Drei Jahre Lebensmittel-Embargo in Russland: Der Zwang zum regionalen Essen

Drei Jahre Lebensmittel-Embargo in Russland: Der Zwang zum regionalen Essen

, aktualisiert 06. August 2017, 16:43 Uhr
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Wir verkaufen reine Produkte, in denen nur enthalten ist, was auf dem Etikett steht. Es gibt keine verdeckten Zusatz-, Ersatz- oder Konservierungsstoffe.“

Quelle:Handelsblatt Online

Seit drei Jahren führt Russland keine westlichen Lebensmittel mehr ein. Das hilft heimischen Produzenten, macht die Lebensmittel aber auch teurer.

MoskauEs ist Gurkenzeit in Russland. Dicht aufeinander gestapelt liegt das grüne Gemüse in geflochtenen Körbchen in einer Filiale der beliebten Moskauer Supermarktkette WkusWill. Appetitlich und saftig locken auch Tomaten und Äpfel die Kunden.

Wie kaum ein Supermarkt in der russischen Hauptstadt setzt WkusWill – auf Deutsch etwa „der Geschmack des Landes“ – auf regionale Lebensmittel. Ob Hackfleisch oder Käse - alles komme von Erzeugern aus der Umgebung, sagt Firmensprecher Jewgeni Schtschepin. „Wir verkaufen reine Produkte, in denen nur enthalten ist, was auf dem Etikett steht. Es gibt keine verdeckten Zusatz-, Ersatz- oder Konservierungsstoffe“, sagt er der Deutschen Presse-Agentur.

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Regionale Produktion gilt in Deutschland seit Jahren als Gütesiegel. In Russland wächst das Bewusstsein dafür vor allem seit Beginn der Sanktionsschlacht mit dem Westen 2014. Russlands Importverbot für Lebensmittel aus EU und USA jährt sich am Sonntag zum dritten Mal.

Damit wehrt sich Moskau gegen die Sanktionen des Westens im Ukraine-Konflikt. Fleisch, Milch, Obst und Gemüse sollen seitdem aus heimischer Produktion verkauft werden. Was in Russland nicht hergestellt wird, kommt aus Zentralasien, Nordafrika oder Südamerika.

Im Juni hatte Präsident Wladimir Putin das Embargo bis Ende 2018 verlängert. Als eine „großartige Nachricht für die heimische Landwirtschaft“ feierte dies Agrarminister Alexander Tkatschow. Keine Frage, dass es dabei auch um Protektionismus geht. Noch zehn Jahre brauche Russland das Importverbot, denn es fördere die Investitionen. „Wir verlieren dabei nichts, wir gewinnen nur.“

Ganz so überzeugt sind nicht alle Experten. Gäbe es das Embargo nicht, wären Lebensmittel in Russland im Durchschnitt drei Prozent billiger, haben Forscher der Russischen Akademie für Volkswirtschaft (RANEPA) der Zeitung „RBK“ zufolge ausgerechnet. Verbraucher würden demnach ohne Verbot 4400 Rubel (rund 60 Euro) im Jahr sparen.

Bei WkusWill ist man indes überzeugt, dass das Embargo das Geschäft beflügelt. Käse sei ein gutes Beispiel, meint Sprecher Schtschepin. Seit kaum noch westlicher Käse auf den Markt kommt, habe der Absatz von russischen Kreationen zugenommen. „Das hat uns sehr gewundert“, sagt Schtschepin.

„Unsere Hersteller gehen inzwischen davon aus, dass sie ihren Käse sogar teurer verkaufen könnten, sollte das Embargo plötzlich fallen.“ Allerdings arbeitet WkusWill mit Kleinherstellern. Die Qualität der russischen Massenproduktion kritisieren Verbraucher.


Fünf neue Geschäfte pro Woche

In einer Stadt wie Berlin ginge ein Geschäft wie WkusWill wohl als hipper Bio-Laden durch. Das Firmenlogo strahlt in sattem Grün, das Personal bedient in grünen Fleecejacken. Mit 80 bis 220 Quadratmetern Fläche sind die Läden kleiner als die der Konkurrenz. Die Verpackungen kommen ohne bunte Bildchen aus und beschränken sich auf die nötigsten Angaben. Die Botschaft dieses Minimalismus: Auf den Inhalt kommt es an, nicht auf das Äußere.

Den Erfinder von WkusWill feiert die Fachpresse wie einen Rockstar. Die Wirtschaftszeitung „RBK“ wählte den 42-jährigen Andrej Kriwenko 2016 zum Unternehmer des Jahres. Auf Fotos betont Freizeitkleidung sein jugendliches Aussehen, in Interviews gibt er sich locker.

Als der ausgebildete Manager Kriwenko 2009 mit geringem Kapital sein erstes Geschäft – noch unter anderem Namen – eröffnet, nimmt das Projekt rasant an Fahrt auf. Angaben zu Umsatz und Gewinn will WkusWill nicht machen. Experten gehen der Zeitung „Wedomosti“ zufolge von 5,6 Milliarden Rubel Umsatz 2015 und von 15 Milliarden 2016 aus. Für 2017 halten sie bis zu 28 Milliarden (400 Millionen Euro) für möglich.

500 Lieferanten hat die Kette inzwischen. Trotz Rezession und Sanktionen wurden phasenweise fünf neue Geschäfte pro Woche eröffnet. Rund 360 Filialen gibt es, innerhalb von 3 Jahren sollen es 1000 werden. Doch die Firma will ihren regionalen Charakter wahren und sich auf den Großraum Moskau beschränken.

Neben WkusWill springen immer mehr Unternehmer auf das Geschäft mit regionalen Produkten auf. Ein angesagter Burger-Laden im Zentrum von Moskau setzt auf lokales Fleisch und verkauft zusätzlich an einer Kühltheke saftige Steaks zum Selberbraten. Eine kleine Metzgerei mit einer Handvoll Filialen bietet Ware aus dem Gebiet Twer nördlich von Moskau an – im Gegensatz zum günstigeren WkusWill zu stolzen Preisen.

Der Unternehmerverband Opora Rossii setzt darauf, dass die Sanktionen noch lange andauern. „Wozu brauchen wir teure polnische Äpfel, wenn es die russischen gibt?“, sagt Präsidiumsmitglied Juri Sawelow dem Radiosender Kommersant FM. Wenn heute wieder Importware auf den Markt käme, hätten die meisten Hersteller echte Probleme, schätzt er.

Quelle:  Handelsblatt Online
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