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Einzelhandel: Warum Lidl bei den Mindestlöhnen vorprescht

von Henryk Hielscher

Ernstgemeinter Vorstoß oder billiges PR-Manöver? Ausgerechnet der umstrittene Lebensmitteldiscounter Lidl plädiert für einen branchenweiten Mindestlohn im Einzelhandel. Was hinter dem Lidl-Vorstoß wirklich steckt.

Lidl-Mitarbeiter bei einem Quelle: dpa
Lidl-Mitarbeiter bei einem Firmenlauf Quelle: dpa

Das hat wohl niemand erwartet: Ausgerechnet der umstrittene Lebensmitteldiscounter Lidl plädiert für Mindestlöhne im Einzelhandel. Das Unternehmen war in den vergangenen Jahren immer wieder selbst wegen schlechter Arbeitsbedingungen und Bespitzelungsmethoden unter Druck geraten. Nun schreibt der Lidl-Aufsichtsratschef Klaus Gehrig in einem Brief an den Bremer Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel: "Wir teilen Ihre Auffassung, dass im Einzelhandel unbedingt Mindestlöhne eingeführt werden müssen". Damit würde „die Möglichkeit und der Missbrauch von Lohndumping, der auch vereinzelt im Handel zu sehen ist, unterbunden." Hickel hatte sich zuvor kritisch in einer Fernsehsendung über Lidl geäußert.

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Dass es sich bei dem Schreiben nicht um die Korrespondenz des Privatmanns Gehrig handelt, ist offensichtlich. Der Brief wurde auch an mehrere Zeitungsredaktionen geschickt, unter anderem an die "Financial Times Deutschland", die daraus zitiert.

Mindestlohn-Inszenierung als vorbeugende Öffentlichkeitsarbeit

Weniger klar ist, warum Lidl ausgerechnet jetzt Position in Sachen Mindestlohn bezieht. Doch auch dafür gibt es mehrere Erklärungsansätze. Zum einen hat Lidl beim Thema Mindestlohn wenig zu befürchten. Der Konzern zahlt über Tarif. Und die bisherige Kritik an dem Discounter wendet sich auch nicht - wie bei der Drogeriekette Schlecker oder dem Textildiscounter Kik - gegen die schlechte Bezahlung der Mitarbeiter.

Vielmehr ging es bislang meist um die Arbeitsbedingungen bei Lidl: Mitarbeiter seien systematisch und mit Stasi-Methoden bespitzelt worden, das Arbeitspensum sei zu hoch, die Gründung von Betriebsräten werde nach Kräften torpediert, lauten seit Jahren die Vorwürfe der Gewerkschaft Verdi. Selbst wenn nun also ein Mindestlohn eingeführt werden würde, was derzeit völlig unwahrscheinlich ist, hätte das wohl keine Auswirkungen auf den Discountriesen aus Neckarsulm.

Dass sich der Konzern mit dem Mindestlohn-Vorstoß als Hüter der Arbeitnehmerrechte inszeniert, dürfte indes Teil prophylaktischer Öffentlichkeitsarbeit sein. Bei vergangenen Skandalen hatte der Konzern oft zu spät reagiert, das Management hatte zu lange geschwiegen, um die öffentliche Meinung positiv zu beeinflussen.

Nun, so könnte man den Mindestlohnvorstoß jedenfalls interpretieren, will Lidl ein anderes Thema setzen, um neue Vorwürfe im Vorfeld abperlen zu lassen. Zwar haben sich die Arbeitsbedingungen bei Lidl in den vergangenen Monaten verbessert, räumen Gewerkschafter ein. Doch noch immer liege einiges im Argen.

"Menschenverachtende, gesetzeswidrige Praktiken"

In den kommenden Tagen wird das Buch einer Lidl-Betriebsrätin erscheinen, die jahrelang um ihre Rechte kämpfen musste. In dem 200-Seiten-Band „Ihr kriegt mich nicht klein!“ prangert Ulrike Schramm-de Robertis unbezahlte Überstunden, Arbeitsdruck und die Willkür von Vorgesetzten bei Lidl an. Verdi-Chef Frank Bsirske kritisiert im Vorwort gar „menschenverachtende, gesetzeswidrige Praktiken“ bei dem Discounter.

Auf eine Anfrage der WirtschaftsWoche zu diesen Vorwürfen antwortete das Unternehmen „Lidl ist ein verlässlicher Arbeitgeber, der seinen Mitarbeitern sichere Arbeitsplätze, vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten und eine übertarifliche Entlohnung garantiert.“ Dass dies von den Mitarbeitern anerkannt werde, zeige eine unabhängige Mitarbeiterbefragung, in der die Mitarbeiter die Verbundenheit mit dem Unternehmen mit der Schulnote 1,88 bewertet hätten.

Bei der Gewerkschaft Verdi sieht man diese Aussagen skeptisch. Die stellvertretende Verdi-Vorsitzende Margret Mönig-Raane sieht bei Lidl zumindest "Nachholbedarf" in Sachen Mitbestimmung:  "Noch immer ist das Arbeitsklima so,  dass Beschäftigte sich nicht trauen aus Angst vor Repressalien, eine Arbeitnehmervertretung zu wählen", sagte Mönig-Raane der WirtschaftWoche. Generell begrüßte die Gewerkschafterin indes den Mindestlohn-Vorschlag: „Es ist dringend notwendig, im Einzelhandel verbindliche Lohnuntergrenzen tariflich festzulegen" , so Mönig-Raane, "ich begrüße, das Lidl diesen Weg offenbar unterstützt."

6 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 20.02.2010, 00:47 UhrAnonymer Benutzer: Giorgio

    Schramm de Roberti gefällt sich in der
    Öffentlichkeit. So hat sie mittlerweile
    jeglichen bezug zur Realität verloren.

  • 18.02.2010, 23:27 UhrAnonymer Benutzer: M.

    ich bin stolz auf Dich Ulricke

  • 17.02.2010, 22:40 UhrAnonymer Benutzer: Rechner

    Teil2: Einige Kennzahlen Deutschlands der letzten 10 Jahre:
    - schlechteste Lohnentwicklung in Europa mit sinkenden Reallöhnen
    - 27% prekäre beschäftigungen, mehr als Amerika
    - keine Mindestlöhne als untere Grenze sondern nur ein HiV-Quasi-Mindestlohn auf tiefster Ebene
    - Lohnquote in den letzten 30 Jahren um etwa 14 Prozentpunkte gesunken, dies entspricht einem Lohnverlust von etwa 20%.
    - die Liste der Negativmerkmale ließe sich fast beliebig fortsetzen.
    Gleichzeitig werden die noch erzielten Gewinne entweder legal internationalisiert, oder in Form von Steuerflucht illegal der Allgemeinheit entzogen, seriöse Schätzungen gehen von mehr als 500 Mrd steuerflüchtigem Kapital aus!!
    Zusätzliche Verminderungen des verfügbaren Einkommens ergeben sich durch die Kapitalsammelstellen der von eben jenen „Wirtschaftskoryphäen“ propagierten privaten Vorsorgeeinrichtungen wie Riester und Co., die eigentlich nur dazu dienen Spielkapital und boni für die internationalen agierenden Spielcasinos und deren Mitspieler zu generieren.
    …und die bevölkerungsschicht die dies vorantreibt, gehört sicher nicht zu den Umsatztreibern von Aldi, Lidl und Co !!
    insofern ist der Vorstoß von Lidl folgerichtig und ein Stück Zukunftssicherung, dem sich unter rationalen Gesichtspunkten zumindest alle Unternehmen die vorwiegend in der binnenwirtschaft beheimatet sind, anschließen müssten.

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