr
von Christian Schlesiger

Die Veränderungen im Vorstand der Deutschen Bahn werden größer als erwartet. Die Bundesregierung hat sich nicht nur auf Richard Lutz als neuen Bahnchef festgelegt, sondern auch auf einen kompletten Umbau des Vorstands.

Das erfuhr die WirtschaftsWoche aus Regierungskreisen. So soll der Vorstand der Deutschen Bahn künftig aus sechs statt fünf Personen bestehen. So soll es künftig einen neuen Vorstand für Digitalisierung und Technik geben. Die Digitalisierung gehöre zu den wichtigen Zukunftsfeldern des Konzerns, heißt es aus dem Umfeld der Regierung. Damit wolle die Politik ihren Gestaltungsanspruch bei der Deutschen Bahn unterstreichen. 

Außerdem ist geplant, den bisherigen Vorstandsbereich von Berthold Huber zu trennen, der bislang sowohl für den Personenverkehr als auch für den Güterverkehr zuständig ist. Gesucht wird nun ein neuer Vorstand für den kriselnden Cargobereich.

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Darauf verständigten sich am Montagabend die Minister Alexander Dobrindt (CSU), Wolfgang Schäuble (CDU), Peter Altmaier (CDU) und Sigmar Gabriel (SPD). Eine Benennung der neuen Vorstandsposten soll erst nach der Aufsichtsratssitzung am 23. März erfolgen. Im Gespräch sind nach Informationen der WirtschaftsWoche der bisherige Technikvorstand bei Siemens, Siegfried Russwurm. Er könnte den Bereich Digitalisierung übernehmen. Für die Gütersparte ist Sigrid Nikutta im Gespräch, die derzeit die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) leitet. 

Hochgeschwindigkeitszüge in anderen Ländern

  • Italien

    In Italien konkurrieren zwei Anbieter von Schnellzügen um die Kunden. Neben der Staatsbahn Trenitalia gibt es seit 2012 auch die privaten Italo-Züge. Italo bedient mit seinen schnellen und modernen Zügen des französischen Konzerns Alstom weniger Strecken als Trenitalia, setzt aber vor allem auf Komfort und Service. So gibt es in der ersten Klasse Essen am Platz, dazu kommen Wlan und die Möglichkeit eines eigenen Unterhaltungsprogramms. Trenitalia hat vor kurzem seinen neuen Frecciarossa 1000 präsentiert, der bis zu 400 Stundenkilometer schnell fährt. Die Freccia-Züge setzen eher auf gute Verbindungen, hohe Geschwindigkeit und wenige Haltepunkte. In den Schnellzügen beider Anbieter gilt generell eine Reservierungspflicht.

  • Spanien

    In Spanien hebt das staatliche Eisenbahnunternehmen Renfe vor allem die Pünktlichkeit der mit Höchstgeschwindigkeiten von bis zu 310 Stundenkilometern fahrenden Schnellzüge hervor. Ab Herbst sollen die Waggons zunächst auf der Strecke zwischen Madrid und Barcelona mit Wlan ausgestattet werden. Der Hochgeschwindigkeitszug AVE hat im Juli 1,84 Millionen Reisende transportiert und damit einen neuen Rekord aufgestellt. Mit einem Streckennetz von knapp 3150 Kilometern ist das AVE-System im europäischen Highspeed-Sektor führend. In den kommenden Jahren soll das Netz für rund zwölf Milliarden um weitere 1850 Kilometer erweitert werden. Geplant sind außerdem 30 neue Züge im Wert von 2,65 Milliarden Euro.

  • Frankreich

    In Frankreich soll 2022 eine neue Generation des Hochgeschwindigkeitszugs TGV in Betrieb gehen. Das Modell wird vom Bahnkonzern SNCF und dem Siemens-Rivalen Alstom gemeinsam entwickelt. Der neue TGV soll billiger und sauberer werden und in der Anschaffung sowie im Betrieb mindestens 20 Prozent günstiger sein. Geplant ist außerdem, den Energieverbrauch um mindestens ein Viertel zu senken. Der erste TGV ging 1981 an den Start und war der Vorreiter der Hochgeschwindigkeitszüge in Europa. Er verbindet die wichtigsten Städte des Landes. Die mehr als 400 Kilometer von Paris bis Lyon schafft er mit teilweise über 300 Stundenkilometern in rund zwei Stunden.

  • Großbritannien

    Der wohl bekannteste Schnellzug in Großbritannien ist der Eurostar, der Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 320 Kilometern pro Stunde erreichen kann. Seit Ende 2015 ist das Modell e320 von Siemens im Einsatz und verbindet London, Paris und Brüssel. Auf der Hochgeschwindigkeitstrasse High Speed 1 (HS 1) zwischen London und dem Eurotunnel fährt aber auch der sogenannte Class 395 „Javelin“ der britischen Eisenbahngesellschaft Southeastern Railway, der 225 Stundenkilometer erreicht. Gestritten wird wegen hoher Kosten über eine Nord-Süd-Trasse (HS 2) zwischen London, Birmingham, Sheffield, Manchester und Leeds. Der Bau der Strecke soll 2017 beginnen - das Parlament hat aber bisher nur für einen Teil grünes Licht gegeben.

  • Polen

    In Polen setzt die Staatsbahn PKP auf Schnelligkeit und Komfort. Für umgerechnet etwa sieben Milliarden Euro ließ das Unternehmen seit 2012 Schienennetz, Bahnhöfe und Züge erneuern. Zum Modernisierungsprogramm gehört etwa der Kauf der elektrischen Triebzüge ED250 Pendolino des Herstellers Alstom. Sie erreichen eine Höchstgeschwindigkeit von 250 Stundenkilometern. Für eine bequeme Reise sorgen ausziehbaren Sitze, individuelle Beleuchtung und Steckdosen an jedem Platz. Diesen Komfort in der Kategorie Express InterCity Premium (EIP) soll sich mittels Frühbucherrabatten jeder leisten können. Tickets gibt es ab umgerechnet 11 Euro. Ein Imbiss und sowie ein Getränk an Bord sind im Preis inbegriffen.

  • Japan

    Japans derzeit schnellster Zug ist der Shinkansen. Da der Eisenbahnbetrieb auf nationaler Ebene seit den 1980er Jahren privatisiert ist, gibt es mehrere Betreiber für die Hochgeschwindigkeitszüge. Die meist befahrene Strecke zwischen Tokio und Osaka fällt unter die Zuständigkeit des Bahnunternehmens JR Tokai. Dieses verfolgt angesichts des immer heftigeren Konkurrenzkampfes mit Billigfliegern die Ziele, schneller, komfortabler und sicherer zu werden, ohne dabei die Preise zu senken. Mit einem neuen Bremssystem sollen die rund 130 Züge zudem mit einer Höchstgeschwindigkeit von 285 km pro Stunde fahren können.

Wer in den vergangenen Wochen danach fragte, welche Eigenschaften ein neuer Bahnchef in seinem Bewerbungsschreiben angeben müsste, der bekam innerhalb der großen Koalition immer wieder zwei Dinge zu hören: Zum einen müsse der Neue technisches und operatives Know-how vorweisen können. Zum anderen müsse er Lust daran verspüren, ständig im Fokus des medialen Interesses zu sein. Auf Richard Lutz trifft beides nicht zu. Dass der bisherige Finanzvorstand und Interimschef der Deutschen Bahn künftig den Staatskonzern dauerhaft leiten soll, ist eine Überraschung. Zudem wird Lutz das Finanzressort offenbar weiter führen. Lutz ließ in den vergangenen Wochen selbst mehrfach durchblicken, dass er sich nicht als Nachfolger von Rüdiger Grube sehe. Grube hatte seinen Posten Anfang des Jahres von einem auf den anderen Tag zur Verfügung gestellt, nachdem er sich nicht mit dem Aufsichtsrat auf eine Verlängerung seines Vorstandsvertrages einigen konnte. Lutz übernahm die Bahn vorübergehend - und fand offenbar Spaß an der Aufgabe. 

Der 52-jährige ist ein echtes Eigengewächs der Bahn. Im Jahr 1994 kam der promovierte Kaufmann mit 30 Jahren zum Konzern. Schnell wurde er damals Vertrauter des damaligen Finanzvorstands Diethelm Sack. Sack war die rechte Hand von Hartmut Mehdorn. Lutz wurde 2009 Finanzvorstand. Er fügte sich perfekt ein in die Rolle des Zahlenexperten, der seinen Chef mit fundierter Expertise zur Seite sprang, wenn es darauf ankam. Zwar wirkte Lutz vor allem im Hintergrund, doch die Bilanzpressekonferenzen des Konzerns leitete Grube immer gemeinsam mit ihm.  

Neue Züge der Deutschen Bahn

  • ICx: Der Komfortable

    Die neuen ICx von Siemens erhalten eine Beleuchtung, die sich an Zeit und Außenstimmung anpasst. Zudem erlauben sie die Mitnahme von Rädern. Die ersten der 130 bestellten Züge kommen 2017. Investition: 5,3 Milliarden Euro. Pro Jahr liefert Siemens 20 Stück. Ein rund 200 Meter langer Zug besteht beim ICx aus sieben statt acht Wagen wie beim ICE. Das senkt Kosten und bringt mehr Sitzplätze. Siemens baut zwei Modelle: 345 und 202 Meter lang, Höchsttempo 249 und 230 Kilometer pro Stunde.

  • IC Dostock: Der Schlichte

    Die Doppelstockzüge von Bombardier kommen vor allem auf Nebenstrecken zum Einsatz. Anders als im Nahverkehr, wo sie bereits als Regionalexpress unterwegs sind, erhalten die 44 bestellten Dostocks das blaue Velours-Ambiente eines Intercity. Investition: 660 Millionen Euro. Es gibt keinen Schnickschnack: Sitzreihen und Toiletten sind enger, kein Bordrestaurant, stattdessen mobiler Gastro-Service. Betriebliche Vorteile: Die Züge sind in der Länge variabel und gelten als extrem verlässlich.

Lutz steht für Kontinuität. Er verteidigte immer wieder eifrig die Struktur des integrierten Konzerns, der das Schienennetz betreibt und gleichzeitig Wettbewerber ist. Der Manager wird außerdem den von Grube Ende 2015 initiierten Sanierungsprozess fortsetzen. Die Bahn verzeichnete damals den ersten Konzernverlust seit zwölf Jahren. Vor allem die Güterverkehrssparte riss den Konzern ins Minus. Seit etwas mehr als einem Jahr investiert die Bahn nun mehr Geld in die Vermeidung von Problemen statt erst dann einzugreifen, wenn die Probleme entstehen.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt traut Lutz offenbar zu, die Deutsche Bahn wieder auf die Erfolgsspur zu bringen. Eigentlich fehlt Lutz die operative Erfahrung. Er war im Vorstand zwischenzeitlich zwar  für die Logistiktochter Schenker und die Nahverkehrstochter Arriva zuständig. Doch seine Hauptaufgabe bestand darin, die beiden Konzerntöchter in Teilen zu verkaufen. Die Börsenpläne scheiterten dann allerdings, nachdem der Brexit den Wert der britischen Tochter Arriva sinken ließ und der Bund der Bahn überraschend ein Milliardengeschenk zum Schuldenabbau überreichte. 

Weil Lutz aber nicht aus dem operativen Geschäft kommt, plant der Bund weitere Veränderungen im Vorstand. So soll der Vorstand der Deutschen Bahn künftig aus sieben statt fünf Personen bestehen. Ein neuer Vorstand für Digitalisierung und Technik kümmere sich dann um eines der wichtigen Zukunftsfelder des Konzerns, heißt es aus Regierungskreisen. Damit wolle die Politik ihren Gestaltungsanspruch bei der Deutschen Bahn unterstreichen. 

Außerdem ist geplant, den bisherigen Vorstandsbereich von Berthold Huber zu trennen, der bislang sowohl für den Personenverkehr als auch für den Güterverkehr zuständig ist. Gesucht wird nun ein neuer Vorstand für den kriselnden Cargobereich. Darauf verständigten sich gestern Abend die Minister Alexander Dobrindt (CSU), Wolfgang Schäuble (CDU), Peter Altmaier (CDU) und Sigmar Gabriel (SPD). Eine Benennung der neuen Vorstandsposten soll erst nach der Aufsichtsratssitzung am 23. März erfolgen. Im Gespräch sind nach Informationen der WirtschaftsWoche der bisherige Technikvorstand bei Siemens, Siegfried Russwurm. Er könnte den Bereich Digitalisierung übernehmen. Für die Gütersparte ist Sigrid Nikutta im Gespräch, die derzeit die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) leitet. Die Personalien sind vor allen eine Niederlage für Bahnvorstand Ronald Pofalla. Der frühere Kanzleramtsminister wurde als neuer Bahnchef gehandelt. Allerdings hat sich die SPD gegen eine Benennung des CDU-Politiker gestellt. Pofalla sei im Wahljahr nicht zu vermitteln. Außerdem fehle ihm auch operative Erfahrung. Anders als Lutz ist Pofalla erst seit knapp zwei Jahren im Amt.

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